Schon im März 2020, als der erste Lockdown kam, war klar, dass er einige Gruppen stärker treffen würde als andere. Selbstständige mehr als Angestellte. Ungelernte mehr als Facharbeiter. Menschen im Gaststätten- mehr als im Baugewerbe. Und es zeigte sich früh, dass vor allem Frauen unter den Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie zu leiden hatten.

Denn mit der Schließung von Schulen und Kitas waren Mütter stärker als Väter in die Betreuung und schulische Begleitung ihrer Kinder eingebunden, sie übernahmen mehr Care-Arbeit für Familienangehörige, sie blieben häufiger zu Hause als Väter, Alleinerziehende sowieso. Nachdem ich im April 2020 diese Retraditionalisierung konstatierte, vor einem Rollback in traditionelle Rollenmuster warnte, erhielt ich viel Zustimmung, aber auch viel Kritik: Halfen nicht viel mehr Männer im Haushalt mit? Waren die Frauen denn nicht täglich in Zoom-Konferenzen auf den Bildschirmen zu sehen?
Die Antwort heißt: Ja und trotzdem nein. Wenn Männer mehr im Haushalt mithalfen, dann zwar proportional stärker als Frauen. Aber da Frauen bereits vor der Pandemie den Großteil des Haushalts stemmten, bedeutet jede zusätzliche Stunde eine ungleich höhere Belastung für sie als für Männer. Ich nenne das Grenzlast – ein Tag hat nur 24 Stunden. Dies schlägt sich auch in einem höheren Mental Load nieder, von dem viele Frauen berichten: Sie sind es, die das familiäre Leben planen. Steht die Betreuung der Kinder? Was ist mit dem Essen? Mit der Wäsche? Wer kümmert sich um die kranke Großmutter? Wenn ich in dienstlichen Zoom-Calls war, dann sah ich oft Männer in eigenen Arbeitszimmern, während Frauen in der Küche oder im Wohnzimmer saßen, umringt von ihren Kindern.
Frauen arbeiten häufiger in Berufen, die relevant, aber schlecht bezahlt sind
Hinzu kommt: Im Lockdown reduzieren Frauen ihre Arbeitszeit stärker als Männer und werden später in die Vollzeit zurückkehren. Sie arbeiten häufiger in Berufen, die zwar relevant, aber schlecht bezahlt sind. Die Ankündigungen für bessere Tarifierung ihrer Jobs sind verhallt. Der Applaus von den Balkonen ist verstummt; er führte, wenn überhaupt, zu einer Einmalzahlung. Die stärksten Folgen davon zeigen sich erst in vielen Jahren, wenn die Rente entmutigend klein ausfällt.
Die Retraditionalisierungsthese hat eine breite Diskussion ausgelöst in unserem Land. Jetzt müssen Taten folgen: Mütter müssen in der Familienarbeit entlastet werden, Schulen müssen auf soziale Innovationen setzen und nicht auf den Unterricht durch die Mütter. Gleichstellung muss nicht nur in Vorständen und Aufsichtsräten, sondern auf allen beruflichen Ebenen gefördert werden. Und dafür sollten nicht nur Frauen kämpfen. Denn von echter Gleichstellung profitiert die gesamte Gesellschaft. Es geht also nur gemeinsam.
