Die Krise in der Ukraine spitzt sich mit jedem Tag mehr zu. Die EU und die USA haben die Sanktionen gegen Russland bereits verschärft. Wie sich wirtschaftliche Sanktionen auf die deutsche Wirtschaft auswirken können, verrät Michael Holstein von der DZ-Bank.
Karin Birk

DHZ: Herr Holstein, müssen wir uns auf eine weitere Zuspitzung der Krise in der Ukraine und damit der wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland einstellen?
Holstein: Weitergehende Wirtschaftssanktionen gegen Russland sind in den letzten Tagen wohl leider wahrscheinlicher geworden. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass in diesem Fall sofort der gesamte Außenhandel mit Russland betroffen wäre. Auch wenn Sanktionen beschlossen werden, wird es sicherlich ein Eskalationsszenario geben. Wie das genau aussehen wird, lässt sich allerdings nicht vorhersagen.
DHZ : Wie verletzbar ist die deutsche Wirtschaft?
Holstein: Die deutsche Wirtschaft ist vor allem aufgrund der recht hohen Abhängigkeit von russischen Energielieferungen verletzbar. Russland ist vor Norwegen unser wichtigster Gaslieferant mit einem Anteil von knapp 40 Prozent. Das ließe sich kurzfristig kaum aus anderen Quellen ausgleichen. Was die deutschen Exporte angeht, steht Russland auf Platz 11, mit einem Anteil von 3,3 Prozent an den deutschen Ausfuhren. Russland kauft bei uns vor allem Maschinen, Autos und Produkte aus der Chemie- und Pharmabranche.
DHZ : Wie stark würde ein Rückgang der Exporte nach Russland und Anziehen des Öl- und Gaspreises auf das deutsche Wirtschaftswachstum durchschlagen?
Holstein: Wir gehen im Falle von Wirtschaftssanktionen jedenfalls von spürbaren negativen Effekten auf die Konjunktur aus. Die laufende Erholung in Deutschland könnte dadurch einen Dämpfer erleiden. Wie stark der negative Effekt genau sein würde, hängt von vielen Faktoren ab, die sich schwer vorhersehen lassen. Dass das deutsche Wirtschaftswachstum durch die Sanktionen ganz abgewürgt werden könnte, halten wir aber für sehr unwahrscheinlich.
DHZ: Ist es nicht auch so, dass Russland von Westeuropa als Importeur und Devisenbringer abhängig ist?
Holstein: Ja, natürlich. Russland finanziert über Gewinne aus dem Rohstoffgeschäft einen Großteil seiner Staatsausgaben. Außerdem ist das Land stark von westlicher Technologie abhängig, um die Wirtschaft voranzubringen.
DHZ: Aus Polen kommt der Vorschlag, eine europäische Energieunion aufzubauen. Sinkt damit die Anhängigkeit von russischen Energieimporten?
Holstein: Das ist sicherlich das Hauptziel dieses Vorschlags. Gerade die osteuropäischen Länder sind bislang sehr stark von russischen Energielieferungen abhängig. Das lässt sich beim Erdgas mit dem vorhandenen Pipeline-Netz auch kurzfristig nicht ändern. Man kann aber zumindest mittelfristig diversifizieren, dazu sind vor allem mehr Pipelines zwischen den einzelnen Ländern sowie mehr Häfen mit Ausstattung für Flüssiggasimporte notwendig. So dass beispielsweise Polen oder die baltischen Länder über Leitungen aus West- oder Südeuropa versorgt werden könnten.
DHZ: Welche Auswirkungen hat die Krise in der Ukraine schon jetzt auf die Finanzmärkte? Welche Szenarien wären bei einer Verschärfung denkbar?
Holstein: Bislang haben sich die Auswirkungen weitgehend auf den ukrainischen und den russischen Finanzmarkt beschränkt. Dort sind Währungen und Aktienkurse erheblich unter Druck gekommen. Bei einer Verschärfung der Situation und der Ausweitung von Wirtschaftssanktionen würden sicherlich auch in den westlichen Ländern die Aktienmärkte unter Druck kommen. Je nach Eskalationsstufe könnte auch eine „Flucht“ der Investoren in die "sicheren Häfen" die Folge sein.