Das Unternehmen HFM Modell- und Formenbau liegt ziemlich abgeschieden im Süden Baden-Württembergs. Dennoch bekommt es Aufträge von den exklusivsten Autofirmen der Welt.
Anna Rockenfeller

Ziemlich versteckt, inmitten von grünem Ackerland und Wäldern, liegt das Örtchen Ostrach. In der weitläufigen Umgebung ist es friedlich und ruhig. Fahrrinnen von Traktoren durchziehen die Felder in parallelen Mustern, in der Ferne sind vereinzelt Ansammlungen roter Spitzdächer zu erkennen. Der Blick reicht bis zu den Konturen geschwungener Hügelketten am Horizont. In diesem Örtchen, nur 30 Kilometer nördlich vom Bodensee, abseits von Autobahnen liegt das Hightech-Unternehmen HFM Modell- und Formenbau. Zwei Reihen mit Häusern und Hallen stehen sich auf dem Firmengelände gegenüber – eine Art Technologie-Festung inmitten der Provinz. Trotz der Abgeschiedenheit kommen die exklusivsten Autofirmen der Welt hierher, um sich ein Modell ihrer neuen Fahrzeuge anfertigen zu lassen.
Auf der Schwelle zum Industriebetrieb
Horst Fularczyk (62), Modellbaumeister und Geschäftsführer des Unternehmens, ist gebürtiger Oberschwabe. Aus seiner Heimat wollte er nie weg, sein liebstes Urlaubsziel ist der Schwarzwald. "Auf Schwäbisch würde man wohl sagen: Wir liegen hier am Ende der Welt. Aber bis jetzt hat noch jeder LKW zu uns gefunden“, sagt er mit Blick auf die Provinz. 1998 hat er das Handwerksunternehmen, das inzwischen auf der Schwelle zum Industriebetrieb steht, auf dem Privatgrundstück seines Vaters gegründet. 2007 ist sein Sohn Jürgen (38) in die Geschäftsführung mit eingetreten. Heute arbeiten 85 Angestellte auf 4.200 Quadratmetern Produktionsfläche an Aufträgen für die Automobilbranche, deren Zulieferindustrie und den Maschinenbau. Sie konstruieren, programmieren und erstellen Modelle sowie Formen, die später zum Beispiel als Pressstempelwerkzeug in Produktionsstraßen eingesetzt werden.
Jeder Auftrag ist ein einmaliges Projekt
Neben der Herstellung von Werkzeugen und Messmitteln spielt der Automobil-Designbereich für HFM eine zentrale Rolle. Das Unternehmen fertigt dabei nicht nur Einzelteile wie Kotflügel, sondern auch ganze Fahrzeuge, wie beispielsweise den Porsche Marcan oder das Interieur des Audi A8. "Wir wissen bereits vor den Endverbrauchern und Jahre, bevor die Erlkönige fahren, wie die Fahrzeuge aussehen“, sagt Horst Fularczyk. Das bedeutet aber auch, dass jeder Auftrag ein einmaliges Projekt ist. Ist dies erledigt, kommt ein neuer, noch nie da gewesener Auftrag. "Daher brauchen wir in den Bereichen Konstruktion, Technik und Programmierung Mitarbeiter, die sehr flexibel sind“, sagt Jürgen Fularczyk. Hinzu kommt, dass es bei der Herstellung von Autos nur einen minimalen Toleranzbereich gibt. Maschinen und Menschen müssen daher äußerst präzise arbeiten. Das gefräste Modell darf maximal einhundert Mikrometer vom gelieferten Datensatz abweichen. Daher herrscht in manchen Räumen, wie der Messtechnik, eine exakt definierte Raumtemperatur von 20 Grad, um die Genauigkeit der Werkteile zu garantieren.
