Über fehlende Fachkräfte und Azubis klagen viele Betriebe. Umso mehr sind sie auf die bestehende Belegschaft angewiesen — und darauf, dass die Beschäftigten fit, gesund und leistungsfähig bleiben. Eine neue Studie zeigt: Chefs können die Ernährung ihrer Mitarbeiter stärker und einfacher beeinflussen als man vermuten könnte. Hier einige Tipps, die über den gratis Obstkorb hinausreichen.

"Ernährung ist Privatsache", betont Lea Ellwardt. Ob jemand spätabends noch Chips knabbert oder vegane Wochen zelebriert, bleibt allein ihm oder ihr überlassen. Die Konsequenzen einer unguten Ernährungsweise indes bekommt auch der Arbeitgeber zu spüren, in Form von krankheitsbedingten Ausfällen und verringerter Leistungsfähigkeit zum Beispiel. Betriebe haben folglich ein Interesse daran, dass sich ihre Beschäftigten gesund ernähren. Und sie können darauf Einfluss nehmen. Sogar ganz subtil, ohne Moralkeule oder Zwänge. "Am besten ist es, wenn Führungsfiguren eine Vorbildfunktion wahrnehmen", sagt Lea Ellwardt.
Gesunde Ernährung: Kollegen werden zu Vorbildern
Die Soziologin von der Universität Köln hat gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Utrecht eine Studie zum Thema verfasst und im Fachjournal "BMC Public Health" veröffentlicht. Die Kernthese: Beschäftigte greifen mit größerer Wahrscheinlichkeit zu gesunden Lebensmitteln, wenn ihre Kollegen mit gutem Beispiel vorangehen oder sie dazu ermutigen.
Verspeist ein Mitarbeiter jeden Tag genüsslich einen Apfel, beißt früher oder später auch der Kollege, der neben ihm sitzt, in einen hinein. Bestellt der Chef mittags einen gemischten Hähnchensalat, wird der Mitarbeiter nicht unbedingt Hamburger mit Pommes frites ordern. "Nachteil bei solchen sozialen Ansteckungsprozessen ist, dass sie auch in die andere Richtung wirken", erklärt Ellwardt. "Wenn sich um mich herum alle ungesund ernähren, mache ich es ihnen mit höherer Wahrscheinlichkeit nach". Menschen sind soziale Wesen, die zur Gruppe dazugehören wollen und sich sozialen Normen anpassen. Auch Gruppenzwang oder die Angst vor Ausgrenzung, zum Beispiel in Form von "Fat Shaming", einer Form der Diskriminierung, die auf das Körpergewicht einer Person zielt, können zweifelsohne eine Rolle spielen.
"Man muss es leicht machen, sich gesund zu ernähren"
Spannend: Die Gruppendynamik wirkt laut Studie bei Essen und Trinken, aber nicht bei sportlicher Aktivität. Ein Kollege, der reichlich Sport treibt, animiere seine Kollegen eben nicht dazu, es ihm nachzutun. Über die genauen Hintergründe können die Forscher nur spekulieren. Ein möglicher Erklärungsansatz lautet: Am Arbeitsplatz bekommen es alle mit eigenen Augen mit, wer welche Kost zu sich nimmt. Sport hingegen vollzieht sich im Privaten, in der Mittagspause oder nach Feierabend, was den Nachahmungseffekt vermutlich schmälert.
"Man muss es leicht machen, sich gesund zu ernähren und schwer machen, sich ungesund zu ernähren", rät Lea Ellwardt. Viele kleinere Maßnahmen ergreifen, nicht eine große. In der Wissenschaft werden derlei Methoden, mit denen man Menschen sanft in eine bestimmte Richtung lenken will, auch als "Nudging" bezeichnet. Bei Rauchern etwa: Die Zahl der Raucher stagniert nicht zuletzt deshalb, weil es immer schwerer wird, in der Öffentlichkeit zum Glimmstängel zu greifen. Und überdies teurer. Es gibt kaum noch Zigarettenautomaten in der Öffentlichkeit, Raucher müssen stets vor die Tür gehen, um ihrem Laster zu frönen. Das ist unbequem.
Obstkorb statt Dönerbude
Übertragen auf die Ernährung kann es hilfreich sein, in der Kantine gesünderes Essen aufzutischen oder fleischfreie Tage einzuführen. Auch ein Obstkorb oder ein Wasserspender in der Küche machen gesunde Nahrungsmittel leicht zugänglich. Kleinere Betriebe, die einen Kühlschrank oder eine Mikrowelle aufstellen, ermöglichen es den Mitarbeitenden, Essen von zuhause mitzubringen und aufzuwärmen. Und eben nicht zur Dönerbude um die Ecke gehen zu müssen.
Ein Snackautomat in der Nähe, gefüllt mit Schokoriegeln und Erdnussflips, ist wiederum ein Köder, bei dem man früher oder später anbeißt. "Je näher ich etwas vor der Nase habe, desto schneller greife ich zu", sagt Ellwardt. Das gelte im Guten wie im Schlechten, für zuckrige Fettbomben genauso wie für Gemüsesticks. "Mitarbeiter können auch mal einen Kuchen mitbringen. Das signalisiert der Gruppe ja auch, dass sie einem wichtig ist und man ihr etwas Gutes tun will", so die Soziologin. Auch das gemeinsame Bierchen nach Feierabend ist kein Teufelszeug, sondern eine Teambuilding-Maßnahme, die verbindet. Doch sollten Teilchen und Bierchen – jedenfalls mit Blick auf die eigene Gesundheit - eher die Ausnahme bleiben als zur Regel werden.
