Umfrage von Ernst & Young Mittelstand: Wenn überhaupt, dann "Krise light"

Dem deutschen Mittelstand geht es gut, sehr gut sogar. Zum Jahresbeginn verzeichnen die Betriebe eine Geschäftslage auf Rekordniveau und die Aussichten für 2012 sind trotz Eurokrise nicht wesentlich getrübt. Die Beratungsgesellschaft Ernst & Young sieht in ihrer halbjährlichen Umfrage eine so gute Konjunkturstimmung wie seit Jahren nicht mehr. Von einer Krise sei keine Spur, wenn dann von einer "Krise light".

Die Konjunkturaussichten haben sich zwar eingetrübt und schon zum letzten Quartal des vergangenen Jahres ist die Wirtschaftsleistung in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts leicht zurückgegangen, der Mittelstand selbst ist aber positiver gestimmt denn je. "Die europäische Staatsschuldenkrise ist bislang nicht im deutschen Mittelstand angekommen", sagt auch Peter Englisch, Leiter Mittelstand und Partner bei Ernst & Young, zu den aktuellen Ergebnissen des Mittelstandsbarometers. Hier hat die Beratungsgesellschaft 3.000 mittelständischen Unternehmen in Deutschland zur aktuellen und künftigen Geschäftslage befragt.

Die Mittelständler wollen investieren und neue Arbeitsplätze schaffen. Obwohl die Schuldenkrise viele europäische Nachbarstaaten bedroht, sehen sie sich gut aufgestellt - sogar deutlich besser als im Jahr 2008. Laut Ernst & Young bewerten 94 Prozent der Mittelständler ihre aktuelle Geschäftslage als positiv oder stabil, 54 Prozent sind sogar rundum zufrieden. Das sei ein Wert, der seit Jahren nicht mehr solche Höhen erreicht hätte. "Die Unternehmen machen nach wie vor glänzende Geschäfte – sie haben allen Grund, selbstbewusst in die Zukunft zu blicken", kommentiert Englisch die Umfrage. Wenn überhaupt würden wir derzeit eine ‚Krise light‘, also eine leichte Schwächephase auf sehr hohem Niveau, erleben.

Mittelstand vertraut auf eigene Leistung

Etwas paradox mag es klingen, dass immerhin zwei von drei Unternehmern davon ausgehen, dass die Eurokrise sich weiter verschlimmern wird. Gleichzeitig aber 45 Prozent der Mittelständler eine Verbesserung der eigenen Geschäftslage in den nächsten Monaten erwartet. Genauso sieht es mit dem Vertrauen in die deutsche Wirtschaft insgesamt aus. Es wird der Umfrage zufolge sinken ebenso wie die allgemeine Wirtschaftsleistung. Doch die Befragten schließen davon nicht auf die eigene Geschäftsentwicklung, die laut Ernst & Young weiterhin so positiv verlaufen wird.

Die Beratungsexperten geben deshalb auch eine kleine Warnung an die Politik mit auf den Weg. Denn schaffen sie es jetzt, klare Regeln zur Eindämmung der Eurokrise zu finden und Maßnahmen zu beschließen, die die Schuldenmisere stabilisieren, so könnte aus den positiven Werten der einzelnen Unternehmen auch ein neuer Konjunkturboom im deutschen Mittelstand entstehen. Schaffen sie es nicht, so könnten sich die Aussichten schnell verdüstern.

Vorerst aber bleiben die Betriebe bei ihren guten Prognosen. So plant der Umfrage zufolge jedes dritte Unternehmen für das kommende Jahr neue Investitionen und 23 Prozent wollen in den kommenden Monaten Personal aufbauen. Lediglich jeweils sechs Prozent wollen ihre Ausgaben für Investitionen zurückfahren und Personal abbauen. Doch auch hier ist Vorsicht geboten: Zwar stützt der Personalaufbau die Konjunktur, andererseits ist dieser selbst durch den Fachkräftemangel gefährdet. Und damit entsteht laut Englisch ein neuer Faktor, der zum volkswirtschaftlichen Schaden werden könnte.

Energiepreise belasten stärker als Schuldenkrise

Weitere Ergebnisse der Umfrage zeigen, die Maßnahmen, die die mittelständischen Betriebe bereits jetzt umsetzen, um einer Konjunkturabschwächung vorzubeugen:
  • 62 Prozent setzen auf Kosteneinsparungen,
  • 31 Prozent haben ihr Eigenkapital aufgestockt
  • und 30 Prozent Programme zur Stärkung der Innenfinanzierung durchgeführt.
Der deutsche Mittelstand verlässt sich also stärker auf die eigenen Fähigkeiten als auf Konjunkturprogramme und Prognosen der Wirtschaftsweisen. So ist auch das Vertrauen, dass die Politik die Schuldenkrise in Europa löst, bei den Befragten dabei äußert gering. Doch die Schuldenkrise an sich sind nicht die Probleme, die die Unternehmen am meisten belasten: Es sind vielmehr die steigenden Energie- und Rohstoffpreise und der Fachkräftemangel, der ihnen Sorgen bereitet. dhz