Auf 152 Seiten gibt der neue Baukulturbericht Handlungsempfehlungen für Politik, Verwaltung und Bauschaffende. Die Autoren lenken den Blick dabei auf den Gebäudebestand. Umbauten seien klimafreundlicher als Neubauten – und hätten für Arbeitgeber einen charmanten Nebeneffekt.

Jahrzehntelang galt der Neubau auf der grünen Wiese als erstrebenswert bei Unternehmern wie Häuslebauern. Die flache Werk- oder Lagerhalle im Gewerbegebiet und das Eigenheim am Stadtrand wurden zur Regel. Nun mahnt der Baukulturbericht 2022/23 zur Umkehr. Die Autoren fordern eine neue Umbaukultur.
"In diesem Paradigmenwechsel liegen Chancen für Klima- und Ressourcenschutz, für ein neues Verständnis von Gestaltung und für Bauwerke, die auch für kommende Generationen noch wertvoll sind", heißt es gleich zu Beginn des 152-seitigen Berichts, mit dem die Bundesstiftung Baukultur alle zwei Jahre Handlungsempfehlungen für Politik, Verwaltung und Bauschaffende gibt.
Handwerker spüren mehr Wertschätzung beim Umbau
In die aktuelle Ausgabe ist auch eine Umfrage unter 90 Betrieben aus dem Bauhaupt- und Ausbaugewerbe sowie aus Gewerken für den gewerblichen Bedarf eingeflossen. Sie bringt noch weitere Argumente für den Erhalt der vorhandenen Bausubstanz zum Vorschein. 78 Prozent der Handwerksbetriebe würden Umbauten und Sanierungen gegenüber Neubauprojekten bevorzugen.
Der Grund liegt auf der Hand: Während bei Umbauten 86 Prozent der befragten Handwerker sehr häufig oder häufig bei Fragen der Gestaltung und Materialauswahl einbezogen werden, geschieht dies im Neubau nur bei 35 Prozent. Die Handwerker spüren bei Renovierungsarbeiten mehr Wertschätzung, weil im Umbau ihr Können und Improvisationsgeschick stärker gefordert ist als bei den Routineaufgaben im Neubau. Das würde auch die Attraktivität der Bauberufe bei Schulabgängern steigern und das Nachwuchsproblem entschärfen.
Wichtigstes Zukunftsthema: Nachhaltige Baustoffe und Bauweisen
In dem Zusammenhang verweist der Baukulturbericht auch auf die sensorischen Fähigkeiten des Menschen. Allein ein Drittel der für Motorik zuständigen Areale der Großhirnrinde steuert die Hände und Finger. "Aufgaben, die über die bloße Montage bauindustrieller Produkte hinausgehen, geben Handwerkern das Gefühl größerer Selbstwirksamkeit zurück", heißt es im Bericht.
Bei der Frage nach den wichtigsten Themen für den Bausektor in den kommenden zehn Jahren hielten
69 Prozent der Handwerker eine Rückbesinnung auf handwerkliche Fähigkeiten für besonders relevant. Digitalisierung (33 Prozent) oder der Einsatz von Robotern (6) spielten hingegen nur eine untergeordnete Rolle. Nachhaltige Baustoffe und Bauweisen (86), regionale und nachwachsende Baustoffe (58), klimagerechte Bauweisen und -prozesse (55), kreislauffähiges Bauen (42) sowie die Rückkehr zu einfacheren Bauweisen und weniger Technik (41) stehen deutlich höher in der Gunst der befragten Handwerker.
Die Bauwirtschaft als größter Klimasünder
Die Bauwirtschaft verursacht rund die Hälfte aller CO2-Emissionen weltweit – mehr als alle anderen Wirtschaftsbereiche. Der Klimaeffekt eines hohen Dämmwertes werde jedoch überschätzt, wie eine Studie des Wuppertal Instituts für die Bundesstiftung Baukultur belegt. Demnach machen bei einem 2020 gebauten Einfamilienhaus im Energieeffizienzstandard 40 die CO2-Emissionen während der Nutzung weniger als acht Prozent aus. Mehr als 90 Prozent der Emissionen entstehen schon vorher, nämlich während der Herstellung der Baustoffe, durch Transportwege und in der Bauphase. Ein auf gleichen Energieeffizienzstandard saniertes Bestandsgebäude verursacht dagegen nur ein Drittel der Emissionen eines Neubaus. Betrachtet wurde der Zeitraum bis 2050. Von da an möchten die EU-Staaten nach dem Green Deal klimaneutral sein.
Potenziale von grauer und goldener Energie nutzen
Vor diesem Hintergrund gewinnt die graue Energie, die in der bestehenden Bausubstanz quasi schon gespeichert ist, immer mehr an Bedeutung. Aber der Baukulturbericht geht noch einen Schritt weiter und prägt dafür einen neuen Begriff: goldene Energie. Was ein wenig nach Esoterik klingt, soll vielmehr den Fokus auf immaterielle Werte richten, die in Bestandsgebäuden gebunden sind. Inga Glander, Projektleiterin für den Baukulturbericht, beschreibt das so: "Es wurde bereits Arbeits- und Gedankenkraft investiert. Aus dem, was schon da ist, kann durch kluges Weiterbauen ein Unikat entstehen, mit dessen Qualitäten viele Neubauten nicht mithalten können."
Der Baukulturbericht sieht den Gebäudebestand als Schlüssel zum Klimaschutz. Die Autoren empfehlen Emissionseffizienz vor Energieeffizienz zu stellen, Abriss und Flächenverbrauch deutlich einzudämmen und die gesellschaftliche Wertschätzung für Bestandsgebäude über den Denkmalschutz hinaus auszudehnen.
>>> Den vollständigen Bericht können Sie sich hier herunterladen: Baukulturbericht
