Keramikermeisterin Stefanie Hering beliefert Sterneköche und Promis mit handgefertigtem Biskuitporzellan. Ihre Lampen und ihr Geschirr sind mittlerweile weltweit bekannt. Angefangen hat alles in einer kleinen Töpferei in Berlin. Sie erzählt, wie sie sich heute gegen die Industrieproduktion behauptet.
Jana Tashina Wörrle

Der Espresso schmeckt angenehm bitter. Der kleine Becher, in den er zuvor dunkelbraun und heiß hineinfloss, passt perfekt dazu. Außen matt weiß und rau, innen glasiert und glänzend. Ohne Henkel liegt er warm und weich in der Hand. "Was jetzt eine Espressotasse ist, könnte später ein Schälchen für Soße sein oder fürs Salz am Abendbrottisch", sagt Stefanie Hering, nimmt den kleinen Becher in die Hand und hält ihn ins Licht.
Töpferscheibe statt Papier und PC

Das Material ist stabil und fest, trotzdem kann man die Sonne durchscheinen sehen. "Porzellan wird auch weiße Erde genannt. Es ist das edelste Material, das man für Geschirr verwenden kann", sagt die Keramikermeisterin, die mit diesem Werkstoff viel mehr als nur kleine Becher herstellt.
Was Stefanie Hering auf ihrer Töpferscheibe formt, sind diejenigen Teller, Tassen, Lampenschirme und Vasen, die die Marke Hering Berlin mittlerweile weltbekannt gemacht haben. Sterneköche in Deutschland, Frankreich und den USA haben das Geschirr für sich entdeckt, weil es so robust ist. Promis wie Nicole Kidman, Lenny Kravitz und der Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate in Washington begeistert das besondere Design.
Beides zu vereinen, war der Anspruch, den sich Stefanie Hering von Anfang an gestellt hat. "Porzellan ist nicht nur edel. Unglasiert kann es nicht zerkratzen, nur Diamant ist härter", erklärt die 46-Jährige. Ihre Geschirrkollektionen nennt sie "100 Prozent Handwerk", da heute noch alles von Hand gefertigt wird.
Ganz viel ausprobiert
Sie selbst sitzt zwar inzwischen mehr im Büro als an der Werkbank, jettet von einem ihrer Showrooms zum nächsten und bald steht sie auch im ersten exklusiven Hering-Berlin-Shop im Hotel Waldorf Astoria in Berlin. Wenn sie jedoch auf der Suche nach neuen Formen ist, greift sie lieber zu Töpferscheibe und Keramikmasse statt zu Papier oder PC: "Meine ganz eigene Art, Porzellan zu verarbeiten, habe ich mir durch ganz viel Ausprobieren erarbeitet und nicht durchs Theoriepauken."
Seite 2: Wie Stefanie Hering es schaffte, die Marke Hering Berlin zu etablieren. >>>
Ihr Werdegang zeugt von dem Willen, handwerklich zu arbeiten und gleichzeitig etwas Besonderes zu schaffen. So wollte Stefanie Hering, die in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen ist, nach der Schule unbedingt eine Handwerksausbildung machen. "Töpfereien waren damals absolut in", erzählt sie und bedauert, dass der Beruf heute so stark an Bedeutung verloren habe.

