Wohin können sich Handwerker wenden, wenn sie sich in der Entwicklungszusammenarbeit engagieren wollen? Die Organisation "Senior Experten Service" und das Projekt "Handwerker ohne Grenzen" vermitteln Interessierte an Projekte in Entwicklungsländern und helfen bei der Kontaktaufnahme.

Als deutscher Handwerker einen Fuß in die Tür der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) zu bekommen, ist gar nicht so schwer. Die deutsche Gesellen- und Meisterausbildung besitzt im Ausland einen hervorragenden Ruf. Deutsche Fachkenntnis wird geschätzt und nachgefragt. Voraussetzung für einen Einsatz in einem Entwicklungsland ist deswegen fachliche und internationale Expertise. Ohne ein fundiertes Expertenwissen und Verständnis fremder Kulturen, können sie einen Auftrag nicht erfolgreich durchführen.
1. Der Senior Experten Service
Eine Anlaufstelle für Handwerker, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, bietet der Senior Experten Service (SES). Der SES ist eine Stiftung aus der deutschen Wirtschaft. Seit mehr als 40 Jahren bringt die ehrenamtliche Organisation mit zirka 12.000 Experten aus den unterschiedlichsten Berufen Know-how "Made in Germany" in die Entwicklungsländer. Damit verfolgt sie das Prinzip von "Hilfe zur Selbsthilfe". Neben den zahlreichen internationalen Einsätzen, führt der SES auch zwei Projekte zur Nachwuchsförderung im Inland durch: Das Mentorenprogramm "Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen" (VerA) und ein Schulprogramm, das den Regelunterricht ergänzt und zum Beispiel jugendliche Migranten bei der Integration unterstützt.
Um einen Auftrag vom SES zu bekommen, muss der Interessierte im Expertenregister gelistet sein. Dafür muss sich derjenige einfach online unter www.ses-bonn.de registrieren. Claus Munkwitz, Regionalbeauftragter des SES in Stuttgart, erläutert, dass die Voraussetzung für eine Aufnahme ins Expertenregister vorhandene berufliche Expertise ist: "Für einen Auslandseinsatz müssen die Leute ein Expertenwissen haben, dass sie auch transferieren können. Dann müssen sie offen sein, möglichst schon ein bisschen Erfahrung im Ausland haben und ganz wichtig sind natürlich Sprachkenntnisse."
Der typische SES-Experte befindet sich bereits im Ruhestand und hat Zeit für die Einsätze, die meistens drei bis vier Wochen dauern. Um mehr Menschen die Chance zu geben, ehrenamtlich als Experte für den SES tätig zu sein, startete 2017 der "Weltdienst 30+". "Der große Unterschied ist, dass die Leute im Weltdienst 30+ noch berufstätig sind und ihre Einsätze in einer beruflichen Auszeit oder im Urlaub machen", erklärt Claus Munkwitz.
So funktioniert's
"Handwerker aus allen Gewerken, die eine spezielle Ausbildung transportieren können, sind stark gefragt", sagt Munkwitz. Auftraggeber für Auslandseinsätze sind kleine und mittlere lokale Unternehmen, Stätten der beruflichen und schulischen Bildung, wirtschaftsfördernde Stellen, öffentliche Verwaltungen, Einrichtungen im Sozialbereich und Institutionen des Gesundheitswesens.
Nach der Registrierung müssen die Experten Geduld haben. Meist taucht nicht sofort ein passender Auftrag auf. "Es lohnt sich trotzdem, sich registrieren zu lassen und auch für Inlandsaufträge (VerA, Schulprojekt) offen zu sein", sagt Munkwitz.
Als gemeinnützige Stiftung ist die Organisation auf Fördergelder des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) angewiesen. Der Experte bekommt kein Honorar, aber muss im Zusammenhang mit seinem Einsatz keinerlei Kosten für die Reise, Unterbringung und Verpflegung tragen.
