Unternehmensführung -

Interview mit Andrea Greilinger Wie Sie Fachkräfte gewinnen und halten

Das Handwerk wird immer mehr als Sprungbrett in andere Wirtschaftsbereiche oder ein Studium genutzt. Dadurch verlieren vor allem kleinere Betriebe gut ausgebildeten Nachwuchs. Im DHZ-Interview erklärt Andrea Greilinger vom Ludwig-Fröhler-Institut für Handwerkswissenschaften, was Betriebsinhaber tun können, um gut ausgebildete Mitarbeiter im eigenen Betrieb zu halten.

Gute Zusammenarbeit: zwei Dachdecker unterhalten sich auf einer Baustelle
Gute Zusammenarbeit: Vielen Mitarbeitern ist es vor allem das Betriebsklima wichtig. -

DHZ: Frau Greilinger, geeigneten Nachwuchs zu finden ist eine Sache, ihn dann aber auch zu halten eine ganz andere. Wird es nach Ihrer Einschätzung in den nächsten Jahren schwieriger für Handwerksbetriebe, ihre Leute zu halten?

Greilinger: Bereits in der nahen Zukunft wird es immer weniger Fachkräfte geben, da aufgrund des demografischen Wandels die Zahl der Erwerbsperson bis 2030 kontinuierlich um bis zu 12 Prozent zurückgehen wird. Firmen versuchen deshalb, diesem Problem durch diverse Lösungsstrategien entgegenzuwirken.

Dipl.-Hdl. Andrea Greilinger.
© lfi

Themen wie Employer Branding, Personalmarketing oder Personalrekrutierung nehmen in deutschen Unternehmen einen immer höheren Stellenwert ein, um Fachpersonal und Azubis gewinnen und binden zu können. Natürlich führt dies zu einer Verschärfung des Wettbewerbs auf dem Arbeitsmarkt – freie Stellen können mitunter nur durch Abwerbungen aus anderen Unternehmen gedeckt werden.

Insofern wird es meiner Meinung nach gerade für kleine Handwerksbetriebe, die der Personalarbeit einen nicht so großen Fokus einräumen können, zunehmend schwieriger, ihre Mitarbeiter zu halten und nicht an Mitbewerber oder die Industrie zu verlieren.

Frühzeitige Übernahmeangebote

DHZ: Fachkräfte gewinnen fängt bereits bei der Ausbildung an. Wie sollten Inhaber von kleinen und mittleren Betrieben also vorgehen, wenn Chefs möglichst viele Azubis übernehmen möchte?

Greilinger: Dieser Frage hat sich mein Kollege Maximilian Wolf in seiner Doktorarbeit gewidmet. Seine Untersuchung zeigt, dass frühzeitige Übernahmeangebote eine sehr große Rolle spielen.

DHZ: Was heißt das für Betriebsinhaber?

Greilinger: Für Betriebsinhaber heißt das: Kommunizieren Sie Ihrem Azubi, dass Sie mit seinen Leistungen zufrieden sind und ihn auch gerne in Zukunft als Mitarbeiter beschäftigen möchten. Dieses Vorgehen erhöht die Wahrscheinlichkeit um 48 Prozent, dass der Azubi am Ende seiner Lehre im Betrieb bleibt.

DHZ: Was ist für den Auszubildenden wichtig?

Greilinger: Während der Ausbildung ist für die Azubis vor allem eins entscheidend: Das Verhältnis zu Kollegen und zum Chef. Passt das Betriebsklima, so macht das rund ein Fünftel seiner Entscheidung aus, den Betrieb nach der Ausbildung nicht zu verlassen. Auch Aufstiegsmöglichkeiten aufzuzeigen ist relevant, da sich viele Jugendliche beruflich weiterentwickeln möchten. Hier kann beispielsweise in Mitarbeitergesprächen gemeinsam ein "Karriere- oder Weiterbildungsplan" entwickelt werden.

Betriebsklima ist wichtigster Faktor

DHZ: Vielfach wird gesagt, dass vor allem das Betriebsklima wichtig ist, wenn man Mitarbeiter nicht verlieren will. Ist das auch Ihre Einschätzung?

Greilinger: Diese Meinung teile ich voll und ganz. Auch in der Forschung im Bereich der Arbeits- und Organisationspsychologie ist immer wieder die Rede von dessen Bindungswirksamkeit. Letztendlich kann man dies ja auch an sich selbst spiegeln: Ein positives Arbeitsumfeld mit netten Kollegen, die an einem Strang ziehen und sich gegenseitig sowohl beruflich wie vielleicht auch privat unterstützen, ist nicht selbstverständlich. Dies möchte man nicht durch einen möglichen Arbeitgeberwechsel aufs Spiel setzen.

DHZ: Und in kleinen Betrieben ist das besonders wichtig?

Greilinger: Ja, da die Mitarbeiter in kleinen Handwerksbetrieben eng zusammenarbeiten, muss gerade hier das Klima stimmen. Und das können die Betriebsinhaber zumindest mitbeeinflussen.

DHZ: Und wie?

Greilinger: In regelmäßigen Mitarbeitergesprächen kann beispielsweise die persönliche Zufriedenheit mit den Arbeitstätigkeiten, Arbeitsbedingungen und die "Stimmung" in Bezug auf Kollegen angesprochen werden. Der Chef kann dies dann bei der Zusammenstellung der Teams berücksichtigen oder auch gezielt an "Störenfriede" herantreten. Des Weiteren sind gemeinsame Erlebnisse oder Events, zum Beispiel ein Betriebsausflug oder eine Weihnachtsfeier wichtig, um den Zusammenhalt zu stärken.

Weiterhin ist der Führungsstil des Chefs für das Arbeitsklima von elementarer Bedeutung. Je nach Persönlichkeit kann ein anderer Führungsstil zu einer größeren Akzeptanz führen. Wichtig ist jedoch immer, dass Chefs ihre Mitarbeiter motivieren. Wichtige Elemente für das Schaffen einer motivierenden Führungskultur sind: Anerkennung, Mitarbeitergespräche, Zielvereinbarungen, regelmäßige Teamtreffen und eine leistungsgerechte Entlohnung.

Erfahren Sie auf Seite 2, welche Alternativen es zur klassischen Lohnerhöhung gibt und wie Betriebsgeheimnisse gewahrt werden, auch wenn Mitarbeiter kündigen. >>>

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