Interview: Ferdinand Dudenhöffer zum Abgas-Skandal "Wir brauchen ein strengeres Drohszenario"

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer zur Frage, wie man Umweltstandards wirksamer durchsetzen könnte und was sich im Umgang mit Diesel-Fahrzeugen ändern müsste.

Frank Muck

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DHZ: Herr Professor Dudenhöffer, kann ein Handwerker noch guten Gewissens ein Fahrzeug mit Dieselmotor kaufen?
Dudenhöffer: Ja, sicher. Er sollte nur gucken, dass er einen Diesel mit SCR-Kat kauft. Dann kann er auch gegenüber seinen Kunden argumentieren, dass er mit Clean-Diesel unterwegs ist. Das ist eine saubere Lösung.

DHZ: Rechnen Sie auch bei anderen Herstellern mit Schummeleien bei Nutzfahrzeugen?
Dudenhöffer: Bei den anderen Herstellern eher nicht. In den USA war es schwer, den Diesel ohne SCR-Katalysator in den Markt zu bringen. Mercedes und BMW haben diese Kats bereits drin. Bei VW hat man sich um den Kat rumgemogelt. Aufgrund der geringen Rentabilität im VW-Konzern wollte man sich nicht noch mehr Kosten durch eine Umrüstung aufbürden.

"In Amerika haben sie ein anderes Bedrohungsszenario."

DHZ: Wie müssen die Tests geändert werden, dass Kunden Vertrauen in derlei Ergebnisse haben können?
Dudenhöffer: Wie in den USA müssten die Behörden bei Nichteinhaltung hart eingreifen. Unser Kraftfahrt-Bundesamt ist eine klassische Behörde im wilhelminischen Sinne. In Amerika haben sie ein ganz anderes Bedrohungsszenario. Dort sind auch Unternehmen strafrechtlich verfolgbar. Wir müssten unser Rechtssystem in diese Richtung ändern. Ich will nicht zusätzliche Belastungen für die Unternehmen, aber ich glaube, so ein Drohszenario schützt uns vor solchen Fällen wie bei VW.

Ferdinand Dudenhöffer ist Gründer und Direktor des CAR – Center Automotive Research und Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft der Fakultät Ingenieurswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen. - © Foto: Oliver Anderson

DHZ: Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Autohersteller, sagt in der FAZ, der derzeitige Test „Neue Europäische Fahrzyklus“ (NEFZ) werde 2017 durch einen realistischen Test „Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedures“ (WLTP) ersetzt.
Dudenhöffer: Über den WLTP wird schon lange diskutiert, aber Wissmann und die Autoindustrie bremsen schon seit Jahren genau bei der Einführung der realistischeren Verfahren. Es ist verständlich, dass nicht die Autoindustrie nach einem neuen Messverfahren schreit. Die Lobby darf sich ruhig dagegen wehren. Die Missetäter sind eher die Politiker, die nicht in der Lage sind, die Standards durchzusetzen.

DHZ: Wäre denn mit dem WLTP alles gut?
Dudenhöffer: Realistischer. Die Werte kommen eher an die Wirklichkeit ran.

"Man müsste den Diesel ­endlich mit dem Benziner gleichstellen. Dann hätten wir einen tatsächlichen ­Wettbewerb der Systeme."

DHZ: Wie wurden die Standards überhaupt festgelegt?
Dudenhöffer : Der Wirtschaftskommissar der EU hat die Umweltstandards festgelegt. Seit Jahren sagt man, die Standards sind falsch und versucht, einen weltweit harmonisierten Test zu finden. Die unterschiedlichen Standards führen dazu, dass die Hersteller für jeden Test unterschiedliche Einstellungen vornehmen müssen. Das ist teuer. Eine Harmonisierung wäre also besser.

DHZ: Ist die Diesel-Technik denn überhaupt noch zeitgemäß?
Dudenhöffer: Wenn sie die Abgaswerte einhält, ja. Jeden Verbrennungsprozess kann man steuern. Da ist auch der Diesel nicht schlecht. Das Problem ist nicht die Technik, sondern die Subventionierung in der EU. Man müsste den Diesel mit dem Benziner endlich gleichstellen. Die EU-Kommission hat schon vor drei Jahren vorgeschlagen, den Kraftstoff nach dem Energieinhalt zu besteuern. Demnach müsste der Diesel höher besteuert werden als der Benziner, weil er einen größeren Energieinhalt hat. Würde man so vorgehen, hätten wir einen tatsächlichen Wettbewerb zwischen den Antriebssystemen und das Bessere setzte sich durch.

"Regelungen zu Stickoxiden sind in den nächsten Jahren zu erwarten."

DHZ: Was muss VW den Diesel-Kunden jetzt bieten?
Dudenhöffer: Die Händler sollten von VW verlangen, einen SCR-Katalysator einzubauen. Auch wenn es viel Geld kostet. VW könnte dann bei den Kunden mit einer besseren Lösung punkten. Die Kunden würden das sehr positiv zur Kenntnis nehmen.

DHZ: Drohen jetzt gerade für Diesel-Transporter weitere Einfahrverbote in Umweltzonen?
Dudenhöffer: An der aktuellen Rechtlage ändert sich natürlich nichts. Aber die Stickoxid-Belastungen in mehr als 30 Ballungsräumen überschreiten deutlich die EU-Vorgaben und daher muss mit Maß­nahmen seitens der Behörden gerechnet werden. Ob dies jetzt Einfahrverbote sind, kann man heute noch nicht sagen. Aber Stickoxide stehen auf der Agenda und Regelungen sind daher in den nächsten Jahren zu erwarten.