Wenn ein Einsatz im Ausland zustande kommt, wird der ausgewählte Experte umfassend vorbereitet. Regelmäßig stattfindende Seminare sollen ihn auf eventuell kritische Situationen in der fremden Kultur vorbereiten. Dann gibt es noch die Möglichkeit, sich vor dem Einsatz mit Experten zu vernetzen, die bereits in dem Land waren.
Bevor der SES einen Experten anfragt, muss der Auftraggeber den Auftrag aber erst konkret definieren. Dabei hilft häufig ein Repräsentant des SES, der im jeweiligen Land lebt und mit den Organisationen, Institutionen und Firmen vor Ort spricht. Der ausgewählte Experte kann sich den Auftrag dann noch weiter präzisieren lassen, damit er weiß, wie er sich vorbereiten sollte.
2. Handwerker ohne Grenzen
Ein anderes, noch relativ junges Vorhaben nennt sich "Handwerker ohne Grenzen". Die Idee dahinter ist, dass deutsche und französische Handwerker in der Entwicklungsarbeit zusammenarbeiten, um afrikanische Fachkräfte nachhaltig besser zu qualifizieren. Die Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main (HWK Frankfurt) war die Begründerin und trägt dabei die Hauptverantwortung. In Frankreich sind die Partnerkammer "Chambre de Métiers et de l’Artisanat de Nouvelle-Aquitaine“ (CMA Nouvelle-Aquitaine) und der Dachverband der Französischen Handwerkskammern (CMA France) beteiligt. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert.
So funktioniert's
Angefangen hat "Handwerker ohne Grenzen" mit der Fortbildung zum Internationalen Meister, die die HWK Frankfurt entwickelt hat und seit 2016 anbietet. "Das ist quasi die Basis von unserem Vorhaben gewesen, das im November 2020 startete", erklärt der Projektmanager Markus Eicher. Speziell für den Einsatz in der Entwicklungszusammenarbeit lernen die Teilnehmer den Umgang mit anderen Kulturen, erlernen internationales Projektmanagement, erfahren etwas über ausländische Berufs- und Ausbildungssysteme und erhalten Wissen zu Unternehmensgründungen. Mit dem Modul "Leben und Arbeiten in fragilen Staaten" werden Handwerksmeister besonders sorgfältig auf das Herzstück der Fortbildung, einen ein- bis zweiwöchigen Einsatz in einem Entwicklungsprojekt, vorbereitet. Danach können internationale Meister ohne Probleme in Projekten der verschiedenen Entwicklungsorganisationen und in den internationalen Projekten der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH tätig werden.
Mittlerweile gibt es eine ähnliche Fortbildung in Augsburg (Handwerkskammer für Schwaben) und bald auch in Arnsberg (Handwerkskammer Südwestfalen). Um als deutscher Handwerker in den Experten-Pool von "Handwerker ohne Grenzen" aufgenommen zu werden, muss eine der drei Fortbildungen absolviert worden sein. Ziel des Vorhabens ist es, diese fortgebildeten Handwerker in bestehenden Projekten der deutschen und französischen EZ einzusetzen.
Bisher gibt es vier afrikanische Pilotländer, in denen Handwerker ohne Grenzen unterwegs sind: Senegal, Togo, Tunesien und Madagaskar. Dort sprechen alle Französisch, weswegen die Zusammenarbeit mit den französischen Handwerkern hilfreich ist. Demnächst soll zusätzlich ein englischsprachiges Land aufgenommen werden. Zurzeit bauen vorwiegend Projektmanager Markus Eicher und Projektassistentin Céline Wieprecht den Kontakt zu Projekten in Zielländern auf. "Das Ziel ist aber, dass die Projekte und Organisationen von sich aus auf uns zukommen und um Vermittlung passender Experten bitten. Das passiert bisher nur in Einzelfällen", erzählt Wieprecht. "Wir versuchen, das Netzwerk in alle Richtungen weiter auszubauen, auf europäischer Ebene den Pool aus Handwerkern ohne Grenzen zu vergrößern und in Afrika in immer mehr Entwicklungsländern aktiv zu sein."


