TV-Kritik: ARD – "hart aber fair" Bauunternehmer bei hart aber fair: "Jedes Jahr wird es teurer"

Deutschland braucht mehr Wohnraum – darüber sind sich alle einig. Doch in der Praxis wird zu wenig gebaut, der Immobilienmarkt bleibt angespannt – und dann ist da noch die Sache mit Heizung und Dämmung. Der ARD-Talk "hart aber fair" ging der Frage nach den Gründen der "Wohnungsnot" nach – und ein Bauunternehmer stellte klar, wo in der Praxis die Probleme liegen.

Bauunternehmer Dirk Salewski
Bauunternehmer Dirk Salewski zu Besuch bei dem ARD-Talk "hart aber fair". - © Screenshot/Das Erste/Hart aber fair/Menschen suchen ein Zuhause: Wer ist schuld an der Wohnungsnot?

Irgendwie war es klar, dass eine Talkshow, die das Wort "Wohnungsnot" im Titel führt, in diesen Zeiten kaum ohne das aktuelle Thema Heizungsverbot auskommen kann. Gerhard Matzig, Architektur-Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, brachte denn auch nach gut der Hälfte der hart-aber-fair-Ausgabe zum Thema "Menschen suchen ein Zuhause: Wer ist schuld an der Wohnungsnot?" seine Erheiterung darüber zum Ausdruck, dass man "früher oder später bei der Wärmepumpe gelandet" sei. Und auch, wenn vielleicht von der Sendungs-Dramaturgie nicht beabsichtigt, so entfaltete das Thema doch – wenn auch nur recht kurz – eine abrupte Wirkung.

Habecks Heizungs-Verbot: "Ich baue lieber nicht"

Schon vor Matzig hatte nämlich Erdal Balci, der seit einigen Jahren ein bezahlbares Haus für seine Familie sucht, doch noch zugestanden, dass er mit Blick auf die Heizungs-Gesetzgebung von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) doch ganz froh sei, noch Mieter zu sein, denn es sei ja "nichts mehr kalkulierbar". Wer heutzutage investieren wolle, der sage sich: "Ich baue lieber nicht, weil ich nicht weiß, was noch kommt." Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) hatte zuvor noch versucht, das Thema sozusagen als Unterstützung für ihren Ampel-Kollegen herunterzuspielen – Tenor: Erst, wenn eine Öl- oder Gasheizung kaputt geht, muss sie durch eine ökologischere Alternative ersetzt werden –, wirkte dabei aber weder besonders überzeugt noch besonders motiviert, für Habeck in die Bresche zu springen. Zumal der Widerspruch aus der Praxis klar und deutlich war. Denn Bauunternehmer Dirk Salewski hatte betont, wie leichtfertig das Wirtschaftsministerium bei der Vorbereitung des Gesetzes über die Einwände von Fachleuten hinweggegangen sei. "Die Fachverbände hatten vier Tage Zeit für Stellungnahmen, und nichts davon ist im Gesetz gelandet", beklagte er und wünschte sich "ein bisschen mehr Ruhe mit Blick auf derart wichtige Fragen."

Bauvorgaben: "Kranke Wucherungen des Wohnungsmarkts"

Alles verlief hier letzten Ende sehr sachlich – und von der ruhigen Sorte war auch der gesamte Talk, was ihm aber durchaus zu einer gewissen Qualität verhalf. Man ließ sich im Großen und Ganzen ausreden – lediglich Linken-Politikerin Caren Lay fiel den Mitdiskutanten des Öfteren ins Wort und fuhr auch sonst eher auf der populistischen Schiene – und ging argumentativ aufeinander ein. So lenkte Süddeutsche-Journalist Matzig die Runde immer wieder auf ein Thema, das er einmal die "kranken Wucherungen des Wohnungsbaus" nannte. Gemeint waren damit vor allem das Sammelsurium an Vorschriften rund um den Haus- und Wohnungsbau in Deutschland. Matzig sprach davon, dass im Gegensatz zum Autokauf, wo man auch einen soliden Mittelklassewagen kaufen könne, beim Hauskauf "nur noch Ferraris" zu bekommen seien. Etwa beim Trittschall seien die Vorschriften vor einigen Jahren verschärft worden, als im Gefolge immer schärferer Vorschriften für die Schalldämmung nach außen plötzlich die Innengeräusche immer stärker wahrnehmbar wurden. Es gebe insgesamt 3.700 Normen im Baubereich, jede Woche komme eine dazu, nie gehe eine weg.

