Working-Capital-Management: Vor einer Finanzklemme ist es höchste Zeit, versteckte Reserven aufzuspüren
Manfred Godek
Auf der Suche nach Barem
Einmal wöchentlich macht Kerstin Zessin, Geschäftsführerin der MAB Maschinen und Aggregatebau GmbH in Much im Rhein-Sieg-Kreis, einen Finanzcheck. Sie achtet vor allem darauf, dass für die in Bau befindlichen Notstromaggregate die vereinbarten Akontorechnungen pünktlich an die Kunden verschickt werden. Laut eines aktuellen Betriebsvergleichs im Metallhandwerk haben so genannte teilfertige Arbeiten einen Anteil von 24 Prozent an der Bilanzsumme. Dabei handelt es sich um Werte, die zwar in den Büchern stehen, sich aber auf den Konten mit keinem Cent bemerkbar machen.
„Nicht alle Betriebe verfolgen diesen Posten so konsequent“, sagt Stephan Lohmann, betriebswirtschaftlicher Berater des Fachverbandes Metall in Nordrhein-Westfalen. Immerhin hat MAB mit seinen 20 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 2,8 Millionen Euro eine um rund 25 Prozent geringere Kapitalbindung als der Durchschnitt in der Branche.
Wahre Schätze warten
Der Handwerksbetrieb liefert ein Beispiel für vorbildliches Wirtschaften. Denn gerade jetzt, da sich einige Banken bei der Kreditvergabe zieren, ist es wichtig, nicht unnötig Liquidität zu verschenken. Und im so genannten Umlaufvermögen oder Working-Capital stecken wahre Schätze: Geld, das in Geschäftsprozessen wie der Vorrats- und Lagerhaltung gebunden ist und damit der Firma nicht zu Verfügung steht.
Hohe Außenstände sind ein Hauptrisiko. Unbezahlte Rechnungen gelten sogar wieder häufiger als Grund für Insolvenzen. „Immer noch werden in zahlreichen Firmen Debitoren nicht systematisch verfolgt“, weiß Siegward Tesch, Geschäftsführer der Teschinkasso Forderungsmanagement GmbH mit Sitz in Wiehl. Der Experte spricht von „wirtschaftlichen Sprengsätzen“ in Anbetracht der Tatsache, dass sich Möglichkeiten der Außenfinanzierung, etwa durch Bankkredite, praktisch über Nacht verändern können. Auch die Verbindlichkeitensteuerung ist ein vernachlässigtes Feld. Die richtige Ausnutzung von Zahlungszielen und Skonti innerhalb vereinbarter Fristen scheitert oft schon an mangelhaften Überwachungssystemen.
Cashquote verbessern
Größere Unternehmen haben schon vor Jahren damit begonnen, ihr Liquiditätsmanagement zu verbessern. In kleineren Betrieben bleibt der Firmenleitung oft nur wenig Zeit für strategische Planung, weil sie zu nahezu 100 Prozent ins Tagesgeschäft eingebunden ist. Im Durchschnitt holen nicht einmal 20 Prozent des Mittelstandes Bonitätsauskünfte über neue Geschäftspartner ein. Wer aber professionelle Methoden einsetzt, kann damit seine Cashquote schlagartig verbessern. „In Einzelfällen können 30 Prozent des Forderungsbestandes in Barmittel umgewandelt werden“, so Inkassoexperte Tesch.
Zu den Sofortmaßnahmen gehören eine schnellere und häufigere Fakturierung sowie ein konsequentes Mahnwesen. Wichtig seien dabei vor allem eine Verzahnung von Buchhaltung und Vertrieb, eine systematische Forderungsanalyse und das gezielte Angehen der Problemzahler. Bei Kerstin Zessin zum Beispiel ist jeden Mittwoch „Mahntag“. Säumige Kunden werden angeschrieben oder angerufen.
Rückgriff auf Dienstleister
Notfalls wird ein Inkassounternehmen eingeschaltet. Immer mehr Unternehmen bedienen sich dieser Möglichkeit, zumal die Kosten eines eigenen Forderungsmanagements erheblich sind. Inzwischen können nicht nur Mahnverfahren, sondern die gesamte Rechnungsabwicklung auf den Dienstleister übertragen werden.
Die ausgewiesene Kapitalschwäche vor allem kleinerer Betriebe bedeutet eine extreme Anfälligkeit für Schwankungen der Liquidität. Zudem sind die hohen Belastungen durch Darlehen ein Risiko, da diese unabhängig von der aktuellen Auftragslage bedient werden müssen. An einem professionellen Working-Capital-Management führt kein Weg vorbei.