Schlechte Stimmung, schlechtes Essen
Vor allem deshalb, weil sich das Essverhalten vom Arbeitsplatz in die Freizeit überträgt. Arbeitnehmer, die tagsüber gesund essen, werden Untersuchungen zufolge abends eher nicht zu keksvernichtenden Krümelmonstern. Aber: Stress und schlechte Stimmung bei der Arbeit tragen Studien zufolge dazu bei, dass Menschen nach Feierabend zu viel und zu ungesund essen. Wer sich also mit unmöglichen Kunden oder Kollegen herumplagt, nimmt die schlechte Stimmung mit nach Hause – und lebt sie beim Abendbrot auf ungute Weise aus. Eine aktuelle US-Studie fand sogar einen Zusammenhang zwischen ungesundem Essen und Hilfsbereitschaft. Wer sich folglich schlecht ernährt, ist nicht nur körperlich matt und weniger leistungsfähig. Er oder sie greift am nächsten Tag Arbeitskollegen weniger tatkräftig unter die Arme. Guter Schlaf kann diesen negativen Effekt abfedern. Und Dankbarkeit: Wertschätzung vom Chef steigert das Wohlbefinden eines Mitarbeiters – und hat positive Auswirkungen auf dessen Essverhalten.
Ohnehin ist das klischeebehaftete Bild vom Monteur oder Dachdecker, der sich vorwiegend von Mettbrötchen ernährt, längst überholt. Eine repräsentative Studie der Krankenkasse IKK classic und der Deutschen Sporthochschule Köln ergab 2021, dass 90 Prozent der Handwerkerinnen und Handwerker auf eine abwechslungsreiche, gesunde Ernährung achten und kaum Fast Food essen – und dass sie sogar häufiger kochen als der männliche Durchschnittsbürger. "Je dogmatischer Regeln werden, desto mehr Widerstand entsteht", sagt Lea Ellwardt. "Ich würde eine gute Ernährung daher nie erzwingen wollen, sondern auf Vorbild- und Nachahmungseffekte setzen." Die Trends spielen den Betrieben in die Karten – sie müssen diese lediglich ausnutzen.
5 Tipps für eine gesunde Ernährung im Betrieb
1. Obstkorb einführen
"Wenn man abends vor dem Fernseher sitzt und es steht eine Schüssel mit Gummibärchen auf dem Couchtisch, dann isst man sie irgendwann ja doch; einfach, weil sie da sind", so Lea Ellwardt. Für Gemüsesticks oder Snacktomaten indes gilt das Gleiche. Diesen Effekt können sich Betriebe zunutze machen – und gesunde Lebensmittel leicht zugänglich machen, für alle sichtbar platzieren und zum Zugreifen animieren. Ein Obstkorb ist der Klassiker.
2. Auswahl eingrenzen
Schrumpfen die Portionen in der Kantine, dann essen die Besucher auch weniger. Das ist nicht nur logisch, sondern auch wissenschaftlich erforscht. Auch können Betriebe zucker- und kalorienhaltige Getränke aus dem Pausenraum verbannen – zum Beispiel keinen Cola-Kasten hinstellen, sondern ausschließlich Wasserflaschen oder Wasserspender, zuckerfreie Säfte und Smoothies.
3. Snackautomaten abbauen
"Gerade in kurzen Pausen ist es verführerisch, sich am Snackautomaten schnell einen Schokoriegel zu ziehen", sagt Soziologin Lea Ellwardt. Unternehmen könnten die Automaten aber auch abbauen oder zumindest an einem weniger frequentierten Ort aufstellen. Alternativ können Automaten auch gesünder befüllt, Schokoriegel zum Beispiel durch zuckerarme Müsliriegel ersetzt werden.
4. Umweg fahren
Es gibt einen Zusammenhang zwischen Pendlern, ihrem Body-Mass-Index und der Anzahl der Restaurants und Imbisse entlang ihres Arbeitsweges. Das fanden Forscher der Arizona State University vor einigen Jahren heraus. Fahre ich also morgens an Filialen der großen Burgerketten vorbei, mache ich früher oder später dort Rast oder nehme etwas für den Weg mit. Ein kleiner Umweg – sofern praktikabel und nicht allzu kostspielig – verbannt die Werbetafeln aus den Augen und lässt Pendler das Junk Food vergessen.
5. Resteessen reduzieren
Auf der einen Seite benötigen Menschen, die körperlich hart arbeiten, mehr Kalorien als andere – und daher auch häufigere und größere Mahlzeiten. Auf der anderen Seite weisen Tische, auf denen übrig gebliebenes Gebäck, Süßigkeiten oder Pizzableche drapiert werden, den Weg in die falsche Richtung. Lieber weniger mitbringen oder Geburtstagskuchen aufteilen, den Mitarbeitenden mit nach Hause geben und so auf mehr Köpfe verteilen – oder an die örtliche Tafel spenden.