Mit 3D-Druckern auf dem neusten Stand der Technik
Bei einer Tour über das Betriebsgelände führt Horst Fularczyk auch durch eine mit einem Chip gesicherte Tür. In einem kleinen Raum stehen mehrere 3D-Drucker nebeneinander. Der Geschäftsführer zeigt auf das Display eines Gerätes, mit dem Metalle gedruckt werden können. Verschiedene Anzeigen leuchten dort auf: "Hier wird gerade eine Spezialpassscheibe mit besonderer Geometrie für ein Spritzguss-Werkzeug hergestellt. Das dient später zur Herstellung von Kunststoffteilen“, sagt er. M it den Prototypen, die der Drucker generiert, sollen alle bisher zugekauften 3D-Teile ersetzt werden. "Damit holen wir die Wertschöpfung ins Haus“, sagt Horst Fularczyk. Diese hohe technische Ausstattung braucht aber auch entsprechende Fachkräfte. Damit hat das Unternehmen trotz seiner abgeschiedenen Lage kein Problem. "Wir bilden für unseren eigenen Bedarf aus und legen daher auf die Nachwuchsgewinnung besonders viel Wert“, sagt Jürgen Fularczyk. Das führt zu einer starken Bindung an das Unternehmen.
Das Unternehmen als große Familie
Eine Bindung, die über das rein berufliche hinausgeht, wie ein Ereignis vom 24. Juni dieses Jahres zeigt. Ein Gewitter mit Starkregen bricht über die Gegend herein und setzt die Straßen in Ostrach binnen weniger Minuten unter Wasser. Brauner Schlamm dringt auf das Gelände, drängt sich in Fugen und Ritzen und überschwemmt zwei Hallen von HFM. Jürgen Fularczyk sieht die Katastrophe und weiß sich schnell zu helfen: "Ich habe nachts um elf bei einigen Mitarbeitern angerufen. Alle, die ich erreicht habe, sind am Samstag gekommen und haben beim Aufräumen geholfen.“ Durch diesen Einsatz konnte die Firma bereits am Montag wieder produzieren. Beim Erzählen merkt man ihm an, wie stolz er auf seine Mitarbeiter ist. "Wir haben ein tolles Team hinter uns“, bestätigt Geschäftsführer Horst Fularczyk.
"Wir haben ein tolles Team hinter uns“, sagt Geschäftsführer Horst Fularczyk.
Duz-Kultur und eine eigene Physiotherapeutin
Und das kommt nicht von irgendwoher. Die Geschäftsführer kennen jeden Mitarbeiter persönlich, für Festangestellte sind sie Horst und Jürgen. Die Duz-Kultur gehört hier wie selbstverständlich zur Firmen-DNA. Während viele Unternehmen das Gesundheitsmanagement erst jetzt einführen, ist HFM quasi Vorreiter für den Trend: Seit 2007 besucht eine Physiotherapeutin einmal die Woche das Unternehmen. Zusätzlich gibt es Rückenschulungen und ein internes Projekt zur Verbesserung der Arbeitssicherheit. Ein neues Fehlermanagement wurde ebenfalls eingeführt. Um die regionale Verwurzelung zu stärken, unterstützt HFM örtliche Vereine oder Einrichtungen. Dazu gehört beispielsweise der Fußballverein SV Denklingen, in dem schon Jürgen Fularczyk gespielt hat, oder die Ausbildungskooperation mit dem Körperbehinderten-Zentrum Oberschwaben.
Mit Preisen ausgezeichnet
Eine Firma, die sich so für ihre Mitarbeiter und die Region einsetzt, bleibt nicht lange unentdeckt. Daher gehört HFM zu den Finalisten beim "Großen Preis des Mittelstandes“ und zu den Top100 der innovativsten Unternehmen des deutschen Mittelstands. Mit dem Preis für soziale Verantwortung des Landes Baden-Württemberg wurde das Unternehmen dieses Jahr bereits zum zweiten Mal ausgezeichnet.
Ihrem Erfolgskurs in Ostrach will HFM auch in Zukunft treu bleiben. Für sie ist die Abgeschiedenheit kein Nachteil, im Gegenteil. Dort und nirgendwo anders gibt es bereits Pläne, wie die Hightech-Insel inmitten der Idylle erweitert werden kann.

