Zuversichtlich und selbstbewusst lächelt Birgit Rodler in die Kamera, umgeben von großen Stickmaschinen und langen Stoffbahnen. Sie hätte allen Grund, Stolz auf sich zu sein – auch wenn sie selbst das nie so sagen würde. Als Geschäftsführerin hat Rodler die AFW Creativ Stickerei in Marktleugast in Oberfranken wieder auf Erfolgskurs gebracht – jetzt wurde sie von "handwerk magazin" als "Unternehmerfrau im Handwerk 2011" ausgezeichnet.
Julia Förder

Jetzt bewerben als Unternehmerfrau im Handwerk 2013
Rodler ist nicht der Typ Mensch, der schnell aufgibt, wenn sich Schwierigkeiten anbahnen. Als ihr langjähriger Arbeitgeber, die Meinel Fahnenfabrik, vor zwei Jahren Insolvenz anmelden musste, war das zuerst ein Schock: "Natürlich hatte ich große Existenzängste, wie fast alle meine Kollegen auch. Mit 48 Jahren hat man auf dem Arbeitsmarkt schlechte Chancen". Doch die Näherin aus Grafengehaig in Oberfranken fügte sich nicht in ihr Schicksal. Schon eine Woche nach dem Aus für ihren Arbeitgeber ließ sie zusammen mit ihrer Schwester Sonja Oelschlegel und der Freundin Doris Rau das neue Unternehmen eintragen.
Die Insolvenzmasse zu erwerben, war dann ein schwerer Kampf, aber schließlich erhielten sie den Zuschlag. Für die drei Frauen war die Betriebsgründung auch ein finanzielles Wagnis: Die Banken winkten ab und so investierten die Näherinnen ausschließlich privates Geld. "Drei Familien haben ihre Häuser verpfändet und alles Ersparte in dieses Projekt gesteckt", berichtet Rodler. Und das alles mitten in der Wirtschaftskrise 2009.
DFB-Wimpel aus Oberfranken
Weil die neuen Geschäftsräume noch nicht bezugsfertig waren, startete Rodler die Produktion in der eigenen Garage. Schließlich mussten die DFB-Wimpel für den deutschen Fußballmeister fertig werden. Fußballfans haben die Produkte der AFW Creativ Stickerei schon oft auf dem grünen Rasen gesehen: die Firma stellt auch die Übergabewimpel für alle Länderspiele der Fußball-Nationalmannschaft her. Und vier von fünf reich verzierten Faschingsmützen, die sich die Jecken der Kölner Karnevalsvereine auf den Kopf setzen, kommen aus der Produktion in Marktleugast. Dazu Rodler: "Unser Erfolgrezept ist Sparsamkeit und ein sehr persönliches Verhältnis zu unseren Kunden."
Mit Beharrlichkeit schaffte es Rodler, Aufträge von Großkunden ihres ehemaligen Arbeitgebers zurück zu gewinnen. Dazu verschickte sie 5.000 Kundenbriefe und fuhr fast 1.400 km durch ganz Deutschland. Am Schluss hat es sich gelohnt. Hilfe bei der Unternehmensführung erhielt das junge Unternehmen von den Aktivsenioren Bayern, einer ehrenamtlichen Initiative, die Existenzgründer unterstützt. Und so nähen und sticken heute wieder 20 Frauen und Männer in den neuen Räumen der AFW Creativ Stickerei, größtenteils ehemalige Kollegen von Birgit Rodler. Die Atmosphäre ist familiär, alle sind mit Herzblut bei der Sache. "Statt auf billige Ware setzen wir aus Tradition auf hochwertiges Handwerk", betont Rodler. So kann sich die Firma auch gegen Billigkonkurrenz behaupten.
Besonders stolz ist die Geschäftsführerin darauf, dass das Unternehmen bisher noch keinen Bankkredit gebraucht hat. Das Kapital bleibt im Unternehmen, Rodler und ihre Mitstreiterinnen verdienen bisher nicht viel mehr als früher. "Wir sind auf dem Teppich geblieben", betont die Geschäftsführerin. Schon morgens um fünf steht sie selbst als erste am Stickautomat. Rodler stickt, näht und ist sich für keine Arbeit zu schade, sieht sie sich doch selbst als Vorbild. Und wenn sie auf etwas besonders stolz ist, dann auf ihre Mitarbeiter.