Orthopädietechnik Movimento Ein Team für kindgerechte Technik

Die Orthopädietechniker von Movimento haben sich auf Kinder spezialisiert – mit viel Leidenschaft, mit anderen Experten und mit einer Firmenkultur, die sich auch um das scheinbar Nebensächliche kümmert.

Von Frank Muck

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    Angestoßen: Im Jahr 2004 noch musste Stephan Morth (links) einen speziell auf die Bedürfnisse seiner Patienten angepassten Kinderrollstuhl selbst bauen. Vorbilder gab es nicht. Ein Hersteller hat inzwischen ein eigenes Modell auf den Markt gebracht, das hier von Marco Hoffmann präsentiert wird.
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    Angeschliffen: Geselle Sören Raabe (links) und Meister Steffen Räder bearbeiten Gipsmodelle. Das Erfassen der Patientenform und die Erstellung des Modells erfolgen in der Rumpforthetik und bei Sitzschalen inzwischen digital.
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    Angelegt: Der Auszubildende Moritz Zinke lernt, wie man eine Aluminiumschiene an ein Gelenk anpasst. Für Movimento ist die Nachwuchsentwicklung bei dem personal­intensiven Handwerk ein ganz entscheidender Faktor.
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    Angepasst: Nach dem Tiefziehen einer Orthese entfernt Patrick Hering das überschüssige Material. Movimento arbeitet an der Einführung von 3D-Druck in den nächsten fünf Jahren.

Wer die Räume der Firma Movimento in Kassel betritt, denkt unwillkürlich an einen Kindergarten. Warme Farben, viel Licht, eine Sofaecke mit Spielzeug, aber auch das bunte Firmenlogo mit Illustration von Hand- und Fußabdrücken sorgen für eine angenehme Atmosphäre. Movimento hat sich auf Orthopädie für Kinder spezialisiert. Kinder mit körperlichen Behinderungen bekommen hier Unterstützung – beim Liegen, Sitzen oder auch Laufen.

Für einen Orthopädietechnikbetrieb ist eine solche Beschränkung eher ungewöhnlich. Viele Betriebe hätten, wenn überhaupt, nur eine Abteilung, die sich um Kinder kümmert, sagt Geschäftsführer Stephan Morth. Bei Movimento entsteht jedenfalls nicht der Eindruck, dass es hier nur um Technik geht. Wer die Räume betritt soll spüren, dass hier die Orthopädietechniker ihr "Bestes für unsere Kinder" geben, wie sie auf der Webseite versprechen.

"Jeder, der hier anfängt, weiß sofort, wie wir ­miteinander umgehen."

Geschäftsführer Stephan Morth

Doch die Geschäftsführer Stephan Morth und Marco Hoffmann haben sich nicht nur bei der Zielgruppe spezialisiert. Auch die Krankheiten, um deren Folgen sie sich kümmern, haben sie eingeschränkt. Im Mittelpunkt ihrer Bemühungen stehen Kinder, deren Hirn geschädigt wurde und die dadurch neurologische Erkrankungen wie Spastiken haben, oder Kinder mit einer kindlichen Querschnittslähmung. Ebenfalls behandelt werden Kinder, die von einer Schwäche der Muskulatur, zum Beispiel der spinalen Muskelatrophie (SMA), betroffen sind.

Wie üblich in der Branche produziert auch Movimento Orthesen, Prothesen oder auch Sitzschalen für die Patienten. Im Prinzip, so Morth, dürfte auch ihr Betrieb alles machen, was die Orthopädietechnik im Angebot hat. Schließlich ist er seit 20 Jahren Meister. Doch das will Morth gar nicht. Morth und Hoffmann sind sich sicher, dass gerade Kinder eine auf sie zugeschnittene Orthopädietechnik brauchen und sich deswegen auch ein Unternehmen darauf spezialisieren sollte. Schließlich entwickle sich ein Kind bis zum 8. Lebensjahr in großen Fortschritten und eben auf kindliche Art und Weise. "Erst danach werden sie körperlich zu kleinen Erwachsenen", sagt Morth.

In der Ausbildung hat er davon allerdings kaum etwas mitbekommen, denn Kinder-Orthopädie gibt es nicht als Fachrichtung. Dennoch hat er viele Erfahrungen gemacht, die ihn davon überzeugt haben, dass eine Spezialisierung umso nötiger ist, zum Beispiel bei einem Abstecher in die klinische Kinder-Orthopädie in Göttingen. Dort etwa hatte der damalige Abteilungsleiter über ein speziell für Kinder entwickeltes Orthesenkonzept der amerikanischen Physiotherapeutin Nancy Hylton berichtet. Das Fußbett habe eine besondere Wirkung auf die Körperwahrnehmung und sorge dafür, dass sich die Muskelspannung reduziere. Gleichzeitig, aber davon unabhängig stieg die Zahl der Anfragen, auch von weit her, an die Kinderneurologie am Klinikum Göttingen weiter an. "Wir haben gemerkt, dass das ein Riesenthema ist", erinnert sich Morth.

