Kammern setzen auf Nachvermittlung Ausbildungsmarkt schwächelt – Diskussion um Ausbildungsgarantie

Das Vor-Corona-Niveau bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen bleibt weiterhin unerreicht. Der Deutsche Gewerkschaftsbund pocht deshalb auf eine Ausbildungsgarantie. Auch der Arbeitsminister ist dafür. Das Handwerk hält nichts davon.

Die Corona-Krise hat den langfristigen Trend verschärft, dass immer weniger junge Leute eine klassische Ausbildung wählen.

Die Folgen der Corona-Pandemie sind auf dem Ausbildungsmarkt noch immer zu spüren. "Die Pandemie hat eine deutliche Delle auf dem Ausbildungsmarkt hinterlassen, die immer noch nicht ausgeglichen ist, sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack während der Vorstellung des Ausbildungsreports der DGB-Jugend. Auch wenn die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im vergangenen Jahr leicht gestiegen sei, liege sie noch immer deutlich unter dem Vor-Corona-Niveau.

Hannack kritisierte, dass nicht einmal mehr jedes fünfte Unternehmen in Deutschland ausbilde. Auch deshalb unterstrich sie ihre Forderung nach einer umlagefinanzierten Ausbildungsgarantie – ähnlich der in Österreich. Dort wird allen Jugendlichen, die keine Lehrstelle in einem Betrieb finden, ein außerbetrieblicher Ausbildungsplatz zugesichert. Das Handwerk hält nichts davon. Zumal es auch in diesem Jahr noch viele unbesetzte Ausbildungsstellen im Handwerk gibt.

Regierung macht sich für berufliche Bildung stark

Unterdessen kündigten Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und weitere Kabinettsmitglieder weitere Unterstützung für die berufliche Bildung an: Die Regierung wolle alles dafür tun, damit möglichst viele junge Leute eine berufliche Bildung ergreifen können, sagte Scholz. "Und umgekehrt wollen wir die Unternehmen ermuntern und dabei unterstützen, genügend Angebote für die berufliche Bildung zu machen", fügte er hinzu. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) unterstrich am Rande der Klausur im brandenburgischen Meseberg, dass er das Thema Ausbildung mit einer Ausbildungsgarantie angehen wolle und mit einem Maßnahmenbündel im Herbst gegen den zunehmenden Fachkräftemangel vorgehen wolle.

Handwerk gegen Ausbildungsgarantie

Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer hält - wie er oft betonte - nichts von einer solchen Ausbildungsgarantie. "Das Handwerk ist ungebrochen ausbildungsmotiviert und ermutigt junge Menschen, jetzt eine Ausbildung im Handwerk zu starten", sagte er. Dies zeige sich auch in der Ausbildungsquote. Diese liege im Handwerk mit rund acht Prozent deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtwirtschaft mit 4,8 Prozent. Der Indikator zeigt an, wie groß der Anteil der Auszubildenden an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Betrieb ist.

Um auch dieses Jahr eine möglichst hohe Quote im Handwerk zu erreichen, ermutigen viele Kammern Jugendliche, sich auch nach dem 1. September noch für eine Lehre im Handwerk zu bewerben. Derzeit liegt die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge noch unter dem Vorjahreswert. Gleichzeitig gibt es noch viele unbesetzte Ausbildungsplätze.

DGB-Ausbildungsreport bemängelt Berufsorientierung

Die Gründe für die anhaltende Delle auf dem gesamten Ausbildungsmarkt sind vielfältig. Ein Faktor ist die mangelnde Berufsorientierung. Dies machte auch DGB-Bundesjugendsekretär Kristof Becker deutlich. So hätten fast drei Viertel der für den Ausbildungsreport befragten Jugendlichen angegeben, dass ihnen an der Schule kaum bei der Berufswahl geholfen wurde. Die schulische Berufsorientierung müsse an allen Schulformen gestärkt werden, fügte er mit Blick auf das diesjährige Schwerpunktthema des Ausbildungsreports hinzu. Auch hätten nicht einmal 29 Prozent der Befragten die Berufsberatung der Agentur für Arbeit genutzt, fügte er hinzu.

Wollseifer: Berufsorientierung an allen Schulen dringend nötig

Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer bemängelte ebenfalls die unzureichende Berufsorientierung: "Junge Menschen müssen in die Lage versetzt werden, den passenden Beruf für ihre Talente und Interessen zu finden", sagte er. "Eine systematische Berufsorientierung ist daher an allen Schulformen - insbesondere an Gymnasien - dringend notwendig, damit sich mehr junge Menschen für den beruflichen Ausbildungsweg entscheiden", sagte er. Um Lerndefizite als Folge der Pandemie auszugleichen, sollten zudem Prüfungsvorbereitungskurse gefördert werden. Darüber hinaus sollte die Regierung ausbildungsvorbereitende und ausbildungsbegleitende Instrumente wie etwa die Einstiegsqualifizierung oder die assistierte Ausbildung flächendeckend anbieten und bewerben.

Kammern setzen auf Nachvermittlung

Unterdessen bauen viele Kammern auf die nächsten Wochen, um noch Jugendliche für eine Ausbildung im Handwerk zu gewinnen. Das Handwerk biete allen interessierten Jugendlichen einen krisenfesten Einstieg ins Berufsleben, betonte der Präsident des Bayerischen Handwerkstages, Franz Xaver Peteranderl. Stand jetzt beginnen 20.623 junge Menschen eine Ausbildung im bayerischen Handwerk. Ein Minus von 1,1 Prozent.

Auch in Baden-Württemberg setzt man auf Nachvermittlungen. Bisher wurden im Südwesten rund 15.660 neue Ausbildungsverträge unterzeichnet. Ein Minus von 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr und damit unter dem Niveau vor der Corona-Pandemie. "Unsere Betriebe suchen weiter händeringend Nachwuchs", sagte  Landeshandwerkspräsident Rainer Reichhold. Trotz gewaltiger konjunktureller Unsicherheiten und ständig neuer Krisenszenarien hätten die Betriebe im Vergleich zum Vorjahr auch ihr Ausbildungsangebot ausgebaut, betonte er.

Mit Inhalten der dpa