Interview: Erzgebirgische Kunsthandwerker Kunsthandwerker: Über kurzfristige Absagen und positive Effekte

Die Absage der Weihnachtsmärkte kam viel zu kurzfristig, kritisiert Frederic Günther, Geschäftsführer des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller. Mit einer Insolvenzwelle durch die Corona-Krise rechnet er trotzdem nicht.

Frederic Günther, Geschäftsführer des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller
Frederic Günther, Geschäftsführer des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller. - © Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller

Wie wirken sich die Absagen der Weihnachtsmärkte auf die erzgebirgischen Kunsthandwerker aus, die in der Adventszeit einen Großteil ihrer Umsätze generieren?

Frederic Günther: Was den Unternehmen zu schaffen macht, sind die extrem kurzfristigen Absagen. Es wurde ja in vielen Orten schon aufgebaut und den Betrieben sind Kosten entstanden. Allein im Betrieb meiner Familie waren das 15.000 Euro für Kran, Fuhrpark oder Personal. Hinzu kommt der Umsatzverlust. Dabei hatten wir als Verband schon im Juni in den zuständigen Ministerien darauf hingewiesen, dass eine Absage der Weihnachtsmärkte spätestens im Oktober erfolgen muss, damit sich die Betriebe um alternative Absatzwege kümmern können. Leider wurde das versäumt. Wenigstens können in einigen Bundesländern noch Weihnachtsmärkte stattfinden. Natürlich erwarten wir, dass die Kosten, die den Betrieben für die abgesagten Märkte entstanden sind, ersetzt werden.

Wie ist die Branche insgesamt bisher durch Corona gekommen?

Im Jahr 2020 mussten die Hersteller, die wir als Verband vertreten, einen Umsatzverlust von 14 Prozent verkraften. Schlimmer getroffen hat es die Einzelhändler. Bei ihnen lag der Rückgang bei bis zu 25 Prozent. Dieses Jahr verlief erstaunlich gut. Viele Hersteller sind mit der Produktion gar nicht hinterhergekommen. Zwar wird die Absage der Weihnachtsmärkte und das ausbleibende Geschäft mit den Touristen durch das Beherbergungsverbot in Sachsen die Bilanz schmälern, aber ich rechne nicht mit einer Insolvenzwelle.

Erzgebirgisches Kunsthandwerk wird seit Jahren in Asien kopiert. Wie ist die aktuelle Situation und wie wehrt sich der Verband gegen die Plagiate?

Wir haben sehr viele Prozesse geführt und dadurch den Markt relativ bereinigt. Es gab sehr viele Abmahnungen. Allerdings sind wir als Verband nur für die verschiedenen Marken zuständig. Bei Plagiaten einzelner Produkte müssen sich die Hersteller selbst um ihr Urheberrecht kümmern, hier können wir maximal unterstützend wirken.

Zuletzt hat ja die Kopie der Räucherbundeskanzlerin der Firma Seiffener Volkskunst für Schlag­zeilen gesorgt.

Das war in der Tat ein Fall, den es so noch nie gegeben hat. Während das Original aus mehreren Teilen besteht, wurde die Kopie wahrscheinlich mit dem 3D-Drucker aus einem Block ge­­fräst. Die konnte natürlich auch nicht räuchern. Bisher waren es immer Importeure, die die Ware in China bestellt und herstellen lassen haben. Gegen die konnten wir dann vor Ort vorgehen. Diesmal hat der chinesische Hersteller das Produkt über On­­line-Plattformen selbst vermarktet und gleich im 400er-Pack angeboten. Das hat sich in einer Geschwindigkeit verbreitet, die wir so bisher nicht er­­lebt hatten. Zum Glück konnte die betroffene Firma das Problem direkt mit dem Plattformbetreiber lösen. Amazon kann ja kein Interesse daran haben, dass Verbraucher über ihre Plattform ein Produkt kaufen, das nicht funktioniert.

Der Holzspielzeugmacher wurde erst Jahre nach der Wiedervereinigung als Ausbildungsberuf in der Bundesrepublik anerkannt. Die einzige Berufsschule steht in Seiffen. Wie hat sich die Ausbildung seither entwickelt? Gibt es genug Berufsnachwuchs?

Über die gesamte Zeitspanne betrachtet hat sich die Zahl der Lehrlinge in etwa halbiert. Aber seit zwei, drei Jahren erleben wir wieder einen positiven Trend. Unser Ziel ist es, eine volle Klasse zu haben mit zehn bis zwölf Lehrlingen. Bei mehr wird es schwierig, weil nur zwölf Drehbänke zur Verfügung stehen. Die gute Nachricht ist, dass wir gerade einen Qualitätssprung erleben. Das berichten unsere Lehrmeister, die zum Teil schon seit Beginn der Ausbildung dabei sind. Die jungen Leute sind sehr motiviert und haben einen hohen Anspruch. Die Zahl der Lehrlinge reicht allerdings nicht aus, um alle Fachkräfte zu ersetzen, die demnächst ausscheiden.

Zuletzt klagte vor allem die Bauwirtschaft über Lieferengpässe bei Holz und steigende Preise. Wie hat sich die Preisexplosion auf Drechsler und Holzbildhauer ausgewirkt?

Noch nicht im vollen Ausmaß, weil die Betriebe oft zwei Jahre im Voraus bestellen, um das Holz selbst trocknen zu können. Den größten Preissprung gab es beim Sperrholz, was vor allem die Hersteller von Schwib­bögen betrifft. Dort ist der Preis auf 280 Prozent gestiegen. Auch Karton für die Verpackungen ist teurer ge­­worden. Es betrifft nicht nur das Holz, alles wird teurer, auch die Personalkosten steigen. Wir gehen jetzt schon davon aus, dass im nächsten Jahr die Preise für unsere Kunden um rund zehn Prozent steigen.

Das erzgebirgische Kunsthandwerk setzt stark auf Tradition. Wie muss sich die Branche entwickeln, um im Umfeld von Globalisierung und Digitalisierung zu bestehen?

Hier zeigen sich interessanterweise positive Effekte durch die Corona-Krise. Einerseits haben die Betriebe bemerkt, der Online-Handel funktioniert. Da inzwischen auch viele Fachgeschäfte auf Online-Versand setzen, können Hersteller und Händler davon gleichermaßen profitieren. Das senkt das Konfliktpotenzial. Außerdem kommt uns zugute, dass Konkurrenzprodukte aus Asien durch die teureren Lieferwege aufgrund gestiegener Transportkosten bei Containern in­­zwischen so teuer sind, dass selbst preisbewusste Kunden doch lieber zum Original greifen.