Lebensmittel zu Unrecht abgewertet? Schluss mit Skandalisierung: Kritik an Lebensmitteltests

Vorsichtshalber in den Müll? Meldungen über Rückstände von potenziell giftigen Stoffen in Lebensmitteln verunsichern die Verbraucher. Oft landen einwandfreie Lebensmittel deshalb im Müll. Die Lebensmittelwirtschaft kritisiert Warentests und fordert Aufklärung.

Lebensmittellabor
Sind Warentests zu wenig transparent und anhand zu strenger Testkriterien erstellt? Verbraucher sind verunsichert. Das verstärkt die Lebensmittelverschwendung, kritisieren Verbände. - © Satawat - stock.adobe.com

Es sind meist die Schlagzeilen, die schon genügen, um ein unsicheres Gefühl auszulösen. Wenn es um unser tägliches Essen geht, wollen wir Sicherheit – und wissen, was drin ist. Bleibt die Frage, wie genau wollen wir es wissen? Angesichts immer besserer Analysemethoden wird die Wahrscheinlichkeit, unerwünschte Stoffe in Nahrungsmitteln nachweisen zu können, immer höher. "Es ist eine Utopie, dass sich natürlich vorkommende Kontaminanten, wie Mykotoxine auf dem Feld oder Schwermetalle aus dem Boden, ubiquitär vorkommende Mineralölverbindungen oder Rückstände von zugelassenen Pflanzenschutzmitteln komplett vermeiden lassen", erklärt Anne-Kristin Barth, die Sprecherin des Verbands der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS), zu dem auch die handwerklich arbeitenden Müller gehören. Sie weist jedoch gleichzeitig darauf hin, dass Lebensmittel noch nie so sicher waren wie heute.

Lebensmittelverschwendung wegen zu kritischer Warentests?

Die Tatsache, dass es hierbei scheinbar einen Widerspruch gibt, hat der VGMS gemeinsam mit der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL) zum Anlass genommen, um die kritische Berichterstattung von Testmagazinen online und offline in Frage zu stellen. Denn die darin veröffentlichten Lebensmitteltests – und vor allem deren Testkriterien – würden Lebensmittel in ein falsches Licht stellen, die allen gesetzlichen Vorgaben und Grenzwerten entsprechen. Die Folge: Einwandfreie Lebensmittel landen im Müll.

Gemeint sind Berichte über Belastungen und Rückstände, die zumeist weit unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte liegen und die eine schlechte Bewertung bekommen, weil sie den selbst festgelegten Standards der Testredaktionen nicht entsprechen. Der VGMS kritisiert diese extrem niedrigen Sekundärstandards, die Lebensmittel grundlos abwerten und über die zu wenig aufgeklärt wird.

"Für Verbraucherinnen und Verbraucher ohne Fachwissen ist es schwierig, z.B. toxikologische Werte richtig einzuordnen, Gefahren oder Risiken richtig zu bewerten. Hier sehen wir die Testredaktionen in der Pflicht, sachgemäße Zusammenfassungen und Hintergrundinformationen zur Einordnung ihrer Testergebnisse zur Verfügung zu stellen, Zielkonflikte deutlich zu machen, aber auch auf skandalisierende Sprache zu verzichten. Sie stehen in der Verantwortung, transparent aufzuklären und eben nicht Ängste zu schüren", beschreibt die Verbandssprecherin die Kritik an der aktuellen Praxis. Denn die extrem niedrige Sekundärstandards würden den Glauben von Verbraucherinnen und Verbrauchern bekräftigen, dass es eine durchgängige Vermeidung von unerwünschten Stoffen in der Lebensmittelproduktion geben kann. "Hier brauchen wir sachgemäße Aufklärung statt Skandalisierung", sagt Anne-Kristin Barth.

