Unter dem Motto "Alt hilft Jung" unterstützen pensionierte Führungskräfte Existenzgründer und etablierte Betriebe. Von Sandra Rauch

Erfahrene Paten helfen auf die Sprünge
Sie kommen aus der Industrie und dem Handwerk, waren im Handel oder Dienstleistungsbereich tätig und haben ein erfolgreiches Berufsleben hinter sich. Aus dem aktiven Wirtschaftsleben haben sie sich verabschiedet, aber im Ruhestand sind sie noch lange nicht: Unter dem Motto "Alt hilft Jung" haben sich deutschlandweit ehemalige Unternehmer und Manager zusammengeschlossen, um Existenzgründer oder bereits bestehende kleine und mittlere Unternehmen in Fragen des unternehmerischen Alltags zu beraten und konkrete Probleme zu lösen. Im Unterschied zu Unternehmensberatungen agieren die Wirtschaftssenioren ohne eigene wirtschaftliche Interessen und können ihre hilfe somit gegen einen geringen Verwaltungskostenbeitrag anbieten.
Mittlerweile gibt es in zwölf Bundesländern Vereine, die sich der Idee "Alt hilft Jung" verschrieben haben. Sie nennen sich Wirtschaftspaten, Aktivsenioren oder einfach Alt hilft Jung. Jeder Verein ist selbstständig und verfügt über eigene Organisations- und Finanzstrukturen.
Geballtes Praxiswissen
Gemeinsam ist ihnen, dass ihre Mitglieder mit einem geballten Wissen aus jahrzehntelanger Praxiserfahrung Unternehmen bei Gründung, Erweiterung oder Sanierung beratend zur Seite stehen. "Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe", sagt Jürgen Pöttker, der den Verein "Die Wirtschaftspaten" im Rhein-Main-Gebiet leitet. Bevor er in Rente ging, war der 66-Jährige Marketingdirektor beim Technologiekonzern Heraeus. Heute ist er Ruheständler – aber nur pro Forma; denn seine neue Tätigkeit bei den Wirtschaftspaten ist für ihn ein Vollzeitjob. Und das, obwohl er sich dabei nicht für den Erfolg seines Arbeitgebers und seinen eigenen Lebensunterhalt engagiert, sondern sein über viele Jahre gesammeltes Wissen und Problemlösungs-Know-how an ratsuchende Unternehmer weitergibt.
"Beratungsbedarf gibt es an vielen Stellen", sagt Pöttker. In der ersten Zeit nach Gründung des Vereins im Jahr 2002 hätte vor allem die Beratung von Existenzgründern im Vordergrund gestanden, heute beraten die insgesamt 30 Wirtschaftspaten vor allem im Bereich Unternehmenssicherung und -sanierung sowie bei Betriebsübergaben.
Was unter der zum Motto erklärten "Hilfe zur Selbsthilfe" zu verstehen ist, erklärt Wirtschaftspate Pöttker anhand der Vorbereitung auf ein Kreditgespräch mit der Bank – eine Situation, der viele Unternehmer mit Unbehagen entgegensehen: "Viele wissen nicht, wie sie die Bank von ihren Ideen überzeugen", sagt Pöttker. "Sie hantieren mit Zahlen aus der Vergangenheit, zeigen aber nicht das, was erreicht werden soll." In diesem Fall erklären die Wirtschaftspaten, wie ein überzeugender Geschäftsplan aussehen muss. "Wir sagen dem Unternehmer, was reingehört, schreiben muss er es selbst."
Neben Finanzierungsproblemen seien Fragen zum erfolgreichen Marketing und Vertrieb ein Dauerbrenner bei den Beratungsthemen. "Viele Unternehmer wollen wissen, wie sie Kunden am besten ansprechen können", sagt Pöttker.
Interdisziplinäre Beratung
Der über mehrere Jahrzehnte gesammelte Erfahrungsschatz der ehemaligen Führungskräfte helfen hier sehr wirkungsvoll auf die Sprünge, da die Senioren vor fast jedem Problem schon einmal selbst gestanden hätten.
Die Seniorenberater helfen jedoch nicht nur bei Problemen mit Finanzierung und Vertrieb. Weitere Themen der Unterstützung liegen bei Personalfragen, der Unternehmensorganisation, Produktion, Qualitätsmanagement, Kostenoptimierung, Controlling, Buchführung oder EDV. Die Beratung erfolgt dabei interdisziplinär. "Jeder Berater hat fachliche Schwerpunkte", erklärt Manfred Bernsen, der erste Vorsitzende von Alt hilft Jung Nordrhein-Westfalen, dieses Prinzip. "Tritt bei der Beratung zu einem Thema ein weiterer Problempunkt auf, wird ein entsprechend spezialisierter Berater hinzugezogen."
