Acht-Prozent-Marke teils überschritten Rekord-Inflation: Lebensmittel vor Preissprung

Die Inflationsrate erreichte im Mai den höchsten Stand seit fast 50 Jahren. Eine Studie nahm jetzt die Preise im Lebensmitteleinzelhandel unter die Lupe – und kommt zu dem Ergebnis: Das Schlimmste könnte noch bevorstehen.

Eine ähnlich hohe Inflation wie aktuell gab es zuletzt im Winter 1973/1974 infolge der ersten Ölkrise. - © Superingo - stock.adobe.com

Die Teuerung in Deutschland ist mit 7,9 Prozent auf den höchsten Stand seit fast 50 Jahren gesprungen. In einigen Bundesländern hat die jährliche Inflationsrate die Acht-Prozent-Marke bereits überschritten. Volkswirte rechnen nicht damit, dass das Preisniveau sich rasch entspannen wird – im Gegenteil. Immer mehr Verbraucher machen sich angesichts unvermindert kletternder Preise für Energie und Lebensmittel Sorgen, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen.

Es müsse nun oberste Priorität haben, die galoppierende Inflation in den Griff zu bekommen und Verbraucher steuerlich effektiv zu entlasten, mahnt Michael Wippler, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks. "Damit unser tägliches Brot nicht zum Luxusgut wird."

Im laufenden Jahr liegt die Inflation in Deutschland im dritten Monat in Folge deutlich über sieben Prozent. "Angesichts anhaltend hoher Preise für Rohstoffe, Transportleistungen und andere Vorprodukte dürften die Verbraucherpreise auch in den nächsten Monaten stark steigen", prognostizierte die Bundesbank in ihrem Monatsbericht Mai. "Vor dem Hintergrund der starken Teuerung auf den vorgelagerten Stufen dürfte die Inflationsrate aus heutiger Sicht im Mittel des laufenden Jahres bei etwa sieben Prozent liegen."

Inflation zuletzt in den 1970er-Jahren so hoch

Inflationsraten auf dem derzeitigen Niveau gab es im wiedervereinigten Deutschland noch nie. In den alten Bundesländern muss man in der Zeitreihe bis in den Winter 1973/1974 zurückgehen, um ähnlich hohe Werte zu finden. Damals waren die Mineralölpreise infolge der ersten Ölkrise stark gestiegen.

Für Entwarnung sei es noch zu früh, meint Jörg Zeuner, Chefvolkswirt des Fondsanbieters Union Investment. "Ein Umfeld anhaltend hoher Inflationsraten wie etwa in den 1970er Jahren ist allerdings unwahrscheinlich." Dennoch rechnet Zeuner erst ab Ende 2022 mit einem deutlichen Rückgang der Teuerung und erst ab Anfang 2024 mit Inflationsraten, die mit zwei Prozent bis 2,5 Prozent deutlich näher an der Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB) liegen: "Der wesentliche Grund: Nachfrage und Angebot sollten bis dahin besser in Einklang miteinander kommen."

Lebensmittelpreise dürften 2022 um mehr als zehn Prozent steigen

Im Lebensmitteleinzelhandel steht der große Preissprung erst noch bevor. Das geht aus aktuellen Berechnungen des Kreditversicherers Allianz Trade hervor. "In Deutschland dürften die Preise im Lebensmitteleinzelhandel 2022 um mehr als zehn Prozent anziehen", fasste Allianz-Trade-Handelsexperte Aurélien Duthoit zusammen. Pro Kopf entspreche das im Schnitt 250 Euro Mehrkosten im Jahr.

Trotz der jüngsten Preissteigerungen seien die Preise im Lebensmitteleinzelhandel weit davon entfernt, den tatsächlichen Preisanstieg bei Lebensmitteln in den vergangenen 18 Monaten widerzuspiegeln. "Das Schlimmste kommt auf die Haushalte also erst noch zu", warnte Duthoit.

Die Hersteller von Lebensmitteln und Getränken haben ihre Preise in Deutschland der Studie zufolge seit Anfang 2021 um durchschnittlich 16,6 Prozent angehoben. Am stärksten waren die Aufschläge bei Produkten des täglichen Bedarfs, darunter Öle und Fette (plus 53 Prozent), Mehle (plus 28 Prozent) und Nudeln (plus 19 Prozent) – vor allem getrieben durch die russische Invasion in der Ukraine.

Im Gegensatz seien die Preise im Lebensmitteleinzelhandel nur um vergleichsweise bescheidene sechs Prozent angestiegen, heißt es in der Studie. Dabei entfielen im Lebensmitteleinzelhandel 75 Prozent der Gesamtkosten auf den Einkauf. Hier bestehe also noch Nachholbedarf. "Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich Einzelhandelspreise im Großen und Ganzen an die Erzeugerpreise anpassen, wenn auch mit einer gewissen Verzögerung", sagt Duthoit.

"Die hohe Inflation und der nach der Pandemie verzeichnete Absatzrückgang bei Lebensmitteln in den Geschäften setzen die Rentabilität im Lebensmitteleinzelhandel unter Druck", sagte Duthoit. "Insofern dürften die Preissteigerungen zeitnah und in hohem Maße auf die Verbraucherpreise durchschlagen." dpa/fre