Rentenversicherungspflicht: Was heute gilt und sich ändern könnte Altersarmut: Wie die Debatte das Handwerk trifft

Eine Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hat eine neue Diskussion über das Risiko der Altersarmut in Deutschland ausgelöst. Wer ist besonders betroffen – und warum? Welche Instrumente sollen Altersarmut verhindern und was nützen sie? Ist in Zukunft eine generelle Rentenversicherungspflicht geplant? Ein Überblick.

Jana Tashina Wörrle

Altersarmut bedroht immer mehr Rentner: Doch wann gilt man offiziell wirklich als arm? Und was tut die Politik dagegen? - © Huy Phan/Unsplash.com

Die Statistik gibt es nicht her, im Handwerk besondere Risikogruppen für eine drohende Alters armut nach Handwerksbranchen zu ordnen. Denn nicht in welchem Beruf man arbeitet, bestimmt über die spätere Rentenhöhe, sondern wie sich die individuelle Erwerbsbiographie zusammensetzt. Nur eines kann man sagen: Wer über lange Zeiten körperlich schwer belastende Tätigkeiten ausführt, wird eher auf Rentenmodelle zurückgreifen, die vor der Regelaltersgrenze beginnen und damit auch Abschläge bei der gesetzlichen Rente in Kauf nehmen und wird vermutlich weniger häufig länger als unbedingt nötig arbeiten.

War die individuelle Erwerbsbiographie vieler Deutscher bis in die 1990er Jahre geprägt von einer Vollzeitstelle in einem gelernten Beruf, die über lange Strecken beibehalten und selten unterbrochen wurde, so hat sich das seitdem stark geändert. Mittlerweile ist die Arbeitswelt geprägt von einer steigenden Zahl von Personen mit flexiblen Arbeitsverhältnissen, unterbrochenen Erwerbsbiographien und geringen Einkommen – und genau belastet auch das deutsche Rentensystem bzw. bringt für immer mehr Menschen Nachteile, wenn es um die Rente geht. Das hat unlängst eine Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ergeben. Sie bescheinigt, dass das  Risiko für Alters armut bis 2036 weiter steigt. Besonders hart trifft das dann diejenigen, die ab 2022 in Rente gehen – die geburtenstarken Jahrgänge, der sogenannten Babyboomer.

Selbstständigkeit erhöht Risiko zur Alters armut

So wird das Risiko der Alters armut der Studie zufolge bis 2036 auf 20 Prozent steigen. „Damit wäre zukünftig jeder fünfte deutsche Neurentner von Alters armut bedroht“, warnt die Bertelsmann Stiftung. Als besondere Risikogruppen hat sie alleinstehende Frauen, Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte identifiziert.

Doch noch ist es nicht so weit. Den zuletzt veröffentlichen Angaben zufolge lag das Risiko der Alters armut im Jahr 2015 bei 16 Prozent. Dass sich hierbei in Zukunft etwas ändern könnte, bestätigt allerdings auch die Rentenversicherung Bund und teilt auf Anfrage mit: "Das Thema Alters armut ist zurzeit für die überwiegende Mehrheit der Rentenbezieher kein gravierendes Problem. Allerdings kann es zu einer Verschärfung kommen, beispielsweise durch unterbrochene Erwerbsverläufe, den Wechsel von der abhängigen Beschäftigung in die Selbständigkeit sowie den Wegfall der Beitragszahlungen für Langzeitarbeitslose." Sie sieht ihre eigene Diagnose durch die Studie bestätigt. Mit Blick auf die Lage im Handwerk bestätigt sie zudem, dass Selbstständige ein höheres Risiko haben, im Ruhestand sehr wenig Geld zur Verfügung zu haben.

Als Fazit aus der Studie fordert die Bertelsmann Stiftung "Reformen für den Ruhestand" und eine Anpassung an die steigende Flexibilisierung der Arbeitswelt. Das bestätigt auch die Rentenversicherung, doch sie sieht auch, dass es bereits einige Instrumente gibt, die gegen eine drohende Alters armut wirken sollen. Doch welche sind das und was müsste sich künftig ändern?

Wer gilt in Deutschland im Alter als arm?

Nach Angaben der Bertelsmann-Studie gelten Rentner dann als arm utsgefährdet, wenn ihr monatliches Netto-Einkommen unter 958 Euro liegt. Damit wird als Basis nicht die Tatsache genommen, ob jemand die staatliche Grundsicherung im Alter bekommt – diese bekommen aktuell diejenigen, deren gesamtes Einkom­men im Bundesdurchschnitt unter 823 Euro liegt. Stattdessen gelten 60 Prozent des Medianeinkommens der deutschen Bevölkerung als Grundlage – eben 958 Euro.