Ausgeschlossen ist bei allen Vereinen jedoch die spezielle Steuer- und Rechtsberatung, hier müssen Unternehmer einen Rechtsanwalt oder Steuerberater beauftragen.
Die Beratungstätigkeit bei etablierten Unternehmen erfolgt in der Regel vor Ort im Betrieb. Wie viele Beratungstermine stattfinden, hängt vom jeweiligen Bedarf und von den individuellen Regelungen der Vereine ab. Prinzipiell gilt, dass die Wirtschaftssenioren Unternehmen so lange beraten, bis das Problem gelöst ist. Einige Vereine, etwa die Wirtschaftspaten, bieten sogar ein individuelles Coaching an, das über ein halbes oder ein ganzes Jahr läuft und Unternehmer gezielt in Tagesfragen berät. Alle Vereine arbeiten honorarfrei. Um ihre eigenen Kosten zu decken, erheben sie jedoch bestimmte Pauschalen, die sich je nach Verein unterschiedlich bemessen. Die Gebühren liegen jedoch weit unterhalb üblicher Gebühren von Beratungsunternehmen.
Doch warum sollten sich Handwerksunternehmen an die Wirtschaftssenioren wenden? Vor allem mit zwei Dingen können die Wirtschaftssenioren punkten – vor allem im Vergleich mit in der Regel sehr kostspieligen privatwirtschaftlichen Unternehmensberatern: Zum einen kommen sie direkt aus der betrieblichen Praxis und sehen oft auf einen Blick, wo es hakt; nicht zuletzt, weil sie ähnliche Probleme schon viele Male selbst gelöst haben.
Mehr Zeit für Details
Auf der anderen Seite steht ihnen mehr Zeit zur Verfügung, sie können in die Beratung mehr Aspekte einschließen und sich intensiver kümmern, als es im professionellen Beratungsalltag je möglich wäre. In vielen Fällen sind die Wirtschaftssenioren sogar mit den Handwerkskammernammern vernetzt; gemeinsam werden Existenzgründertage veranstaltet oder bietet den Beratungssuchenden die Möglichkeit zweier Urteile, zum Beispiel bei Unternehmensbewertungen.
Die Suche nach den Details, für die sich die Wirtschaftssenioren einfach mehr Zeit nehmen können, erklärt Jürgen Pöttker von den Wirtschaftspaten an einem Beispiel aus seiner Beratungspraxis: Der Chef eines Elektromeisterbetriebs mit 15 Mitarbeitern aus dem Großraum Frankfurt am Main berichtete von einem Umsatzeinbruch, den er sich nicht erklären könne. Vor Ort schauten sich die Wirtschaftspaten daraufhin die Geschäftsbücher an, verglichen Auftragsdaten mit den Stundenzetteln der Mitarbeiter. Und fanden heraus, dass diese 7.000 Stunden mehr notiert als tatsächlich geleistet hatten. Die Wirtschaftspaten diskutierten diese Abweichung mit dem Unternehmer und den Mitarbeitern. Sie analysierten die tatsächlich benötigten Stunden und forderten die Angestellten auf, ihre Zeiten konkreter sowie zeitnäher aufzuschreiben und beispielsweise auch den vorher miterfassten Heimweg wegzulassen. "Die Mitarbeiter haben diese Anregungen angenommen und die Zeiten besser aufgeschrieben", sagt Pöttker. "Ein Jahr später war das Unternehmen wieder in der Gewinnzone."
Loch, das gefüllt werden muss
Zwei bis drei volle Arbeitstage pro Woche investieren die Wirtschaftspaten rund um Jürgen Pöttker und ihre Kollegen in anderen "Alt-hilft-Jung"-Vereinen in ihre Aufgaben rund um die Beratung. Warum sie das machen? "Wenn man aus dem Berufsleben aussteigt, reißt vor einem ein Loch auf, das gefüllt werden muss", erklärt Helmuth Lederer, erster Vorstand von Alt hilft Jung Bayern e.V., die Gründe für sein Engagement. Er habe 30 Jahre lang ein Unternehmen mit 100 Mitarbeitern geleitet, "es wäre schade, wenn dieses Wissen verkümmern würde". Damit das Wissen der pensionierten Praktiker bestmöglich beim Ratsuchenden ankommt, legen viele Vereine Qualitätsstandards fest und suchen ihre Berater nach bestimmten Kriterien aus. Die Wirtschaftspaten veranstalten für neue Berater Seminare, die ersten Termine absolvieren Einsteiger zusammen mit einem erfahrenen Kollegen. Um zu gewährleisten, dass die Berater noch nah genug an der Praxis sind, gelte zudem ein ungeschriebenes Gesetz: Mit spätestens 75 Jahren ist bei den Wirtschaftspaten Schluss.