Protest gegen Corona-Maßnahmen 2G, 3G plus: "Wir schließen freiwillig"

Die Länder erhöhen den Druck auf Ungeimpfte. Manchen Betrieben geht das zu weit, sie wollen die Regelungen nicht länger mittragen. Von ihren Kunden erhalten sie dafür Applaus – teils sogar Blumen.

Sachsen weitet angesichts steigender Corona-Zahlen das 2G-Modell aus, in Bayern gilt für körpernahe Dienstleistungen "3G plus". - © Bihlmayerfotografie - stock.adobe.com

An den Tischen der Bäckerei und Konditorei Pfützner können Kunden ihren Kuchen essen, eine Tasse Kaffee genießen, ein wenig plaudern. Vier Filialen betreiben Thomas Pfützner und sein Sohn Konrad, an drei davon ist ein Café angeschlossen. Unter normalen Umständen macht sein Betrieb zwischen 15 und 20 Prozent des Umsatzes mit vor Ort verspeisten Waren, berichtet Konrad Pfützner.

Vom "Normalzustand" ist der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge aktuell jedoch weit entfernt, die Sieben-Tage-Inzidenz liegt jenseits der 1.000. Im gesamten Bundesland hat die sächsische Landesregierung die Corona-Zügel angezogen. Seit Montag gilt für die Innengastronomie: Kunden müssen entweder vollständig geimpft oder genesen sein.

Eine Mischung aus Protest und Sicherheitsmaßnahme

Wie sehr sein Café-Geschäft unter dem 2G-Modell leiden würde, kann Pfützner nur mutmaßen. Es ist ihm auch gleich, denn er verzichtet komplett. Solange 2G gilt, will er seine Cafés geschlossen halten.

Sein Entschluss sei eine Mischung aus Protest und Sicherheitsmaßnahme. Der Bäckermeister möchte niemanden ausschließen. Bei ihm gelte deshalb gleiches Recht für alle. Am fairsten fände er es, wenn sich alle testen müssten – auch Geimpfte und Genesene. "Jeder kann das Virus in sich tragen und weitergeben, da wäre das die sinnvollste Maßnahme." Entsprechend hält er auch die geplante 3G-Regel am Arbeitsplatz für wenig zielführend.

"Kunden haben uns mit Blumen beglückwünscht"

Bis auf Weiteres beschränken sich Pfützner und sein 38-köpfiges Team auf den Verkauf von Backwaren zum Mitnehmen. Seine Mitarbeiter stünden hinter der Entscheidung. Kurzarbeit müsse keiner fürchten, versichert der Bäckermeister. Zumal unklar ist, ob überhaupt ein Anspruch bestehen würde. "Durch die Weihnachtszeit haben wir genug Arbeit, zudem werden wir sicherlich auch Krankheitsausfälle haben", sagt er. Auch von Kundenseite habe Pfützner bislang ausschließlich positives Feedback erhalten. "Das ging sogar so weit, dass uns Kunden mit Blumen beglückwünscht haben."

Einen Ausgleich für die Umsatzausfälle kann der Bäckereibetrieb nicht erwarten. Durch den freiwilligen Verzicht besteht wohl kein Anspruch auf staatliche Hilfen. Mit seiner Bäckerei sieht sich Pfützner jedoch in einer komfortablen Lage. "Wir haben noch unser Geschäft über die Ladentheke und hatten auch nie die ganz extremen Einbußen", sagt er. Auch weil sein Vater und er in den Lockdown-Phasen nicht untätig geblieben sind. "Wir haben in dieser Zeit einen Snackexpress entwickelt", sagt Pfützner. Über eine App können Kunden belegte Brötchen bestellen, liefern lassen oder am Wunschort abholen. "Außerdem haben wir ein Krankenhaus für uns gewonnen, das wir täglich mit allerlei Backwaren beliefern."

Sein Betrieb ist bislang ordentlich durch die Pandemie gekommen, doch die wiederholt staatlichen Eingriffe belasten den Bäckermeister. "Für mich als Nachfolger wird es in der jetzigen Zeit sehr schwer gemacht und es kann einem die Lust vergehen", sagt er.

