Leitartikel Lehrlinge werden Mangelware

Vor Kurzem wurde der Berufsbildungsbericht 2012 vorgestellt. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass das Handwerk auf die Knappheit an Nachwuchskräften mit einer abgestimmten Fachkräftestrategie reagieren muss.

Lothar Semper

Der Berufsbildungsbericht 2012, der vor Kurzem vorgestellt wurde, hat schwarz auf weiß bestätigt, was viele Handwerker schon im Alltag schmerzlich zu spüren bekommen: Betriebe haben zunehmend Schwierigkeiten, ihre angebotenen Ausbildungsstellen zu besetzen. Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen war 2011 um das 2,6-fache höher als die Zahl der unversorgten Bewerber. Eine derart hohe Quote war zuletzt Mitte der 90er Jahre erreicht worden. Dabei gab es im vergangenen Jahr noch Sonderfaktoren wie den Wegfall der Wehrpflicht und den doppelten Abiturientenjahrgang beispielsweise in Bayern.

Fakt ist nach allen Prognosen, dass aufgrund des demographischen Wandels die Zahl der Schulabgänger dramatisch zurückgehen wird. Bundesweit wird die Zahl der Schulabgänger ohne Hochschulzugang zwischen 2011 und 2025 um rund 102.000 oder 18,6 Prozent sinken. Das Handwerk dürfte zu denen gehören, die besonders unter dieser Entwicklung zu leiden haben werden.

Bayern zeigt den Trend

Wenn es auch in den Bundesländern unterschiedliche Schulsysteme gibt, so dürften die Zahlen für Bayern den Trend widerspiegeln. In diesem Bundesland kommen zwei Drittel der Handwerkslehrlinge aus der Hauptschule – jetzt Mittelschule genannt. Genau diese Schulart aber droht besonders von der Auszehrung getroffen zu werden. 2018 werden nach vorliegenden Prognosen gerade noch 24.200 Absolventen diese Schulen verlassen. Die Zahl entspricht nahezu exakt der Anzahl von Haupt-/
Mittelschülern, die im vergangenen September im bayerischen Handwerk ihre Lehre begonnen haben.

Was dies dann in wenigen Jahren bedeuten wird, kann man sich bereits jetzt lebhaft ausmalen. Denn die genannten Schulabsolventen werden ja nicht nur vom Handwerk, sondern von vielen anderen Wirtschaftsbereichen ebenfalls heftig umworben werden. Um dabei nicht den Kürzeren zu ziehen, muss das Handwerk sich bereits jetzt Gedanken machen – und zwar sowohl Betriebe wie auch Organisationen.

Letztere gehen das Thema schon seit einiger Zeit intensiv an, die Imagekampagne des deutschen Handwerks dient auch dem Ziel der Nachwuchssicherung. Handwerkskammern und Fachverbände tun das ihre mit Informationen über die Handwerksberufe, Materialien für Schulen und Lehrer, Lehrstellenbörsen und anderem mehr.

Chefs müssen aktiv werden

Gefordert sind jedoch auch die Betriebe. Nachwuchs- und Fachkräftesicherung müssen dort Chefaufgabe sein. Das bedeutet mehrerlei: Zum einen sollten die Handwerksmeister bereit sein, offensiv in Schulen und auf Ausbildungsmessen zu gehen, um dort für ihre Berufe zu werben; und zwar bei Schülerinnen und Schülern aller Schularten. Zum anderen müssen sie sich ganz besonders auch darum kümmern, dass die im Handwerk Ausgebildeten auch im Handwerk bleiben. Denn das ist momentan eines der Kernprobleme: Allzu viele der Gesellen werden nach der Ausbildung von Industrie und anderen Wirtschaftsbereichen abgeworben. Dabei geht es denen – wie eine Untersuchung ergeben hat – nicht primär ums Geld. Vielmehr sagen die, die aus dem Handwerk abwandern, dass sie zu wenige Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten sehen. Dabei bietet wohl kaum ein anderer Wirtschaftsbereich so viele eigenverantwortliche Entwicklungschancen wie das Handwerk.

Das ins Bewusstsein der jungen Menschen zu bringen, ist noch eine wichtige Aufgabe. Das muss aber schon während der Ausbildung beginnen, indem man den künftigen Fachkräften und Betriebsübernehmern, auf die das Handwerk so dringend angewiesen ist, attraktive Tätigkeitsprofile eröffnet. Entscheidend aber für die Berufswahl der Jugendlichen wird auch sein, dass die Eltern endlich verinnerlichen: Berufliche Bildung ist keine Sackgasse, sondern ein Weg mit allen Optionen.