Der neue Bildungsbericht der OECD sorgt für Ärger im Handwerk. Zwar erkennen die Bildungsexperten an, dass Jugendliche in Deutschland dank der dualen Ausbildung seltener arbeitslos sind als in anderen Ländern. Der Stellenwert von Meister und Techniker werde jedoch immer noch nicht gleichwertig zu akademischen Abschlüssen bewertet. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hat passend dazu die Einkommensunterschiede je nach Bildungsweg verglichen.

Sorgte erst die Bewertung der EU-Kommission zum deutschen Meisterbrief dafür, dass das Handwerk für die Vorteile der beruflichen Weiterbildung in die Bresche springen musste, so nimmt der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) nun Abstand von Teilen des neuen Bildungsberichts der OECD .
"Die OECD erkennt in ihrem aktuellen Bildungsbericht den Wert der dualen Ausbildung in Deutschland durchaus richtig an. Unverständlich ist aber, dass sie dabei auf halbem Weg stehenbleibt", kritisierte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke als die Ergebnisse zum Ende der vergangenen Woche öffentlich wurden. Konkret meint er, dass die Bildungsexperten die Meister und Techniker noch immer nicht zu den Hochqualifizierten zählen.
Karriere auch ohne Abitur
"Dieser offensichtliche Widerspruch muss aufgelöst und die berufliche Bildung weiter gestärkt werden", fordert Schwannecke und nahm auch nochmals Bezug zu Kritik der EU-Kommission. Diese hatte den Meisterbrief als ungerechtfertigte Beschränkung und Marktzugangsschranke bezeichnet. Für Schwannecke ist das hohe Niveau der beruflichen Bildung in Deutschland jedoch gerade das Ergebnis einer auf der Basis von Qualifikation geregelten Zulassungspraxis. So ermögliche der Meisterbrief im Handwerk begabten und leistungsbereiten jungen Menschen auch ohne Abitur den Weg zur Hochschule.
Wie eine Analyse des BIBB nun zeigt, eröffnen Meisterbrief und andere berufliche Fortbildungen aber nicht nur Wege zur Hochschule, sondern auch die Möglichkeit zu hohen Einkommen ohne einen akademischen Bildungsweg einzuschlagen.
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Nach den Zahlen der OECD aus dem Jahr 2011 verdienten Arbeitskräfte mit akademischem Abschluss in Deutschland im Durchschnitt 174 Prozent des Erwerbseinkommens ihrer entsprechenden Altersgruppe mit einer beruflichen Qualifizierung. Legt man hierbei aber die genauen Werte zur schulischen Bildung und einer entsprechenden beruflichen Fortbildung zugrunde, so zeigt sich, dass Weiterqualifizierungen die Einkommenslücken in hohem Maße schließen.
Die aktuelle Sonderauswertung des BIBB zeigt, dass männliche Erwerbstätige mit Abitur, Berufsausbildung und Fortbildungsabschluss rund 130 Prozent des Bruttoeinkommens von allen männlichen Erwerbstätigen mit Berufsausbildung erzielen. Bei den Frauen liegt dieser Wert bei 132 Prozent. Die Einkommenslücke zu den Akademikern werde hierdurch in etwa halbiert.
Schulbildung ist ausschlaggebend
Bei Erwerbstätigen mit Fortbildungsabschluss, aber ohne Abitur, verdienen Männer rund 124 Prozent, Frauen rund 121 Prozent des Erwerbseinkommens von Erwerbstätigen mit Berufsausbildung. "Insbesondere für junge Menschen, die die Schule ohne Abitur verlassen, bieten Aufstiegsfortbildungen eine hervorragende Möglichkeit, sich Kompetenzen für spätere Führungspositionen anzueignen", bewertet BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser die Ergebnisse.
Dabei dürfe man jedoch nicht außer Acht lassen, dass den größten Einfluss auf die späteren Einkommensunterschiede die schulische Vorbildung habe. "Unsere Analyse zeigt: Eine hohe schulische Vorbildung in Verbindung mit einem qualifizierten Aus- und Fortbildungsabschluss zahlt sich aus und kann die Einkommensunterschiede zwischen Akademikern und beruflich Qualifizierten um etwa die Hälfte reduzieren", erklärte Esser.
Damit die berufliche Aus- und Fortbildung aber auch in Zukunft neben der akademischen Ausbildung bestehen könne, seien weitere attraktive Karrierewege und Berufslaufbahnkonzepte sowie attraktive Entlohnungen erforderlich, mahnte der BIBB-Präsident. jtw