Die Lehre im Handwerk ist beliebt wie seit Jahren nicht mehr. Die Betriebe haben mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Vorjahr, die Zahl unbesetzter Stellen geht zurück. Vor allem Flüchtlinge bekommen ihre Chance.
Karin Birk

Die Bilanz zum Start des Ausbildungsjahres kann sich sehen lassen. Zum Stichtag Ende August sind mehr als 112.000 neue Lehrverträge im Handwerk abgeschlossen worden. Laut Handwerksverband ist das ein Plus von 1,9 Prozent. Auch die Zahl der offenen Lehrstellen ist mit rund 21.500 etwas niedriger als im Vorjahr. Vor allem in Ostdeutschland sind zu Beginn des Ausbildungsjahres schon mehr Stellen besetzt als im Vorjahr. Damit verdichteten sich die Anhaltspunkte für ein positives Ausbildungsmarktergebnis für 2016, heißt es beim Zentralverband des Deutschen Handwerks.
Erfahrungsgemäß gibt es in den kommenden Wochen noch viel Bewegung durch noch oder wieder suchende Betriebe und Auszubildende. „Die jungen Menschen haben noch alle Chancen, sich ihren Ausbildungsplatz zu sichern“, sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke mit Blick auf mehr als 130 Ausbildungsberufe im Handwerk. Insgesamt gebe es viel Potenzial für Nachvermittlungsaktionen. Zwar sei die Zahl der bei den Arbeitsagenturen gemeldeten unversorgten Bewerber um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen, sie liege aber noch bei rund 98.000.
Hälfte der Azubis sind Flüchtlinge
Unter den neuen Auszubildenden im Handwerk finden sich zunehmend Flüchtlinge. In der Bäckerei Staib in Ulm etwa sind von den elf neuen Bäcker- und Konditorlehrlingen sechs Flüchtlinge. „Sie kommen aus Nigeria, Somalia, Eritrea und Pakistan“, sagt Produktionsleiter Ulrich Möschl.
Schon 2015 hatte die Bäckerei mit ihren rund 400 Mitarbeitern drei Flüchtlinge unter den insgesamt sechs Lehrlingen. Einer hat aufgrund der Nachtarbeit und einer Allergie zwar aufgehört, aber die anderen sind noch dabei. „Sie bringen in der Bäckerei und der Berufsschule sehr gute Ergebnisse“, erzählt Möschl. Angesichts der anfänglichen Sprachschwierigkeiten sei das umso bemerkenswerter. Ein Teil des Erfolges führt Möschel auf die enge Zusammenarbeit von deutschen und ausländischen Lehrlingen im Betrieb und in der Berufsschule zurück. Er selbst hofft, so das spürbare Fachkräfteproblem abzufedern.
Staatliche Programme greifen
Insbesondere 2017 dürfte die Anzahl Flüchtlinge unter den Auszubildenden deutlich steigen. Denn im Rahmen des staatlich geförderten Programms „Wege in die Ausbildung für Flüchtlinge“ sind nach Angaben des ZDH seit Programmstart Ende April mittlerweile 1.200 Verträge zur Berufsorientierung abgeschlossen worden.
Wie viele Flüchtlinge insgesamt im Handwerk ausgebildet werden, lässt sich nicht genau sagen, da die Aufenthaltstitel in den Lehrverträgen nicht festgehalten werden. Nur über die Staatsangehörigkeit kann man sich der Sache nähern. Danach wurden Ende 2015 rund 2450 junge Menschen aus Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien im Handwerk ausgebildet. Dabei müsse es sich aber „nicht zwangsläufig“ um Flüchtlinge handeln.
Produktionsleiter Möschl weiß es da schon genauer: Er beschäftigt derzeit insgesamt zwölf Flüchtlinge, neben acht im ersten und zweiten Lehrjahr vier als Produktionshelfer. „Wenn man bedenkt, was so mancher Dax-Konzern macht, kann sich das doch sehen lassen“, sagt er selbstbewusst.
Lehrstellen: Ansehnliche Bilanz
Bis zum 31. August wurden in den bayerischen Handwerkskammern 22.277 neue Ausbildungsverträge registriert – das sind 6,3 Prozent oder 1.325 mehr im Vergleich zum Vorjahr. "Wir freuen uns, dass sich so viele Jugendliche für eine Ausbildung im Handwerk entschieden haben“, sagt Georg Haber, Vizepräsident des Bayerischen Handwerkstages (BHT).
Im Handwerk in Baden-Württemberg haben bis zum Stichtag 17.083 Personen einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen. Dies entspricht einem Plus von drei Prozent. Bis Ende des Jahres können noch weitere Ausbildungsverträge abgeschlossen werden. Stefan Baron , Geschäftsführer beim Baden-Württembergischen Handwerkstag, erwartet bis zum 31. Dezember rund 20.000 neue Ausbildungsverträge - "und damit im dritten Jahr in Folge ein gestiegenes Interesse an einem Handwerksberuf".
In Hessen gab es ein Plus von 2,8 Prozent bei neu abgeschlossenen Lehrverträgen. Der Hauptgeschäftsführer des Hessischen Handwerkstags, Bernhard Mundschenk, spricht von einem "guten Start ins neue Ausbildungsjahr".
Das sächsische Handwerk zieht eine beachtliche Zwischenbilanz. Bis Ende August 2016 wurden 4.412 Neu-Lehrverträge unterschrieben; das sind 197 (plus 4,7 %) mehr als zum Vorjahreszeitpunkt. "Damit verstetigt sich der positive Eindruck der vergangenen Monate", sagt Andreas Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden. Die meisten unbesetzten Stellen gibt es im Friseur-, im Elektro- sowie im Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik-Handwerk, aber zum beispiel auch bei Maurern, Metallbauern, Bäckern und Dachdeckern. (str)