Trotz sinkender Infektionszahlen, ist die Pandemie noch nicht besiegt. Auch wenn die Geschäfte im Handwerk in weiten Teilen
gut laufen, werden wohl einige Kleinstbetriebe vom Markt verschwinden. Währenddessen wünschen sich viele Unternehmer ihre Handlungsfähigkeit zurück.

Corona dauert und dauert. Zwar hat Deutschland die Infektionszahlen derzeit im Griff, doch es bleibt die Angst vor einem vierten Lockdown im Herbst. Hinzu kommen im Handwerk wirtschaftliche Sorgen wie Materialengpass, Preissteigerungen, Fachkräftemangel und mögliche Insolvenzen.
Geschäftliches und Privates lässt sich während der Pandemie kaum trennen und so schwebt über allem auch die Frage, was Corona mit der Psyche macht. Die Frage drängt sich auf, je länger die Krise dauert. Psychologen warnen vor langfristigen Folgen. Immer wieder wird von verzweifelten Menschen berichtet.
"Psychotherapien werden erheblich mehr nachgefragt. Das ist ein deutliches Zeichen, dass die Situation Menschen belastet", sagt Gebhard Hentschel, Bundesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV). 40 Prozent mehr Patientenanfragen verzeichnet eine DPtV-Umfrage (Eine Woche im Januar 2021 im Vergleich zu Januar 2020). Die Hälfte müsse länger als einen Monat auf ein Erstgespräch warten.
Risikofaktor Einsamkeit
Es gibt keine Hinweise, dass sich wegen der Corona-Krise mehr Menschen das Leben genommen haben könnten. Was die erste Phase der Pandemie von März bis September 2020 angeht, konnten Forscher der Universitätsmedizin Leipzig belegen, dass die Zahl der Selbstmorde in der Stadt nicht zugenommen hat. Hierbei handelt es sich zwar nur um eine regionale Momentaufnahme, doch vergleichbare internationale Daten kämen zu dem gleichen Ergebnis. Trotzdem müsse die Entwicklung beobachtet werden, da sie sich im Verlauf der Pandemie ändern könnte. Dann, wenn Risikofaktoren wie Einsamkeit, Arbeitslosigkeit und Sucht zunehmen.
Hilfe und Unterstützung
Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, wenden Sie sich bitte an Ihren behandelnden Arzt oder Psychotherapeuten oder die Telefonseelsorge unter Tel. 0800/111 0 111 oder Tel. 0800/111 0 222 (kostenlos und rund um die Uhr).
Gebhard Hentschel rät zur Psychohygiene: "Es geht nicht darum, die Zähne zusammenzubeißen und irgendwie durch die Zeit zu kommen. Jeder muss sich fragen: Wie geht es mir selbst?" Nun da die Infektionszahlen niedrig sind und die Impfquote steigt, "sollten wir alle jetzt die Erleichterungen nutzen, um das zu tun, was uns guttut und psychisch auftanken." Denn während der dritten Welle habe man gesehen, dass mehr Menschen an ihre Belastungsgrenzen gekommen seien. "Die Sehnsucht nach 'Normalität' zeigt sich in der Erleichterung, die mit Rücknahme der Corona-Maßnahmen spürbar wird", sagt der Diplom-Psychologe.
Handlungsfähig ein
Auf sich selbst schauen, das gilt auch für den beruflichen Alltag. "Für Unternehmer ist es ein wichtiger Antriebsmotor handlungsfähig zu sein und gestalten zu können", sagt Hentschel, "letztendlich können diese einschränkenden Bedingungen auch bei einem Unternehmer zu einer Erschöpfung führen."
Werden Gestaltungsmöglichkeiten von außen beschnitten, kämen Unternehmer in eine Ohnmachtssituation. "Das ist belastend. Gerade für Menschen, zu deren Selbstverständnis es gehört, selbst gestalten und handeln zu können", erklärt der DPtV-Bundesvorsitzende. Es sei wichtig, zu unterscheiden, wo man selbst Einfluss nehmen und was man selbst steuern könne und wo Grenzen sind.
"Wenn man feststellt, dass Begrenzungen von außen gesetzt sind, dann ist eine Akzeptanz der veränderten Bedingungen wichtig, um wieder handlungsfähig zu werden", erklärt Hentschel. Unternehmer sollten das Gespräch mit ihrer Familie suchen, über die Situation und die Belastung sprechen. Transparenz sei auch gegenüber Mitarbeitern wichtig, denn "das gibt ihnen Orientierung."
Stimmung ein Auf und Ab
Gespalten ist die Stimmung im Handwerk. "Corona hat Spuren hinterlassen, bei manchen dramatische, weil ihre Existenzgrundlage weggebrochen ist, bei anderen laufen die Geschäfte aber auch sehr gut", sagt Roland Moser, Betriebsberater der Handwerkskammer Wiesbaden, "die Schere klafft weit auseinander." Im Gebiet der Handwerkskammer für Unterfranken sei die Stimmung solide, die Auftragslage gut, berichtet Betriebsberater Rainer Plößl, jedoch "das Stimmungsbild ist ein Auf und Ab. Gerade herrscht natürlich Angst, insbesondere im Bereich der persönlichen Dienstleistungen, was im Herbst und im Winter passiert."
