Wie ein Bildhauer sich von Pflanzensamen inspirieren lässt und diese in seinen Holz- und Bronzeskulpturen eine neue Anmutung finden. Ein Besuch beim 26-jährigen Kunsthandwerker Paul Diestel in der Rhön.

Bunte Blumen säumen die Treppe zur Terrasse des kleinen Hauses nördlich von Unsleben in der Rhön. "Ich habe einfach Samen aus der örtlichen Gärtnerei verstreut, ich habe nicht erwartet, dass sie im Winter hier sein würden", sagt Bildhauer Paul Diestel, dessen Werkstatt sich hier befindet.
Auf der Terrasse angekommen, stolpert man fast über eine riesige Skulptur, die aussieht wie ein übergroßer Sprössling. Es wird langsam dunkel, so dass man sie kaum noch erkennen kann. Der 26-jährige Bildhauer öffnet die Tür zu seiner Werkstatt. Es gibt genügend Licht im Raum, um die Skulptur auf der Terrasse zu beleuchten. Sie ist blau und glänzt.
Durch die nur angelehnte Tür kommt man in die Werkstatt. Es riecht nach frischem Holz und die Werkzeuge sind ordentlich auf dem Tisch gelagert. Der kleine Raum hat zwei Holzfenster mit Sprossen und einen Ausblick auf hohe Bäume und ein Feld. Das kleine Haus steht mitten im Wald – erreichbar über einen schmalen Feldweg. Hier ist es ruhig, hier lebt man im Einklang mit der Natur – so, wie man es auch in den Arbeiten von Diestel wiederfindet.
Pflanzensamen als etwas Größeres
Im Herzen von Diestels Arbeit liegt die Idee, in einfachen Dingen etwas Größeres zu sehen. Es ist die Natur, die für ihn zur Quelle der Inspiration wird: ein Eschensamen, eine Sonnenblumenkernschale oder ein Nachtfalter im Puppenstadium. Aus einfachem Holz stellt er ihre Formen in vergrößerten Formaten und auf das Wesentliche reduziert dar. So besteht seine Holzskulptur "Acer II" (englisch "Ahorn") aus Lindenholz, Erdpigment, Kalk und Hasenleim. "Ich habe drei Ahornsamen gesehen, die zusammengewachsen sind. Normalerweise hängen am Baum immer zwei zusammen aber ganz selten findet man eine Dreier-Formation", sagt Diestel. "Für mich als Bildhauer war das spannend, weil das Objekt dadurch dreidimensional wirkt, während zwei eher flach wirken." Bei Acer bleibt die blaue Farbe haften. "Eine Frau schenkte mir während meiner Ausstellung ein natürliches Pigmet mit einer tiefblauen Farbe", so Diestel. "Ursprünglich wollte ich die Skulptur nicht blau färben, aber ich habe die Farbe in mehreren Schichten aufgetragen und abgeschliffen, so dass ein organischer Farbübergang von Braun zu Tiefblau entstand." Durch diese schichtweise Behandlung wird die Oberfläche des Objekts vertieft und verdeckt, was je nach Lichteinfall neue und interessante Schattierungen hervorbringt.
Alle Pigmente sind mineralisch, also aus feinem Stein- oder Erdmehl und der Bildhauer benutzt Materialen, die er in der Region findet. Er erklärt, dass die Natur bereits etwas Schönes hervorgebracht hat und der Mensch als Künstler dieses zu etwas Neuem und Schönem verarbeiten und eine neue Form schaffen kann. Er verwendet in jedem seiner Werke mehr als eine Farbe und erzielt so natürlichere Schattierungen und unregelmäßige Farbverläufe, wie sie in der Natur häufiger vorkommen. Und genau diese Schichtung hilft dem Bildhauer, neue Strukturen zu schaffen, die das menschliche Auge auf den ersten Blick täuschen.