Kritik an Berichterstattung: Nachbesserungsbedarf bei Warentests

Unterstützung bekommt der VGMS durch Anne Baumann, die stellvertretende Geschäftsführerin der AöL. Auch sie kritisiert, das einwandfreie Lebensmittel, die alle gesetzlichen Vorgaben einhalten, niemals so bewertet werden dürften, dass Verbraucherinnen und Verbraucher deren Konsum als Gefahr wahrnehmen. "Hier sehen wir bei einigen Produkttestern Nachbesserungsbedarf", sagt sie und bringt wieder den Fokus auf das Thema der Lebensmittelverschwendung, die die Folge einer unverständlichen Berichterstattung wären.

In einer gemeinsamen Presseveröffentlichung haben beide Verbände formuliert, dass sie sich mehr Sachlichkeit in der Berichterstattung wünschen. "Skandalisierende Überschriften führen zur Lebensmittelverschwendung, wie Statements von Verbrauchern ‚Schmeiß ich dann mal lieber weg‘ auf einschlägigen Plattformen eindrücklich zeigen", heißt es darin.

Anne-Kristin Barth konkretisiert dies, indem sie ein Beispiel nennt: "In nahezu jedem Test wird über Mineralölbestandteile berichtet – denn sie lassen sich in vielen Lebensmitteln nachweisen. ‚Mineralöl‘ hört sich ja auch gefährlich an", sagt sie und führt weiter aus, dass hierbei verschiedene Mineralölkohlenwasserstoffe gemeint sind. Solche Stoffe kommen überall in der Umwelt vor. Es seien verschiedenste Eintragswege über die gesamte Produktionskette hinweg denkbar – angefangen im Ackerbau über den Erfassungshandel bis hin zur Verarbeitung von agrarischen Rohstoffen und auch bis zur Lagerung im Handel oder in den privaten Haushalten selbst.

Schon seit Jahren gebe es ein gemeinsames Projekt von Länderbehörden und Lebensmittelwirtschaft zur Reduzierung unerwünschter Einträge von Mineralölkohlenwasserstoffen. Darin seien auch Richtwerte festgelegt worden, die die Lebensmittelunternehmen zuverlässig einhalten. Ihre Kritik: "Lebensmittel werden immer wieder abgewertet, selbst wenn Mineralölkohlenwasserstoffen weit unterhalb der vereinbarten Richtwerte nachgewiesen werden", erklärt Barth. Wichtig zu wissen sei dabei auch, dass die Testergebnisse lediglich eine Momentaufnahme sind. "Andere Produktchargen oder selbst eine andere Packung der gleichen Charge eines Herstellers kann frei von Rückständen sein."

Lebensmittelverschwendung: Testkriterien von Warentests sollen transparent und nachvollziehbar sein

Wichtig ist den Verbänden mit dem Hinweis auf das Thema auch, Lebensmitteln wieder ein stärkeres Wertebewusstsein zuzuschreiben. So führe eine falsche Art und Weise der Berichterstattung über Lebensmittel zu einem Vertrauensverlust. Statt der Sekundärstandards sollten die gesetzlichen Kriterien als Basis für Warentests gelten, fordern VGMS und AöL. Alternativ: Kommen Sekundärstandards zur Anwendung sollten grundsätzlich – nicht nur im Kleingedruckten – sehr transparent sein, dass alle getesteten Lebensmittel sicher, verkehrs- und verzehrfähig sind. "Wäre das anders, würde die Lebensmittelüberwachung einschreiten und Produkte aus dem Verkehr ziehen", sagt Anne-Kristin Barth.

VGMS und AöL fordern die Redaktionen dazu auf, mehr Verantwortung für einen nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln zu übernehmen. In ihrem gemeinsamen Schreiben weisen die Verbände deshalb auch auf die Zahlen hin, die das Statistische Bundesamt im Sommer 2022 an die EU-Kommission gemeldet hat: 10,9 Millionen Tonnen Lebensmittel landen jährlich auf dem Müll. 15 Prozent davon stammen aus der Verarbeitung, sieben Prozent aus dem Handel und satte 59 Prozent aus privaten Haushalten. Etwas dagegen zu unternehmen – ein dringender Handlungsbedarf.