Nachhaltige Marktlücke Lieblingsfliesen und Ersatz: Deutschlands großes Fliesen-Archiv

Fliesenhandel Schittek hat schon so manch ein Bad vor einer Komplettsanierung bewahrt. Oft genügt der Ersatz einzelner Fliesen. Doch nicht selten sind Fliesen älterer Kollektionen nicht mehr verfügbar. In Hamburg bei den Schitteks gibt es allerdings ein Fliesenarchiv.

Jan und Felix Schittek
Jan und Felix Schittek haben den Fliesenhandel von ihrem Vater übernommen. Er hatte bereits ab 1978 angefangen das Fliesenarchiv aufzubauen. - © Schittek

Jan Schittek bekommt jeden Tag viele Päckchen – nicht selten sind Scherben darin. Es sind Scherben von Fliesen, die es eigentlich nicht mehr gibt – zumindest nicht im Baustoffhandel oder gar im Baumarkt. Sie stammen aus Bädern oder Küchen und mussten von den Wänden, weil sich dahinter ein Wasserschaden zeigte oder weil sie gesprungen sind. Sanierungsfirmen, Handwerker und Heimwerker suchen dann nach passendem Ersatz – identisch in Form, Farbe und Größe und eben nur als Einzelstücke oder in geringer Stückzahl. Ein schwieriges Unterfangen. Ziel ist es, nur den Schaden zu beheben statt ganze Flächen neu zu fliesen. Doch dazu braucht man identische Fliesen.

Fliesen aus dem Bestand mit Nachhaltigkeitsfaktor

Einerseits geht es dabei meist um kostengünstige Lösungen. Hinter der Schadensbehebung stehen Versicherungen, die dafür aufkommen. "Natürlich wollen die lieber einzelne Fliesen ersetzen statt ganze Bäder zu erneuern", erklärt Schittek. Doch derzeit spricht der Geschäftsführer des gleichnamigen Fliesenhandels in Hamburg auch mit den Kunden viel über Nachhaltigkeit. Immerhin ist die Produktion neuer Fliesen sehr energieaufwendig und jeder Ersatz aus dem Bestand ist somit ein nachhaltiger Schritt. Die Diskussion geht vielfach von den Kunden aus, denn Reparaturen dem Neuen vorzuziehen ist gefragt.

Der Bestand des Fliesenhandels Schittek umfasst ein Archiv sämtlicher Fliesenkollektionen zurück bis 1900 und ein Lager voll mit rund sieben Millionen Fliesen. Im Archiv stöbern die Mitarbeiter des Unternehmens mit den zugeschickten Fliesen und Fliesenscherben in der Hand, wenn sie den passenden Ersatz suchen. Dann schauen sie, wie viel davon im Lager ist und erstellen ein Angebot. Der Preis richtet sich allein nach der Größe der Fliese. Gezahlt wird nach Fläche. Dass das Interesse am Erhalt des Vorhandenen und an mehr nachhaltigem Konsum steigt, freut den Geschäftsführer des Fliesenhandels. Er führt den Betrieb in zweiter Generation gemeinsam mit seinem Bruder – und mit steigenden Umsätzen.

Lieblingsfliese aus dem Jugendstil

"Zu Zeiten der Gründung hat noch niemand im heutigen Sinne über Nachhaltigkeit und den Umweltschutz gesprochen. Es war aber von Anfang an Teil des Erfolges, dass unser Produkt: das Ersatzteil, Ressourcen und damit Geld, Zeit und Arbeit einspart", erzählt Jan Schittek. Für seinen Vater – den Firmengründer und einst selbst Hersteller von Fliesen – sei es aber auch wichtig gewesen, schöne Flächen zu erhalten und zu reparieren. So haben auch die beiden Brüder neben älteren Standardfliesen einige historische Modelle mit im Programm. Diese seien dann gefragt, wenn denkmalgeschützte Gebäude saniert werden. "Mir selbst gefallen Fliesen aus dem Jugendstil am besten, denn da steckt eine ganz besondere Gestaltung drin", sagt der 39-Jährige. Genau diese sehr alten Fliesen haben noch einen Vorteil: Sie lassen sich meist gut von Wänden abnehmen, da man damals noch keinen modernen Fliesenkleber, sondern Zementmörtel verwendet hat.

