Zertifizierungen ZDH-ZERT-Chef: "Wir freuen uns über jede Bewerbung als Auditor"

Anuschirawan Adel, Geschäftsführer des ZDH-Zert, beklagt die immer höheren Anforderungen und bürokratischen Hürden, die Zertifizierungsstellen von der Deutschen ­Akkreditierungsstelle auferlegt werden. Auditoren für diesen interessanten Job zu finden, gestalte sich zunehmend schwieriger.

ZDH-ZERT
Anuschirawan Adel, Geschäftsführer der ZDH-ZERT, blickt auf 30 erfolgreiche Jahre der Prüfstelle zurück. Neben den ISO-Zertifizierungen entwickelt das Unternehmen auch individuelle Zertifizierungslösungen. - © ZDH-ZERT/Martin Magunia

Herr Adel, die ZDH-ZERT feiert in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bestehen. Warum wurde die Zertifizierungsstelle einst gegründet?

Vor der Gründung der ZDH-ZERT fanden die besonderen Strukturen von Handwerksbetrieben bei Zertifizierungen kaum Berücksichtigung. Die Audits waren vorwiegend nach den Gegebenheiten in der Industrie ausgerichtet. Das Handwerk ist jedoch kleinteiliger und sehr heterogen. Deshalb riefen die Audits im Handwerk Unzufriedenheit hervor. Das haben wir mit ZDH-ZERT geändert.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Auditoren die Perspektive des Handwerks einnehmen?

Indem unsere Auditorinnen und Auditoren eine enge Verbindung zum Handwerk pflegen. Einige von ihnen sind selbst Handwerker und etwa ehemalige Betriebsinhaber. Andere arbeiten als Beraterin oder Berater bei den Handwerkskammern und sprechen tagtäglich mit den Betrieben. Deshalb kennen sie die branchenspezifischen Abläufe sehr genau. Unser Credo lautet "vom Handwerk für das Handwerk". Circa 90 Prozent unserer Kunden sind Handwerksbetriebe. Und die restlichen zehn Prozent sind ebenfalls mit dem Handwerk verwoben, wie etwa Versicherungen, die spezifische Produkte für das Handwerk anbieten.

Kann sich ein Kleinbetrieb auch zertifizieren lassen oder ist das eher für Mittelständler sinnvoll?

Unsere Zertifizierung steht allen Unternehmen offen. Das kann genauso ein Fünf-Mann-Betrieb sein, wie eine Firma mit mehreren Hundert Mitarbeitern, die bereits industrieähnliche Strukturen aufweist. Ich denke hier etwa an Gebäudereinigungsbetriebe, die häufig sehr viele Mitarbeiter beschäftigen, aber dennoch in der Handwerksrolle eingetragen sind.

Apropos Industrie: Es macht den Eindruck, dass dort deutlich mehr zertifiziert wird als im Handwerk. Woran liegt das?

In vielen Bereichen der Industrie sind Zertifizierungen seit Jahrzehnten Standard. Ohne entsprechende Nachweise können Firmen überhaupt nicht am Markt agieren und wären vom Wettbewerb ausgeschlossen. Das ist historisch gewachsen, wenn wir beispielsweise die Automobilindustrie betrachten. So gibt es dort genaue Anforderungskataloge mit verschiedenen Normen, die auf allen Ebenen der Produktion zu erfüllen sind. Das reicht von Qualitäts- über Umweltmanagement- bis hin zu Arbeitssicherheitsmanagementsystemen. Davon sind auch Zulieferbetriebe aus dem Handwerk betroffen.

Wie sollte ein Betrieb vorgehen, der sich zertifizieren möchte?

Zunächst muss er im Unternehmen die entsprechenden Strukturen schaffen und ein Qualitätsmanagementsystem einführen. Die Integration dieser Prozesse in den Betrieb und seine Pflege und dauerhafte Erhaltung ist der größte Aufwand für das Handwerksunternehmen. Die anschließende Zertifizierung ist hier nur das i-Tüpfelchen und macht maximal zehn Prozent des Gesamtaufwandes aus.

Unterstützen Sie Betriebe bei der Einführung der Systeme?

Das dürfen wir leider nicht. Wir sind als Zertifizierer dazu angehalten, den Kunden keine Beratungsdienstleistung zu erbringen. Die Deutsche Akkreditierungsstelle, die DAkkS, verpflichtet alle Marktteilnehmer zu Unparteilichkeit und Unabhängigkeit. Deshalb können wir nur allgemeine Schulungen anbieten, aber keine unternehmensspezifischen. Was wir jedoch anbieten, sind vorbereitende Audits, sogenannte Voraudits. Das ist eine Art Ist-Analyse, bei der wir aufzeigen, was passt und wo Verbesserungsbedarf besteht.

