Zukunft kommt von Können – so lautet das Motto der diesjährigen Internationalen Handwerksmesse. Es ist einem Leitspruch der Imagekampagne des deutschen Handwerks entnommen. Handelt es sich hier nur um ein schönes und zufälliges Wortspiel oder hat das Motto auch einen tieferen Sinn?
Lothar Semper
Ja, der Leitspruch hat einen tieferen Sinn und das wird nirgendwo so deutlich wie auf der Münchner Leistungsschau des Handwerks. Können heißt hier, sein Handwerk zu verstehen, es fortzuentwickeln und es immer wieder zur Vollendung zu bringen; nicht zuletzt dadurch, dass innovative Lösungen für aktuelle Herausforderungen angeboten werden. Handwerker sind Könner.
Das ist insbesondere dem handwerklichen Qualifikationssystem zuzuschreiben, das vom Lehrling über den Gesellen bis hin zum Meister führt. Und Meister wiederum sind es, die ausbilden und ihr Können immer wieder an den Berufsnachwuchs weitergeben. In keinem anderen Wirtschaftsbereich und keinem anderen Land funktioniert dieser Kreislauf so hervorragend.
Duales System der Berufsausbildung und berufliche Weiterqualifizierung sind Trümpfe, mit denen wir im internationalen Wettbewerb wuchern können. Der beste Beweis dafür ist die bei uns sehr niedrige Jugendarbeitslosigkeit, die in anderen europäischen Staaten mittlerweile traurige Rekorde von über 50 Prozent erreicht.
Ständige Entwicklung erforderlich
Das Können, das die Zukunft sichern soll, muss aber laufend aktuell gehalten werden; denn es ist keine Selbstverständlichkeit. Die Grundlage dafür bilden ständig weiterentwickelte Ausbildungs- und Meisterprüfungsordnungen. Der Titel Handwerksmeister ist – und das sollte von Berlin bis Brüssel allmählich verstanden werden – keine willkürliche Hürde für Existenzgründungen, sondern er ist Qualitätsmerkmal und Gütesiegel. Hinzu kommen noch die zahlreichen Weiterbildungen, die das Handwerk für seine Mitarbeiter anbietet. Wobei die ständige Fort- und Weiterbildung auch ein absolutes Muss ist, um im Wettbewerb vorne mit dranbleiben zu können.
Das damit Erreichte kann sich sehen lassen. Dies wird gerade durch eine aktuelle Studie des Prognos-Instituts unterstrichen. Sie macht deutlich, dass das Handwerk bei vielen aktuellen Herausforderungen eine Schlüsselrolle einnimmt. Dazu gehören die Energiewende genauso wie der ökologische Umbau und die Anpassung an eine alternde Gesellschaft. Das ist aber kein Grund, sich auf diesen Lorbeeren auszuruhen. Der Stellenwert und die wirtschaftliche Bedeutung müssen immer wieder verteidigt und behauptet werden. Zukunft kommt von Können – diesen Zusammenhang muss auch die Politik deutlich mehr verinnerlichen. Dabei geht es zum einen darum, dass in unserer Gesellschaft praktisches Können mindestens genauso viel gelten muss wie theoretisches Können.
Nachhholbedarf in der Praxis
Hier besteht so lange Nachholbedarf, wie immer wieder die Abiturientenquote und die Studienanfängerzahl als Maßstab der Leistungs- und Zukunftsfähigkeit herangezogen werden. Deutschland wird sich in der Zukunft nicht nur als Land der Denker behaupten können. Es müssen mindestens genauso viele Könner hinzukommen. Die deutsche Bildungspolitik bekennt sich zwar zur Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung – aber die Praxis hält damit nicht immer Schritt.
Ein positives Zeichen hat jetzt Bayern gesetzt: Im Zuge der Abschaffung der Studiengebühren sollen Meister, die ihre Fortbildung erfolgreich absolvieren, einen Bonus in Höhe von 1.000 Euro bekommen. Beim Können geht es zum anderen aber auch darum, es Unternehmern wie Arbeitnehmern zu ermöglichen, dass sie ihre Leistungsfähigkeit auch voll zur Entfaltung bringen können. Da geht es um Entbürokratisierung genauso wie um vernünftige steuerliche Rahmenbedingungen.