Bayern: Besuch bei Kosmetikerin nur mit 2G-Nachweis oder PCR-Test

Auch die bayerische Landesregierung erhöht den Druck auf Ungeimpfte. Die Krankenhausampel in Bayern ist auf die höchste Alarmstufe umgesprungen. Für körpernahe Dienstleistungen greift damit die 3G-plus-Regel. Bei Karin Huber-Ittlinger aus dem schwäbischen Baindlkirch dürften entsprechend nur noch Geimpfte, Genesene oder Personen mit negativem PCR-Test Termine wahrnehmen. Die 46-Jährige führt ein Kosmetik-Atelier, in dem sie überwiegend Problemhaut behandelt.

Auf ihrem Instagram-Kanal hat Huber-Ittlinger die "Wir schließen freiwillig"-Wochen verkündet. - © Ittlinger

Warum die Politik ihre Branche erneut derart beschränkt, kann sie nicht nachvollziehen. Kosmetiksalons hätten die Pandemie nie befeuert. "Unsere strengen Hygienemaßnahmen greifen, ich hatte bislang keinen einzigen Corona-Fall in meinem Kosmetikinstitut", sagt sie. Nun stünde sie vor der Situation, Kunden abweisen zu müssen, die teilweise schon 20 Jahre oder länger zu ihr kommen. Die Kosmetikerin möchte aber weder Kunden bevorzugen, noch benachteiligen.

Ein PCR-Test kostet 50 Euro und mehr, das sei für viele nicht leistbar. Dass Ungeimpften auf diese Weise die Pistole auf die Brust gesetzt wird, will sie nicht unterstützen. "Aus meinen Kundengesprächen weiß ich: man kann nicht jeden Ungeimpften als Schwurbler abstempeln. Da stecken individuelle gesundheitliche Bedenken dahinter."

Verkauf, Beratung und seltene Ausnahmen

Auch die Kosmetikerin greift deshalb zu einer drastischen Maßnahme. Sie wird ihr Kosmetik-Atelier freiwillig schließen und nur noch für Verkauf und Beratung öffnen. Dies ist nach geltenden Corona-Regeln weiterhin ohne PCR-Test gestattet.

Von ihren Kunden erntet sie dafür viel Zuspruch. "Ich habe so viele tolle Anrufe und Nachrichten bekommen", berichtet Huber-Ittlinger. Der einhellige Tenor: Ihre Entscheidung sei zwar schade, aber nachvollziehbar. Es hätten sich aber auch besorgte Kundinnen gemeldet. "Das sind Damen, die zum Beispiel Probleme mit Haarwachstum im Gesicht haben und die mir schreiben, dass sie mich brauchen." Für entsprechende Fälle will Huber-Ittlinger Ausnahmen machen, unter den bestehenden 3G-plus-Regeln.

Huber-Ittlinger: "Situation etwas komfortabler als bei vielen Branchenkollegen"

Seit Beginn der Pandemie haben Kosmetiksalons mit am stärksten unter den Corona-Maßnahmen gelitten. Mehr als ein halbes Jahr musste Huber-Ittlinger ihr Kosmetikstudio in Summe bereits geschlossen halten. Die jetzige Aktion sei ihr nur möglich, weil sie keine Mitarbeiter beschäftige und ihre Räumlichkeiten bereits abbezahlt seien. "Die sonstigen Kosten muss ich jetzt eben runterfahren", sagt sie.

Insgesamt sei die Situation bei ihr etwas komfortabler als bei vielen anderen Branchenkollegen. "Ich mache etwa 60 Prozent meiner Umsätze mit dem Verkauf von Gesichtspflegeprodukten – das hilft jetzt natürlich." Dennoch rechnet sie mit Rückgängen. "Wenn ich meine Kunden auf der Liege habe, sieht man eben doch mehr und kann nochmal gezielter Produkte empfehlen. So decken sich viele nur mit Notversorgung ein."

Schnelltests für alle statt 2G oder 3G plus

Huber-Ittlinger hofft, dass dies der letzte Winter ist, der ihr eine solche Entscheidung abverlangt. Lieber heute als morgen will sie ihr Studio wieder regulär öffnen. "Meine Kunden erleben hier ein Stückchen Normalität. Das ist eine Auszeit, eine Erholungsphase, ein Reparieren, das den Menschen guttut – und jetzt wieder wegfällt." Wie Bäckermeister Pfützner fände auch sie Schnelltests für alle zielführender. "Impfdurchbrüche sind gar nicht so selten. Geimpfte ungetestet reinzulassen halte ich für genauso falsch wie Ungeimpfte pauschal auszuschließen."