Handwerker in der ehrenamtlichen Flüchltingshilfe Fotos, Brot und Fußball für Flüchtlinge

Die Flüchtlingskrise bewegt Deutschland. Tausende gehen zu Pegida-Demos, tausende packen aber auch an, um die Krise konstruktiv zu bewältigen. Unter ihnen sind viele Handwerker. Nicht Verklärung, sondern nüchterner Realismus treibt sie an. Vier Beispiele, wie Hilfe aussehen kann.

Barbara Oberst

Beide Seiten lernen voneinander – Flüchtling und Betreuer. Das zeigt Fotografin Conny Kurz in ihrer Ausstellung "Sichtwechsel – Wechselsicht“. - © Conny Kurz

Landsberg am Lech: Fotografin Conny Kurz war eines klar. Wenn sie eine Ausstellung zum Flüchtlingsthema machen sollte, dann ohne Betroffenheitsbilder. "Ich hatte genug von dem Elend, das immer gezeigt wird.“

Die 51-Jährige ist eine von 450 ehrenamtlichen Helfern, die sich in Landsberg am Lech und dem dazugehörigen Kreis um die Integration von 1.070 Asylbewerbern bemühen. Als die Fotografin auf 13 Bildern Flüchtlinge mit ihren Helfern ablichtete, ahnte sie nicht, wie viel Aufmerksamkeit dieses Projekt bekommen würde. "Ich wollte das Positive zeigen, zum Schmunzeln und zum Nachdenken anregen.“

5.000 Neuankömmlinge in Passau täglich

Ruderting bei Passau: Mehr als die Hälfte der Deutschen ist laut ZDF-Politbarometer inzwischen vor allem nachdenklich geworden, wenn es um Flüchtlinge geht. Das Land könne diese Massen nicht verkraften, meinen 51 Prozent.

In Passau ist die Lage besonders brisant. Die 50.000-Seelen-Stadt ist die erste Station in Deutschland für Flüchtlinge von der Balkanroute. Per Zug oder über die grüne Grenze kommen sie von Österreich, 5.000 Menschen jeden Tag, seit Wochen unverändert viele.

Fotografin Conny Kurz engagiert sich als freiwillige Helferin. - © Conny Kurz

Keiner ruft mehr „Refugees welcome“ am Bahnhof. Doch die Helfer sind da. Sie tun alles, um die Neuankömmlinge zu versorgen. "Als unerwartet viele Flüchtlinge ankamen, holten private Helferorganisationen alles bei uns ab, was nicht verkauft war“, berichtet Bäcker- und Konditormeister Hans-Peter Wagner aus Ruderting.

Sein Verkaufsleiter fuhr spätabends los, um die hungrigen Menschen am Bahnhof zu versorgen. Seither räumt der Biobäcker jeden Abend seine Läden für die Flüchtlinge leer.

Viermal Ungarn und zurück

Bad Vilbel – Ungarn – Kroatien: Die Flüchtlingsfrage in Deutschland drängt. Doch in Kroatien und Ungarn ist das Problem noch viel größer. Tobias Kreil-Lange hatte im Fernsehen die chaotischen Bilder vom Budapester Bahnhof gesehen, wo Ende August, Anfang September tausende von Menschen gestrandet waren: "Zwölf Stunden später waren wir das erste Mal auf dem Weg.“

Der 28-jährige Juniorchef der Metzgerei Dürr in Bad Vilbel hatte binnen weniger Stunden drei Tonnen Hilfsgüter organisiert, gespendet von seinen Partnerunternehmen, Kunden und Lieferanten. Wasser, Bananen, Zwieback, Milch und Brot fuhr er mit dem firmeneigenen Transporter in die ungarische Hauptstadt. "Was wir da zu sehen bekamen, war wie ein schlechter Film.“

Viermal hat der Familienvater mittlerweile Lebensmittel nach Kroatien und Ungarn gebracht, wo täglich bis zu 15.000 Menschen ankommen. Zuletzt bewältigte er die Distanz von knapp 1.000 Kilometern mit drei vollgepackten Transportern plus Anhängern und einem 40-Tonner, den ein Kartoffeltransporteur ihm samt Fahrern gegen Spritgeld und Maut überließ. "Es kann einfach nicht sein, dass mitten in Europa Kinder verhungern und verdursten. Das wollten wir nicht länger tatenlos mit ansehen.“

Fußball für die Integration

Zscherben bei Halle (Saale): Wer in Deutschland angekommen ist, wird kaum mehr verhungern. Dennoch brauchen die Flüchtlinge Hilfe. Florian Schubert ist Juniorchef der Schubert Bau GmbH in Zscherben bei Halle – und Fußballtrainer. "Als einer der Spieler einen jungen Mann aus Burkina Faso mitbrachte, nahmen wir ihn auf. Mit allem Drum und Dran.“

Die Aufnahme im Verein bedeutete viele Formalitäten. Dann begleitete Schubert den neuen Spieler zu Ämtern, organisierte für ihn eine Wohnung, half ihm bei deren Einrichtung, alles, um ihn aus dem überfüllten Flüchtlingsheim herauszubekommen. "Ich hätte ihm auch gerne Arbeit vermittelt, wir waren bei Vorstellungsgesprächen“, berichtet der 29-jährige Familienvater. Doch es war unklar, ob die Aufenthalts­erlaubnis des jungen Mannes verlängert würde. Schlechte Voraussetzungen für ein Arbeitsverhältnis.

Mittlerweile spielt ein zweiter Flüchtling in der Mannschaft. Anfeindungen vom Spielfeldrand und selbst unter Spielern gibt es. "Aber die beiden überzeugen durch ihre Qualität auf dem Fußballplatz. Und das sehen auch die anderen“, beobachtet Trainer Schubert.

Es sind diese Momente, wo beide Seiten plötzlich erkennen, dass es auch noch andere Sichtweisen der Dinge gibt, die der Fotoausstellung von Conny Kurz den Namen gegeben haben. Mit "Sichtwechsel – Wechselsicht“ will die Fotografin die Chancen ins Licht rücken – für beide Seiten. Dabei bleibt sie realistisch: "Ich will nichts beschönigen. Es gibt viele Schwierigkeiten. Aber wir können auch viel voneinander lernen.“

Anlaufstellen für Helfer

Eine Jobbörse speziell für Flüchtlinge steht unter www.campusanzeigen.net.

Handwerksunternehmer, die Flüchtlinge in ihrem Betrieb beschäftigen wollen, finden bei ihrer jeweiligen Handwerkskammer und bei der Bundesagentur für Arbeit Unterstützung.

Flüchtlingsräte in Deutschland

Wer sich ehrenamtlich engagieren möchte, aber nicht weiß, welche Initiativen es in seiner Region gibt, kann sich beim jeweiligen Flüchtlingsrat erkundigen.

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