So prognostiziert die Studie sowohl einen Anstieg beim Risiko von Alters armut betroffen zu sein, als auch einen weiteren Anstieg der Grundsicherungsquote auf sieben Prozent der Neurentner im Jahr 2036. 2015 (die Vergleichszahl der Studie) lag diese Quote bei Neurentnern bei 5,4 Prozent. Aktuell liegt sie bei allen Rentnern durchschnittlich bei drei Prozent und bei den Altersrentnern (die mit dem regulären Renteneintrittsalter in den Ruhestand gehen) bei 2,5 Prozent.

Warum ist der Begriff der Alters armut umstritten?

Kritiker der Hochrechnung, wer im Jahr 2036 von einer Alters armut betroffen sein könnte, führen an, man könne nicht automatisch aus der Risikozahl der von Alters armut Bedrohten, wie sie die Bertelsmann Stiftung berechnet hat, schließen, dass all diese Menschen bedürftig sind. So würden auch schon heute viele Personen nur eine niedrige Rente aus der gesetzlichen Rentenversicherung erhalten, aber zum Beispiel über einen Lebenspartner abgesichert sein, der eine höhere Rente hat oder es gebe Vermögen oder andere Einkünfte, die nichts mit dem früheren Erwerbseinkommen zu tun haben.

Zudem wird gesagt, dass die staatliche Grundsicherung genau dazu da sei, Armut zu verhindern, indem sie niedrige Einkommen auf ein gewisses Niveau aufstockt. Entsprechend seien Grundsicherungsempfänger im eigentlichen Sinn eben nicht arm.

Der ZDH kritisiert genau aus diesen Gründen auch das Konzept der sogenannten  Lebensleistungsrente, die immer wieder in der politischen Diskussion steht. Dabei soll die Rente für Geringverdiener mit einer bestimmten Anzahl von Beitragsjahren – einige fordern mindestens 40 Beitragsjahre - aufgestockt werden. Doch laut ZDH erfüllen zahlreiche bedürftige Rentner mit niedrigen Einkommen nicht die Voraussetzungen dafür. Dagegen würden andere Rentner besser gestellt, die keineswegs bedürftig sind, da sie z. B. nur zur Ergänzung eines höheren Partnereinkommens Teilzeit gearbeitet haben und daher über niedrigere Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung verfügen. Hierbei sollte genauer ermittelt werden, wer denn wirklich bedürftig sei.

Statt der Lebensleistungsrente schlägt der Verband einen teilweisen Verzicht der Anrechnung betrieblicher und privater Altersvorsorge auf die Grundsicherung im Alter für langjährig Versicherte vor. "Damit würde ein Anreiz für ergänzende Altersvorsorge gesetzt", teilt der ZDH mit. Mit dem Betriebsrentenstärkungsgesetz hat die Bundesregierung jetzt genau einen solchen Schritt beschlossen.

Warum geraten bei der Diskussion die Solo-Selbstständigen so sehr in den Blick?

Das Risiko der Bedürftigkeit im Alter ist dann am größten, wenn häufige und längere Erwerbsunterbrechungen vorliegen, wenn dauerhaft nur in Teilzeit gearbeitet wurde und wenn keine oder nicht ausreichend Altersvorsorge betrieben wurde. Letzteres ist bei vielen Solo-Selbstständigen deshalb am größten, da sie eben auch vollkommen selbstverantwortlich sind für die Absicherung im Alter. Entsprechend gibt es durchaus Hinweise darauf, dass Solo-Selbstständige – mit eher geringem Einkommen – nicht so häufig ausreichend für das Alter vorsorgen, wie z.B. Unternehmer in größeren Betrieben. Auch im Handwerk gibt es eine nicht unerhebliche Zahl von Solo-Selbstständigen. In den zulassungspflichtigen Gewerken gilt jedoch auch für Selbstständige eine gesetzliche Pflicht, in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen – die sogenannte Handwerkerrentenversicherung.

