Metallbau Jeder ist seines Glückes Schweißer

Vanessa Krauß ist 25 Jahre alt und begeisterte Metallbauerin bei der Huber SE in Berching in der Oberpfalz. Dort schweißt sie kleine und große Maschinenteile aus Edelstahl, die zur Aufbereitung von Wasser und Klärschlamm verwendet werden. Wie sich eine junge Handwerkerin in einem typischen Männerberuf beweist.

Vanessa Krauß vor der Roboterbrücke: Beim Schweißen des Metallgehäuses hat sie eine ruhige Hand. - © Sophia Krotter

Warum neben der Eingangstür zur Fertigungshalle der Huber SE in Berching in der Oberpfalz ein Ohrstöpsel-Spender bereitsteht, klärt sich nach dem bloßen Öffnen der dicken Eisentür: Ein ohrenbetäubendes Konzert aus Hammerschlägen, Sägen und Schleifen dröhnt durch die Halle. Die Luft riecht metallisch und leicht verbrannt. "Nur auf gelb gekennzeichneten Flächen gehen", steht auf dem Sicherheitsmerkblatt für Besucher. Vorbei an Männern mit Schweißgeräten und Hubwagen, erreicht man am Ende des Ganges den Arbeitsplatz von Metallbauerin Vanessa Krauß: Auf der rechten Seite eine Werkbank, ein Schweißgerät und eine Euro-Palette mit sechs großen Gehäusen aus Metall, links zwei Spinde und ein Display mit Tastatur. In der Mitte eine knall-orangene Wand: "Dahinter befindet sich der Schweißroboter", erklärt sie, "den bereite ich jetzt für den nächsten Auftrag vor."

Vanessa Krauß hat kurzes, violett gefärbtes Haar und zahlreiche Tattoos und Piercings. Die 25-Jährige ist eine von fünf Mitarbeitern, die den Schweißroboter bedienen dürfen, der seit 2016 bei Huber SE in Betrieb ist. Für ihren nächsten Auftrag wechselt sie zuerst den Aufsatz des Roboterarms. Dann wählt sie an ihrem Bediendisplay das Schweißprogramm aus, das eigens für das zu bearbeitende Metallgehäuse programmiert wurde. Surrend dreht sich die Brücke des Schweißroboters nach oben – jetzt kann Vanessa Krauß das Bauteil befestigen.

Hochkonzentriert und behutsam führt sie mithilfe eines Ladekrans ein Metallgehäuse von der Palette zur Brücke. Dort stemmt sie sich gegen das etwa 20 Kilogramm schwere Metallteil und befestigt es mit vier Schrauben an der Vorrichtung. Essenziell ist die korrekte Ausrichtung: Vanessa Krauß legt eine Wasserwaage auf das Bauteil, diese zeigt "+3,19". Mit einem großen Hammer klopft sie kraftvoll und doch vorsichtig auf das Metall – so lange, bis die Anzeige auf "0,00" steht. Gewissenhafte Vorbereitung ist das A und O, erklärt sie: "Der Brenneraufsatz des Roboters kann sich verbiegen, wenn er beim Programmdurchlauf an eine Kante fährt."

Auf dem Boden ist eine dicke gelbe Linie um die Roboterbrücke gemalt. "Es darf nichts innerhalb des Kreises stehen, sonst stört das den Bewegungsablauf des Schweißroboters", warnt sie, und schiebt das Schweißgerät zur Seite. Dann startet sie das Programm: Überraschend schnell dreht sich die Brücke um 180 Grad. Ein rotes Licht leuchtet auf, der Roboterarm fährt nach unten und verschwindet hinter der orangenen Schutzwand.

Die Fertigungshalle von Huber SE: Die senkrecht angebrachten Platten an der Decke dienen dem Schallschutz. - © Sophia Krotter

Eine Frau fürs Grobe

Praktisch veranlagt war Vanessa Krauß schon immer: "Ich mache gern was mit meinen Händen und habe auch keine Hemmungen, anzupacken." Den Handwerksberuf der Metallbauerin lernt sie bereits in der achten Klasse kennen, als sie am "Girls‘ Day" bei Huber SE teilnimmt. Nach dem Realschulabschluss entscheidet sie sich deshalb für die dreieinhalbjährige Ausbildung, die sie 2018 abschloss. "Ich war die dritte weibliche Metallbauerin hier in der Fertigung", erklärt Krauß, "da musste ich mich anfangs schon ein bisschen beweisen und bekam den ein oder anderen schiefen Blick. Das ist mittlerweile aber überhaupt nicht mehr so." Auch ihre Eltern waren zunächst skeptisch: "Die wollten eher, dass ich mir einen Bürojob suche."

Unter den knapp 400 Fertigungsmitarbeitern bei Huber SE sind derzeit 12 Frauen – Vanessa Krauß ist eine davon. Besonders schätzt sie die Abwechslung in ihrem Beruf, aber auch die Herausforderung: "Vor manchen Aufträgen habe ich schon Respekt, aber im Nachhinein ist es immer toll, das fertige Bauteil zu sehen." Aber nicht nur persönlich hat sie sich weiterentwickelt, auch körperlich hat sie eine Veränderung bemerkt: "Früher war ich sehr dürr, den schweren Aluhammer konnte ich nur mühsam mit zwei Händen benutzen – heute geht das mit einer Hand."

Sollten sich mehr Frauen trauen, einen Handwerksberuf zu erlernen, der überwiegend von Männern ausgeübt wird? Für Vanessa Krauß ist die Antwort ein klares Ja. Mitbringen sollte man ein ausgeprägtes Interesse am Schweißen und der Arbeit mit Metall. Und auch eine gewisse Robustheit gehört dazu, meint sie: "Man darf keine Angst davor haben, sich die Hände schmutzig zu machen."

Vanessa Krauß am Bediendisplay: Im Umgang mit dem Schweißroboter hält sie sich genau an ihre Arbeitsanleitung. - © Sophia Krotter

Der letzte Schliff

Nach 15 Minuten ist das Programm durchgelaufen. Die Brücke dreht sich erneut um die eigene Achse – das angebrachte Metallgehäuse ist fertig verschweißt. Mit den Händen fährt die Metallbauerin prüfend über die Oberfläche; dabei trägt sie Handschuhe, da sie sich sonst an herausstehenden Splittern – den sogenannten Graten – verletzen könnte. "Da muss ich jetzt nochmal händisch nachschweißen", stellt sie fest. Ihre nächsten Handgriffe sitzen: Vanessa Krauß klemmt die Masseelektrode an, setzt ihren Schweißhelm auf und positioniert den Brenner. Als sie mit dem Schweißen beginnt, knistert es elektrisch – dabei entsteht ein greller Lichtbogen.

Das Schweißen per Hand gehört zu Vanessa Krauß Lieblingstätigkeiten. "Je nachdem wie ich den Brenner bewege, entsteht ein anderes Nahtbild", schildert sie mit leuchtenden Augen, "da versuche ich, mich ständig auszuprobieren und zu verbessern, damit das Endergebnis gut aussieht."

Zügig hat sie das ganze Gehäuse einmal umrundet. Damit die Optik passt, entfernt sie abschließend die beim Schweißvorgang entstandenen Schweißspritzer mit Hammer und Meißel. Beim Aufeinanderschlagen der Metallwerkzeuge ertönt ein heller Schlag, den das hohle Metallgehäuse wie ein Klangkörper um ein Vielfaches lauter werden lässt. In der schallenden Geräuschkulisse der Fertigungshalle geht der Klang allerdings unter.