Sören Ruppik, Hauptabteilungsleiter Gewerbeförderung bei der Handwerkskammer Chemnitz, schätzt die Stimmung als "nicht schlecht, aber verhalten" ein. Einigen Gewerken sei von heute auf morgen die Existenzgrundlage entzogen worden. Das habe natürlich negative Auswirkungen auf die Stimmung. "Im Dienstleistungshandwerk sind die Reserven langsam am Ende. Wenn im Herbst noch einmal Beschränkungen kommen, wird es wirklich hart", fasst Stefan Schütze, Abteilungsleiter Wirtschaftspolitik und Statistik beim Baden-Württembergischen Handwerkstag (BWHT) zusammen.
Betriebe verschwinden still
Die Angst vor einer drohenden Insolvenzwelle schwelt nun schon ein gutes Jahr. Die aktuellen Zahlen stehen noch unter dem Einfluss der Corona-Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung. Im 1. Halbjahr 2021 verzeichnete die Wirtschaftsauskunftei Creditreform 8.800 Unternehmensinsolvenzen. Ein Minus von 1,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Davon sind mehr als die Hälfte Kleinstunternehmen bis 250.000 Euro Jahresumsatz. Solange die Hilfsmaßnahmen laufen, wird es wohl keine Insolvenzwelle geben.
Überhaupt ist es fraglich, ob die vielen kleinen Betriebsschicksale je in einer Statistik auftauchen werden. "Für kleine und Kleinstbetriebe mit zwei bis drei Mitarbeitern ist die Krise oft der letzte Anstoß, um zu schließen", sagt Roland Moser. "Viele Unternehmen gehen still vom Markt. Gerade auch Soloselbstständige", bestätigt Christoph Niering, Vorsitzender des Verbands Insolvenzverwalter Deutschlands (VID). Denn trotz Härtefallregelung würden insbesondere sie durchs Raster fallen. Manch einer wird Corona auch zum Anlass nehmen, um in Rente zu gehen oder es findet sich kein Nachfolger.
Privatinsolvenzen steigen
Im Gegensatz dazu steigen die Verbraucherinsolvenzen. 46.000 Privatpersonen sind laut Creditreform im ersten Halbjahr 2021 überschuldet oder zahlungsunfähig. Das entspricht einem Plus von 62,9 Prozent. Seit Kurzem gilt die Restschuldbefreiung nach drei statt nach sechs Jahren. "Bei den Privatinsolvenzen beobachten wir einen Nachholeffekt, weil die Gesetzesänderung abgewartet und der Antrag erst 2021 gestellt wurde", erläutert Christoph Niering.
Eine Entwicklung, die Andrea Wohlfahrt vom Kreisdiakonieverband im Landkreis Esslingen, schon wahrnimmt: "Wir bekommen sehr viele Anfragen für eine Schuldnerberatung." Zwar habe es schon vor Corona eine Warteliste für das kostenfreie Angebot gegeben, durch die Pandemie sei die Nachfrage aber noch gestiegen. Auch davon ist das Handwerk als Leistungserbringer betroffen. "Das würde mir aus Sicht des Handwerks eher Sorgen machen. Es stellt sich jetzt die Frage, bekommen Handwerker ihr Geld", warnt der VID-Vorsitzende Niering.
Was kommt noch auf uns zu?
Und dort, wo die Geschäfte wieder anlaufen, wartet das nächste Problem. Wegen Betriebsschließungen oder Kurzarbeit, haben sich viele Beschäftigte einen neuen Arbeitsplatz gesucht. "Dann sind die Mitarbeiter weg, weil sie sich eine andere Arbeit gesucht haben und werden auch nicht wiederkommen", sagt Betriebsberater Sören Ruppik. Bittere Erkenntnis nach über einem Jahr Corona: "Die Auftragslage ist gut, aber es fehlen Mitarbeitende."
Darüber hinaus schlägt der Materialengpass zu Buche. Die paradoxe Situation passt zum Krisenjahr: "Die Aufträge sind da, die Handwerker könnten arbeiten, aber das Material fehlt", sagt Stefan Schütze vom BWHT. Einzelne Handwerker würden von Aufschlägen von 200 bis 300 Prozent berichten.
"Betriebe haben ein Kalkulationsproblem, weil derzeit die Preise davongaloppieren", stimmt Rainer Plößl, Betriebsberater der Handwerkskammer für Unterfranken zu. Viele bedrücke auch, was nach der Urlaubszeit auf sie zukomme, um das Infektionsrisiko im Betrieb niedrig zu halten. "Da wird Betrieben wieder einiges aufgebürdet. Damit müssen sich Unternehmer auseinandersetzen", sagt Sören Ruppik von der Handwerkskammer Chemnitz. Doch auch hier wird das Handwerk anpacken, denn so Roland Moser von der Handwerkskammer Wiesbaden: "Der Durchhaltewille bei den Betrieben ist da."