Dämmung und Energiesparen: "Jedes Jahr wird es teurer"

Auch Bauunternehmer Salewski schlug in diese Kerbe. Er skizzierte beispielsweise anschaulich, wie die Politik mit den Energieeffizienz-Vorgaben zu Neubauten – etwa dem KfW55- oder EH40-Standard – nur noch über Zahlen diskutiere und damit einen "Zug aufs Gleis" setze, der immer weiterfahre – "und jedes Jahr wird es teurer". Das Geschäft mit privaten Neubauten sei mittlerweile zum Erliegen gekommen. "Es wird nicht mehr gebaut", rief Salewski aus. Er müsse als Bauunternehmer aber zusehen, wie er Geld verdiene, und verteilte eine Spitze an den Wirtschaftsminister: es sei schließlich nicht wie von Habeck einmal erwähnt, dass man kein Geld verdienen und trotzdem nicht insolvent gehen könne. Deshalb müsse er sich nun ein wenig in den sozialen Wohnungsbau retten. Dass modulares Bauen ein Weg sein könnte, wie von der Bundesbauministerin vorgeschlagen, diese Hoffnung schlug Salewski in den Wind, indem er aufzählte, dass es 16 Landesbauordnungen gebe und die Kommunen in ihrem Hoheitsgebiet darüber hinaus die Planungshoheit genießen. Damit sei modulares Bauen im ganzen Land kaum möglich.

Auf dem Immobilienmarkt: "Ein ganzes Bündel von Problemen"

Die These der Linken-Politikerin Lay, wonach das Hauptproblem am Immobilienmarkt "die Spekulanten" seien, rückte Salewski ebenfalls zurecht. Laut einer Studie des Architekturprofessors Dietmar Walberg aus Kiel, auf die Salewski sich berief, landeten von einem ausgegebenen Euro beim Immobilienbau 37 Cent in der Staatskasse. Und SZ-Journalist Matzig stellte klar, dass es mit einfachen Thesen hier nicht getan sei, sondern man "ein ganzes Bündel an Problemen" auf dem Immobilienmarkt habe. Die Zinsen etwa seien zwar jüngst gestiegen, aber die Niedrigzinsphase in den Jahren zuvor die eigentliche Ausnahme gewesen. "Bauen ist als solches zu teuer geworden", konstatierte Matzig das aus seiner Sicht grundlegende Problem.

Sozialer Wohnungsbau: Die Mittelschicht bleibt auf der Strecke

In der Tat dürfte es derzeit wohl eine Mischung aus den sprunghaft gestiegenen Zinsen, den auch durch rigide Vorgaben rund um Sicherheit, Komfort und Klimaschutz extrem hohen Kosten für das Bauen und den drohenden Zwängen zu energetischer Sanierung in Verbindung mit dem staatlichen Blick in den Heizungskeller inklusive Austauschpflicht sein, die den Deutschen die Lust am Bauen und Kaufen nimmt. Es ist nicht nur zu teuer, sondern auch zu wenig planbar. Auf diesen gemeinsamen Nenner liefen viele Beiträge hinaus. Dass hierbei Diskussionen um sozialen Wohnungsbau, wie sie Moderator Louis Klamroth, der diesmal einen insgesamt souveränen Job machte, eingangs geführt hatte, genau wie das Bauen im Luxussegment nicht weiterhelfen, brachte ebenfalls Bauunternehmer Salewski auf den Punkt: "Wir brauchen auch Wohnungen für Menschen oberhalb des Wohnberechtigungsscheins. Derzeit bauen wir für Bedürftige und Millionäre, alles dazwischen bleibt auf der Strecke." Damit lieferte er eine griffige Beschreibung für Zustände im Land, wie sie Angehörige der Mittelschicht derzeit nicht nur im Bereich Bauen vorfinden. Das Übergehen dieser Gesellschaftsschicht gehört vielmehr zu oft zur Realität. Für die Pläne der Bundesregierung, pro Jahr 400.000 Wohnungen zu bauen, hatte Salewski denn auch nur feinen Spott übrig: "Den Plan fand ich gut. Es wäre noch besser gewesen, wenn er geklappt hätte."

>>> Die komplette Sendung können Sie sich hier ansehen: Menschen suchen ein Zuhause: Wer ist schuld an der Wohnungsnot?