So kommen die Fliesenarchivierer an solch alte Fliesen meist auch wiederum über die Sanierungsfirmen heran. "Wir sind in der Branche bekannt und so verkaufen uns auch immer mal Firmen Fliesen, wenn sie diese entdecken oder eben abnehmen sollen", sagt Jan Schittek. Im Regelfall haben es die Mitarbeiter des Fliesenhandels aber mit den Fliesen zu tun, die in den vergangenen Jahrzehnten verbaut wurden und die aber mangels Lagerflächen im Baustoffhandel keinen Platz mehr haben. Denn der Fliesenmarkt ist schnelllebig. Eine Kollektion löst die andere ab – meist jährlich. Dazu kommen innerhalb einer Kollektion noch verschiedene Serien mit unterschiedlichen Farben und Ausführungsdetails.

"Sobald Fliesen ausverkauft sind, gibt es schon keinen Ersatz mehr"

So kommen immer und immer wieder neue Kollektionen auf dem Markt und die alten gelten schnell als überholt. Dieses vermeintliche Wegwerfprinzip gibt es eben nicht nur in der Modebranche. Man findet es auch bei Baumaterialien wie Fliesen. "Es gibt kaum eine Baumaterialie, die so speziell ist wie die Fliese", erklärt Schittek. Denn sie sei fest mit dem Haus verklebt und nur unter großem Aufwand wieder zu tauschen. Dazu komme, dass Hersteller nicht wie beispielsweise bei Dachpfannen Ersatzteile garantiert für 20 oder vielleicht 30 Jahre bereithalten. Sobald Fliesen ausverkauft seien, gebe es schon keinen Ersatz mehr.

"Wir beschäftigen 23 Mitarbeiter, nur um die Altbestände zu kaufen und zu verwalten. Der größte Teil unserer Ware liegt als totes Kapital herum. Diesen Aufwand können und möchten die Hersteller nicht auf sich nehmen", berichtet der Fliesenhändler und erwähnt als wichtigen Aspekt des Ganzen, dass die Kunden den Hersteller ihrer Fliesen ja nicht kennen. Schittek hat aktuell fast 2.000 Hersteller im System. "Wo sollen die Kunden anfragen, wenn sie eine einzelne Fliese suchen?", stellt er in Frage.

Anders herum bieten auch Großhändler aus ganz Deutschland den Schitteks regelmäßig vor der Inventur die Restposten an, die für sie unverkäuflich sind. "Kleinere Händler oder Fliesenleger melden sich bei uns, wenn sie Platz brauchen oder wir stellen uns auf Einkaufsfahren dort vor und fragen ob sie alte Ware haben", berichtet Jan Schittek davon, wie er seinen Bestand auf dem Laufenden hält. Manches Mal kommen auch Privatleute zu ihm und bringen Reste aus dem Keller mit oder melden sich per Mail mit Fotos.

Fliesen einlagern: Marktlücke, die dann konsequent verfolgt wurde

Um den eigenen Lagerplatz noch im Rahmen zu halten, lagert Schittek aber meist nur verhältnismäßig kleine Mengen von 10 bis 15 Quadratmetern ein und nur von einigen wenigen Sorten auch mal ganze Paletten. "Für die Verfliesung von neuen Räumen bieten wir keine Fliesen an", sagt er. Nur in ganz speziellen Fällen, wenn im Archiv gar nichts zu finden ist, greifen die Hamburger Fliesenhändler auf das Fachwissen und die Möglichkeiten zurück, eine Fliese nachzubilden und selbst herzustellen. "Das lohnt sich finanziell nicht, aber in Ausnahmefällen haben wir das schon gemacht." Einst war das ein Teil des Unternehmens, das die Brüder Schittek von ihrem Vater aber nicht als richtigen Geschäftszweig übernommen haben.

Stattdessen setzen sie auf ihr Fliesenarchiv und das angeschlossene Lager. "Zum Zeitpunkt, als unser Vater mit der Einlagerung begann, war die Geschäftsidee neu und einmalig", erzählt Jan Schittek. Das war im Jahr 1978. Konrad Schittek sei durch die Kunstmalerei auf Fliesen und einzelne Reproduktionen auf diese Marktlücke gestoßen und habe die Geschäftsidee konsequent weiter verfolgt. Zwar gebe es heute Mitbewerber, die das Geschäftsmodell mit den alten Fliesen auch mit aufgenommen haben und die aus dem normalen Fliesenhandel oder der Fliesenverlegung entstanden sind. Diese Unternehmen sind vom Umfang des Sortiments und der Größe der Lagerbestände nicht mit dem Fliesenhandel Schittek vergleichbar.