Enge Zusammenarbeit mit anderen Spezialisten

Als er dann mit dem Kollegen Olaf Mielke 2004 seinen eigenen Betrieb in Kassel gründete, war beiden klar, dass sie eng mit anderen Spezialisten auf ihrem Fachgebiet zusammenarbeiten wollten. Schließlich diene man den kleinen Patienten am besten, wenn man die Erfahrungen und Fachkenntnisse anderer Experten berücksichtige. Allein auf ihre eigene, beruflich motivierte Sicht wollten sie sich nicht verlassen, wenn es um das Kindeswohl ging.

Morth und Mielke schlossen sich der interdisziplinären Sprechstunde im Sozial-Pädiatrischen Zentrum (SPZ) in Kassel an. Einmal in der Woche diskutierten sie die Fälle ihrer Patienten und zogen daraus Konsequenzen für ihre Behandlung. "Manchmal müssen wir dann auch von Standpunkten Abschied nehmen", gibt Morth zu, etwa wenn ein Arzt plausibel deutlich macht, dass ein Kind vielleicht keine weitere Mobilisierung braucht, sondern einfach nur einen guten Rollstuhl. "Für uns ist es immer wichtig zu wissen, wie die Prognose für die Kinder ist", erläutert Morth.

Diese Arbeitsweise scheint sich mehr und mehr zu etablieren. Inzwischen gibt es sechs Sprechstunden wöchentlich zu unterschiedlichen Themen. „Wir haben uns dadurch ein unglaubliches Wissen über Therapien angeeignet“, schwärmt Marco Hoffmann und nennt die Sprechstunde eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Alle Teilnehmer profitieren von der Expertise der anderen Fachleute.

Neue Filiale in Göttingen

Ähnlich verläuft der Austauch jetzt auch in Göttingen. Dort haben Morth und Hoffmann eine Filiale eröffnet. Die beiden Meister haben in der nordöstlich von Kassel gelegenen Stadt ihre Ausbildung absolviert. Seitdem gibt es zahlreiche Verbindungen zum Standort. Deswegen war es nur logisch, das Geschäft dorthin auszuweiten. Zwei Meister und drei Mitarbeiter in Vollzeit unterhalten das neue Standbein. Weitere Filialen sind derzeit nicht geplant.

Expansion ist aber auch nicht das, was Stephan Morth antreibt. Wenn er über seine Erfahrungen und seine Patienten berichtet, macht er den Eindruck, als habe er sich in all den Jahren, in denen er schon Orthopädietechniker ist, seine Empathie für seine kleinen Patienten bewahrt. Im Rahmen seiner Arbeit trifft er immer wieder auf Schicksale, die ihn manchmal fassungslos zurücklassen. Gerade wenn Kinder ganz schwer bei Unfällen verletzt werden – mit Schädel-Hirn-Traumata etwa, die oft genug eine lebenslange Behinderung nach sich ziehen. "Da geht man abends dann nach Hause, dankbar dafür, dass es einem selbst und den Kindern so gut geht", sagt er.

Genügt die Erinnerung an das eigene Lebensglück nicht, um das Mitfühlen nicht zu stark werden zu lassen, kümmert sich der Betrieb selbstverständlich um die eigenen Mitarbeiter, wie Stephan Morth betont. Bei Bedarf bekommen sie Supervision, ein in Gesundheitsberufen fast selbstverständliches Angebot. Für Morth und Hoffmann ist eine gute Kommunikation im Unternehmen aber mehr als die Reflektion im Umgang mit dem eigenen Beruf. Viel Wert legen sie auch auf Höflichkeit im Austausch. Wichtig sind ihnen flache Hierarchien und dass die Kollegen bei Konferenzen einander zuhören. Als Anrede haben sie das kollektive Du eingeführt.

Erziehungsarbeit gehört dazu

Movimento hat sogar zusätzlich eine Beratungsfirma für Coachings engagiert, in denen das richtige Miteinander als essentieller Teil des Unternehmenserfolgs gilt. Morth spricht von Leitplanken, die sich die Chefs und ihre Mitarbeiter gezogen hätten, innerhalb dessen sie miteinander arbeiten und reden wollen. Er hält diese Regeln gerade auch für die Integration neuer Mitarbeiter für sehr wertvoll. "Jeder, der hier anfängt, weiß sofort, wie wir miteinander umgehen", sagt er. Zu den Neuankömmlingen gehört die inzwischen viel zitierte Generation Y. Der Familienvater attestiert dem Nachwuchs, dass ihm selbstverständlichste Benimmregeln fehlen. So bleibt auch den Chefs in den Gesundheitshandwerken nichts anderes übrig, als Erziehungsarbeit zu leisten.

Für Morth und Hoffmann macht auch das die Arbeit und das Ergebnis am Ende besser. Schon seit 2005 ist der Betrieb zertifiziert. Speziell geschulte Mitarbeiter kontrollieren die Einführung neuer Methoden der Qualitätskontrolle, die zum Beispiel für geregelte Arbeitsabläufe und ständige Sauberkeit an den Arbeitsplätzen sorgen.

Auf den ersten Blick mögen das alles Nebensächlichkeiten sein. Doch wenn Stephan Morth davon berichtet, macht es den Eindruck, als würden alle an vielen kleinen Stellschrauben arbeiten, die ein gutes Ergebnis bringen. Letztlich profitiert das Team, ohne das die Leistung nicht möglich wäre, wie der Chef nicht müde wird zu betonen. Und wie anders könnte man am Ende des Tages auch sonst sagen, dass man das "ste für unsere Kinder" gegeben hat.