Wie Holzstücke zu einer einzigartigen Form werden
Diestel arbeitet vorzugsweise mit Eiche, Pappel, Linde oder Ahorn. Er behandelt ihre Oberflächen mit natürlichen Materialien, darunter Lehm, Asche, Kalk und Hasenleim. "Am Anfang übersetze ich meine Gedanken in Form, indem ich einfache Grundformen ausarbeite", erklärt Diestel und fügt hinzu, "dann werden sie immer präziser". Der Bildhauer trägt etwa 20 Schichten Naturfarbe auf die Holzoberflächen auf. Für jeden neuen Anstrich streut er Kalk, damit die Oberfläche härter wird und schleift sie dann ab. Bei der Herstellung einer Skulptur werden einzelne Holzteile vorbereitet und anschließend miteinander verklebt, um die natürliche Form nachzubilden. "Um die Verbindungsstellen des Holzes zu verdecken, muss man ein paar Schichten Farbe auftragen und sie schleifen, so dass sich das Pigment mit dem Holz verbindet und ein einheitliches Werk entsteht.", führt Diestel aus. Die fertigen Arbeiten wirken eher, als ob sie Metalloberflächen hätten und sind daher nicht sofort als Holz zu erkennen. Der Bildhauer erzielt diesen Effekt durch die Politur mit Halbedelsteinen, wodurch die Oberfläche verdichtet wird und zu glänzen beginnt.
Wie entstehen aus einer einzigen Holzarbeit wiederum einmalige Bronzewerke?
Diestel zeigt ein Foto auf seinem Handy: "So sehen die Bronze-Modelle bei mir in der Werkstatt aus, noch unbearbeitet". Auf dem Tisch stehen viele kleine Bronzefiguren, auf den ersten Blick gleich, aber bald wird klar, dass es nicht ganz so ist. Um Bronzeversionen seiner Holzarbeiten zu schaffen, arbeitet Paul mit einer Gießerei zusammen. "Ich schaffe eine Holzskulptur und schicke sie als Vorlage in die Bronzegießerei", beginnt Diestel. Dort wird das Holzmodell beispielsweise beidseitig in Sand gedrückt und so eine Negativform angelegt. Die gepresste, ausgehärtete Form wird in zwei Teile geschnitten und das Holzmodell entfernt. Der Hohlraum wird über kleine Kanäle mit flüssiger Bronze ausgegossen, die abkühlt und die Form des gegebenen Holzmodells annimmt. Das Negativ erhält in Diestels Werkstatt seine neue Form.
"Am Anfang bekomme ich ein unbearbeitetes, grobes Modell, das teilweise die Struktur des Sandes oder Lötstellen aufweisen kann", erklärt Paul. "Als Nächstes fange ich an, es so weit abzuschleifen, bis es glatt wird. In diesem Stadium sieht die Bronze eher wie Gold aus. Um der Skulptur eine besondere Note zu verleihen, bestreicht Diestel die sie mit Säuren, um den richtigen Farbton oder Glanzgrad zu erzielen. Abschließend wird die erzielte Patina mit Wachs festgehalten. "Da wir jedes entstandene Modell manuell schleifen, ist es unmöglich, sie identisch zu machen, so dass die konzipierte Skulptur beim Gießen der Bronze auch ihre erdachte Form verliert", sagt der Bildhauer. Aber gerade die Unmöglichkeit, sie identisch zu machen, macht sie zu absoluten Unikaten. So existiert jedes Werk von Diestel nur einmal, genau wie in der Natur, die den Bildhauer inspiriert.

Paul Diestel wurde 1996 in Schweinfurt geboren und ist in Unsleben in der unterfränkischen Rhön aufgewachsen. Er hat an der Kunsthochschule Kassel studiert und war von 2017 bis zu seinem Abschluss Stipendiat des Cusanuswerks. Die Grundlagen der Bildhauerei hat er bei Bildhauer Klaus Metz in der Rhön gelernt. Seit 2017 hat er bereits seine Arbeiten in verschiedenen Ausstellungen gezeigt, unter anderem im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg, im Kloster Wechterswinkel, im Freilichtmuseum Fladungen, in der Galerie Löhrl in Mönchengladbach oder im Museum am Dom in Würzburg. Derzeit unterstützt ihn ein Studioteam mit fünf Personen.
Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.