"Menschen mit mehr oder weniger umfangreichen Phasen einer selbständigen Tätigkeit in ihrem Erwerbsleben weisen ein deutlich erhöhtes Risiko auf, im Alter Grundsicherung beziehen zu müssen", bestätigt die Rentenversicherung und fordert deshalb, dass es künftig eine obligatorische Alterssicherung für Selbständige geben sollte. Dabei sollte der Gesetzgeber darauf achten, dass diese Absicherung möglichst einfach und effizient für die Betroffenen sein müsse und möglichst wenig Bürokratie und Verwaltungskosten erfordern sollte.

Das sieht der ZDH ähnlich und nimmt ebenso das bereits lange Zeit diskutierte Thema der Pflichtversicherung für Selbstständige mit in seine aktuellen rentenpolitischen Vorschläge mit auf. So fordert der Handwerksverband die Einführung einer Altersvorsorgepflicht für alle Selbstständigen, allerdings mit Wahlfreiheit bei der Durchführung. Jeder Selbstständige soll selbst entscheiden, ob er in eine private oder die gesetzliche Rentenversicherung einbezahlt, solang er eine Art Absicherung vorweisen kann. Für Existenzgründer sollten dabei Sonderregeln gelten. Eine zentrale Forderung des ZDH lautet jedoch, dass in einer generellen Altersvorsorgepflicht für Selbstständige die Handwerkerrentenversicherung aufgehen müsse. Diese stuft der Verband als "verfassungsrechtlich problematisch" ein.

Was wird gegen die Alters armut jetzt und in Zukunft getan?

Sowohl aus Sicht die Bertelsmann Stiftung als auch des ZDH macht eine Anhebung des Rentenniveaus keinen Sinn, wenn es darum geht, Alters armut für die besonders hiervon bedrohten Gruppen zu verhindern. Aber auch die Rentenversicherung Bund ist der Meinung, dass zur Begrenzung der Alters armut bei den Menschen angesetzt werden sollte, bei denen das Risiko besonders hoch ist, im Alter arm zu sein. Es seien auch bereits erste Schritte unternommen worden, zum Beispiel mit der verbesserten Absicherung von Beziehern von Erwerbsminderungsrenten. In Bezug auf Menschen, die lange im Niedriglohnsektor gearbeitet haben, teilt sie mit: Die Politik hat schon direkt oder indirekt dazu beigetragen, die Alterssicherung dieser Menschen zu verbessern, etwa durch den Mindestlohn oder die Versicherungspflicht für Mini-Jobs. Die Rentenversicherung weist aber auch darauf hin, dass eine noch so gute Alterssicherung die Defizite, die während eines langen Berufslebens bestehen, im Alter nicht mehr vollständig ausgleichen kann.

Für eine grundlegende Trendumkehr der steigenden Alters armut müssten Reformen dennoch noch stärker die Risikogruppen, die veränderten Erwerbsbiographien und die Situation an den Kapitalmärkten in den Blick nehmen, mahnt die Bertelsmann Stiftung und weist darauf hin, dass die aktuellen Reformdebatten oft an der Wirklichkeit vorbeigehen würden. "Dreh- und Angelpunkt eines niedrigeren Armutsrisikos für Rentner ist einerseits die Schaffung flexiblerer und sicherer Übergänge im Erwerbsverlauf sowie eine verbesserte Arbeitsmarktintegration für Risikogruppen. Gleichzeitig muss das Alterssicherungssystem zukunftsfester und weniger krisenanfällig gestaltet werden", schreiben die Studienautoren in ihrem Fazit.

"Der beste Schutz für abhängig Beschäftigte ist eine möglichst durchgehende vollzeitnahe Erwerbstätigkeit. Weiterhin schützt Ausbildung und z.B. Weiterbildung gut, da die Arbeitslosigkeit vor allem unter Unqualifizierten am höchsten ist", so der Handwerksverband. Für Selbstständige und Arbeitnehmer gelte es, dass sie unbedingt auch privat vorsorgen sollten – egal in welcher Form, ob per Riester, Lebensversicherung, betriebliche Altersvorsorge oder Wohneigentum.

Alters armut: Die Risikogruppen

  • Die Bertelsmann Stiftung hat in ihrer Studie vor allem alleinstehende Frauen, Langzeitarbeitslose und Niedrigqualifizierte als besondere Risikogruppen für eine drohende Alters armut identifiziert.
  • Stärker dem Risiko der Alters armut ausgesetzt sind der Studie zufolge auch die Rentner aus den neuen Bundesländern.
  • Das geringste Risiko zur Alters armut haben Personen, die mindestens 35 Jahre in Vollzeit erwerbstätig waren.