Nach der Lehre folgten drei Jahre Gesellenarbeit, unter anderem in Irland und Dänemark, wo sie sich von anderen Techniken und Arten des Gestaltens inspirieren ließ. Danach Meisterprüfung und Designstudium in Deutschland und der eigene Laden mit Werkstatt in Berlin.
Schlicht, gradlinig und überwiegend weiß
Das war 1992 und Stefanie Hering setzte alles daran, die Menschen von ihrer Art des Keramikherstellens zu überzeugen. Und auch hier kombiniert sie Dinge, die in der klassischen Geschirrherstellung unüblich sind: Statt Ton nimmt sie sogenanntes Biskuitporzellan und bearbeitet dieses auf der Drehscheibe. Statt es flüssig in eine Form zu gießen, bringt sie "das Wesen des Materials", wie sie es gerne nennt, per Hand hervor.
So entstehen große Teller mit breiten Krempen, Kannen, Schüssel, Tassen, Becher und vieles mehr, bei denen keines dem anderen genau gleicht. Trotzdem gehören sie unverkennbar zusammen. Die künstlerische Handschrift von Stefanie Hering ist eindeutig: schlicht, gradlinig und fast immer matt weiß. Nur an Stellen wie innen in Tassen oder Tellern, wo man mit dem Besteck nicht auf raue Oberflächen stoßen soll, sind die Teile glasiert. Das Ohr und der Tastsinn essen schließlich mit.
Design zum Kombinieren
Neben der Liebe zu Form und Material ist Hering die Funktionalität wichtig. Damit die Spitzenköche Hering Berlin nicht nur zum Servieren verwenden, sondern auch in der Küche, muss das Geschirr spülmaschinenfest sein. Das schlichte Design soll es außerdem ermöglichen, dass man die Teile eines Services auch einzeln miteinander kombiniert.
Gleichzeitig könnten sich wahre Fans, die ein eher schmales Einkommen haben, so "nur mal einen Kaffeebecher kaufen", der trotzdem zu allem anderen passt, sagt Stefanie Hering und holt einen davon aus dem Regal. Das Preisschild zeigt 30 Euro.
Seite 3: Einzelstücke nach eigener Technik: Warum Kopien des Designs damit unmöglich werden. >>>
Hering Berlin hat als Marke einen steilen Aufstieg hinter sich, der damit begann, dass Stefanie Hering nach vielen Jahren des Ausprobierens und Abklapperns von Messen im Jahr 1999 endlich richtig durchstarten wollte. "Wir haben zu dritt das Unternehmen Hering Berlin gegründet, die Marke eintragen lassen und sind dann losgezogen zu den großen und bekannten Restaurants und Designläden. Statt unten haben wir gleich ganz oben angefangen und unser Geschirr präsentiert", erzählt die Keramikfachfrau, deren Mut schnell belohnt wurde.
Ein Jahr Einarbeitung
Der Bekanntheitsgrad stieg schnell an und die drei Unternehmensgründer – neben Stefanie Hering und ihrem Ehemann, Freundin und Keramikermeisterkollegin Wiebke Lehmann – mussten die Herstellung aus den eigenen vier Wänden und den eigenen Händen geben.
Nach einer langen Suche nach einer Manufaktur, die bereit war, ihren ganzen Produktionsprozess auf das typische Hering-Porzellan-Verfahren umzustellen, fanden sie die Manufaktur Reichenbach in Thüringen, deren Porzellanmeister auch heute noch für Hering Berlin produzieren. Ein Jahr hat Stefanie Hering damals vor Ort in Thüringen verbracht, um die Mitarbeiter zu schulen.
"Anders als Steingut wird Porzellan vor dem Brennen verziert und bemalt, so dass man dabei an noch weichen und verformbaren Stücken arbeitet", erklärt die Keramikermeisterin. Zudem schrumpfe die an der Drehscheibe hergestellte Form später nochmals um bis zu 20 Prozent.
Identische Kopie unmöglich
In ihrer Art und Weise der Porzellanverarbeitung zu seriellen Einzelstücken sieht Stefanie Hering das absolute Alleinstellungsmerkmal ihrer Firma. Zwar versuche die Industrie immer wieder, einzelne Formen nachzumachen, doch eine wirkliche identische Kopie des Designs gelinge in der Maschinenherstellung nicht. Trotzdem ist die Geschäftsfrau erstaunt darüber, dass manche Firmen ohne Skrupel zum Ideenklau übergehen.
"Und wir sprechen hier von einer deutschen Firma, nicht von chinesischen Herstellern", sagt Stefanie Hering, die nach dem Espresso nun dazu übergeht, Wasser zu servieren – natürlich aus Gläsern von Hering Berlin. Statt auf Haptik setzt die Designerin hier jedoch auf den gewissen Klang, den ein Glas haben müsse. "Gute Gläser klingen schön, wenn man damit anstößt", sagt sie. "Das Wesen der Tafel" gehöre zum richtigen Genuss dazu. "Das Wesen der Tafel" heißt auch der Slogan ihrer Marke.
Und genau dieses besondere Wesen ist jetzt preigekrönt. Mit ihrem Tafelgeschirr aus der Kollektion "Noble" hat Stefanie Hering in der vergangenen Woche den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland gewonnen.