"Betriebe müssen grob geschätzt mit 2.300 Euro für eine ISO 9001-Erstzertifizierung rechnen."

Welcher Zeitaufwand und welche Kosten sind mit einer Zertifizierung verbunden?

Das lässt sich natürlich nicht pauschal beantworten, sondern ist von der Unternehmensgröße und den vorliegenden Geschäftsprozessen abhängig, die zertifiziert werden sollen. Nehmen wir jedoch beispielsweise einen typischen Betrieb mit zehn Mitarbeitern, der keine eigenen Produkte herstellt. Hier fallen circa zehn bis zwölf Arbeitsstunden der Auditorin oder des Auditors vor Ort im Betrieb sowie circa zwei bis vier Arbeitsstunden für die Vor- und Nachbereitung an. Betriebe müssen in diesem Fall, grob geschätzt, mit 2.300 Euro für eine ISO 9001-Erstzertifizierung rechnen. Der Arbeitsaufwand für Zertifizierungsstellen hat allerdings in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.

Woran liegt das?

Das ist im Wesentlichen auf internationale Anforderungen und zusätzliche Forderungen der DAkkS hinsichtlich der Nachweisführung und -prüfung sowie auf die gestiegenen ­Kompetenzanforderungen an die Auditoren zurückzuführen.

Wieso sind die Vorgaben so hoch?

Die DAkkS begründet dies vor allem mit dem hohen Stellenwert des Verbraucherschutzes. In der Argumentation uns gegenüber werden dann gerne Beispiele aus der Vergangenheit bemüht. So etwa ein Brustimplantatehersteller, der statt bioverträglichem Silikon ein Industriesilikon verwendet hat. Durch eine sorgfältigere Prüfung der Auditoren sollen solche Vorkommnisse vermieden werden.

Können Sie diese Argumentation nachvollziehen?

Ehrlich gesagt nicht. Wenn ein Unternehmen so handelt, wie der besagte Brustimplantatehersteller, ist da für mich kriminelle Energie im Spiel. Wenn es ein Betrieb vorsätzlich darauf anlegt, die Auditorin oder den Auditor zu täuschen, lässt sich dies auch nicht durch spezifische Auditorenkompetenzen und umfangreiche Nachweisführungen vermeiden. Legt er dem Auditor ein anderes Produkt vor, als das, was er später in den Verkehr bringt, ist das Betrug.

Haben Sie ein weiteres Beispiel?

Nehmen wir etwa einen Auditor, der das Qualitätsmanagementsystem eines Handwerksbetriebs im Bereich Maschinenbau zertifizieren soll. Dieser muss inzwischen eine handwerkliche Ausbildung speziell in diesem Bereich vorweisen, gegebenenfalls sogar einen Meister haben. Zusätzlich benötigt er mehrere Jahre Berufserfahrung in diesem Bereich, weiterhin muss er zwei Jahre im Qualitätsmanagement tätig gewesen sein und ein qualifizierter Auditor sein, um den Auftrag ausführen zu dürfen.

Welche Folgen hat das?

Es ist eine enorme Herausforderung geworden, solche Leute zu finden. Wir haben vor diesem Hintergrund ganz aktuell unsere Vergütungsregeln für Auditorinnen und Auditoren angepasst, um noch attraktiver für diese umfassend ausgebildeten Fachkräfte zu werden. Manche kleinere Zertifizierungsstellen mussten ihr Geschäft als Konsequenz aufgeben. Wir freuen uns deshalb über jede Bewerbung von potenziellen neuen Auditorinnen und Auditoren. Das ist auch nebenberuflich möglich.

Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft des ZDH-ZERT?

Nein. Wir haben unser Geschäft breit aufgestellt und stellen uns den neuen Herausforderungen. Wir zertifizieren nicht nur Unternehmen und Organisationen, sondern auch Produkte und Dienstleistungen. Weiterhin nehmen wir unter anderem Prüfungen bei Schweißern oder Kosmetikern ab. Wir erkennen auch Schulungsträger für den Bereich NiSV an. Zusätzlich bieten wir individuelle Zertifizierungen für Betriebe, bei denen die typischen ISO-Standards nicht passen. Ein Beispiel ist das Gütesiegel "Fachbetrieb des Schornsteinfegerhandwerks" des Bundesverbands des Schornsteinfegerhandwerks. Hier handelt es sich häufig um Kleinstbetriebe oder Soloselbstständige. Da ist eine ISO-9001-Zertifizierung, als würden sie mit Kanonen auf Spatzen schießen. Es gibt zudem interessante Branchen wie die Holzverarbeitung oder das Kfz-Handwerk, wo wir viel Potenzial für individuelle Zertifizierungen sehen.