Oft bestimmt der Wohnort, wie Rückenschmerzen behandelt werden: In manchen Regionen Deutschlands wird bis zu dreizehnmal häufiger operiert als andernorts. Wo genau, zeigt eine Studie.

Immer mehr Menschen lassen sich operieren, wenn sie an Rückenbeschwerden leiden: Von 2007 bis 2015 stiegen hier die Zahlen um 72 Prozent – von 452.000 auf 772.000 Fälle. Auffällig: Je nach Wohnort der Patienten werden die Rückenoperationen unterschiedlich oft durchgeführt. Das fand eine Studie der Bertelsmann-Stiftung heraus, die die Häufigkeit von drei ausgewählten Rückenoperationen in allen 402 Kreisen und kreisfreien Städten untersucht hat.
Vor allem bei aufwendigen Versteifungsoperationen zeigen sich gravierende regionale Unterschiede. Patienten aus dem Landkreis Fulda lassen sich beispielsweise dreizehnmal häufiger operieren, als diejenigen aus Frankfurt/Oder. Daneben weisen viele Kreise in Thüringen, Hessen und im Saarland auffällig hohe Operationszahlen je 100.000 Einwohner auf. In den meisten sächsischen Kreisen und in Bremen wird hingegen deutlich seltener operiert.
Eingriffe am Rücken: Wo wird am häufigsten/am seltensten operiert?
| Behandlungsart | Am Häufigsten | Am Seltensten |
| Bandscheiben-OP | Hersfeld-Rotenburg (567) | Sächsische Schweiz-Osterzgebirge (85) |
| Verblockung/Versteifung von Wirbelkörpern | Fulda (355) | Frankfurt/Oder (27) |
| Knöcherne Dekompression | Fulda (594) | Frankfurt/Oder (40) |
In Nord- und Osthessen sowie im angrenzenden Westthüringen ist mittlerweile ein zusammenhängendes Gebiet entstanden, in dem fast alle Stadt- und Landkreise sehr hohe Operationsraten aufweisen: "Es braucht dringend mehr Transparenz über die Gesundheitsversorgung vor Ort, um Über- oder Unterversorgung zu vermeiden", so Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.
Klinikaufenthalte eigentlich vermeidbar
Zudem ergab die Studie, wie oft Patienten wegen der "breiten" Diagnose Rückenschmerzen im Krankenhaus aufgenommen werden. Von 2007 bis 2015 haben sich die Aufnahmefälle deutlich erhöht: von 116.000 auf 200.000 (73 Prozent).
Auffällig sind auch hier die regionalen Unterschiede: Während beispielsweise in Heidelberg nur 58 oder in Kiel 91 von 100.000 Menschen mit der Diagnose Rückenschmerzen ins Krankenhaus kommen, sind es im westfälischen Hamm 815 und in Osterrode am Harz 919. Die Mehrzahl dieser Patienten erhält im Krankenhaus keine spezifische Schmerztherapie oder operative Eingriffe, sondern überwiegend diagnostische Leistungen wie ein MRT. Solche Maßnahmen könnten zumeist auch ambulant erfolgen .
Gewohnheiten der Ärzte für Behandlung entscheidend
Warum die Versorgung in den Regionen so unterschiedlich ist, lässt sich nur schwer erklären. Hier spielen viele Faktoren zusammen. Große regionale Abweichungen sind jedoch ein Indiz dafür, dass sich die Organisation der Versorgung und die Vorgehensweise bei Diagnostik und Therapie von Rückenbeschwerden sehr stark unterscheiden .
„Lokale Versorgungsmuster verstärken sich, wenn klare medizinische Leitlinien fehlen“, sagt Eckhard Volbracht, Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung. Ohne einheitliche Leitlinien eröffnen sich Ärzten Behandlungsspielräume, die zu regional unterschiedlichen Versorgungsgewohnheiten führen können. „Die Entscheidung für einen operativen Eingriff darf jedoch nicht aufgrund von individuellen Vorlieben der ortsansässigen Ärzte fallen“, mahnt Volbracht. Vielmehr sollten Ärzte verständlich über Nutzen und Risiken von Behandlungen informieren und unabhängig von finanziellen Interessen gemeinsam mit dem Patienten über das weitere Vorgehen entscheiden.
Darüber hinaus braucht es eine effektive Planung und Steuerung. Wie sich unnötige Krankenhausaufenthalte vermeiden lassen, macht Schleswig-Holstein vor: Die flächendeckende Einrichtung von Notfallpraxen hat bewirkt, dass deutlich weniger Patienten aufgrund der Diagnose Rückenschmerzen als Notfall stationär aufgenommen werden. dhz