3. Juni: Europäischer Tag des Fahrrads "Wenn der Radverkehr weiter zunimmt, wird es eng"

Deutschland investiert zu wenig in die Infrastruktur. Das betrifft auch die Radfahrer, denn Radwege sind zu eng und sichere Unterstellmöglichkeiten fehlen. Das Zweiradmechaniker-Handwerk sieht großen Nachholbedarf. Nur mit spritsparenden Autos sind zudem die Klimaziele nicht zu erreichen.

Jana Tashina Wörrle

Fahrradfahren ist beliebt, aber von der Politik zu wenig unterstützt. Kriitk übt auch das Zweiradmechaniker-Handwerk. - © Foto: Kara/Fotolia

Fahrradfahren wird in Europa zwar immer beliebter, doch noch immer wird der Verkehr hauptsächlich von Autofahrern dominiert. Wie viel Geld die einzelnen Staaten für Radfahren, Fahrradwege oder Fahrra dparkplätze ausgeben, ist sehr unterschiedlich.

Deutschland ist mit nur rund fünf Euro für jeden Einwohner jährlich nicht gerade als Spitzenreiter dabei. Die Holländer investieren im Vergleich dazu nach Angaben des Europäischen Radfahrer-Verbands (European Cyclists' Federation, ECF) für jeden rund 25 Euro in die Rad-Infrastruktur.

Klimaziele weit entfernt

Wer mit dem Rad fährt, tut sich selbst und der Umwelt etwas Gutes. Die EU-Kommission hat das Ziel, bis 2050 die CO2-Emissionen des Verkehrs um 60 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren. Doch bislang hinkt sie den Plänen hinterher. Umweltschützer fordern deshalb auch eine Änderung der Steuergesetze, die bisher das Pendeln per Auto bevorzugen würden.

Um das Radfahren stärker zu fördern stellt die EU in der Förderperiode 2014 bis 2020 zum Ausbau von Fahrradwegen und Gehwegen bis zu zwei Milliarden Euro bereit. In Studien lässt sie untersuchen, wie stark Helme das Verletzungsrisiko für Radler senken. Denn auch der Angstfaktor im Straßenverkehr hält noch immer viele Menschen in den Städten davon ab, im Alltag aufs Rad zu steigen. Zu unsicher seien die Radwege und oft gar nicht vorhanden.

Auch Franz-Josef Feldkämper vom Bundesinnungsverband für das Deutsche Zweiradmechaniker-Handwerk fordert, dass der Radverkehr stärker politisch unterstützt werden sollte. Wie das gelingen kann, erklärt er im DHZ-Interview.

"Wir müssen die Fortbewegungsmittel vernetzen"

Franz-Josef Feldkämper vom Bundesinnungsverband für das Deutsche Zweiradmechaniker-Handwerk. - © Foto: privat

DHZ:  Heute ist der Europäische Tag des Fahrrads. Das klingt nach einer großen Aufmerksamkeit für den Radverkehr. Bekommt er diese denn genug?

Franz-Josef Feldkämper: In den vergangenen Jahren ist die Aufmerksamkeit gestiegen – sowohl auf Bundesebene als auch in den Ländern und Kommunen. 

DHZ:   Deutschland gibt im Vergleich zu anderen europäischen Ländern trotzdem sehr wenig für die Rad-Infrastruktur aus. Sollten die Investitionen steigen und wenn ja, wo mangelt es besonders?

Feldkämper: Sicherlich wären deutlich mehr Investitionen nötig. Die Aufmerksamkeit fürs Radfahren zeigt sich noch nicht in der politischen Umsetzung. Hier besteht großer Nachholbedarf – vor allem, was die Radwege und die Unterstellmöglichkeiten betrifft. Die Radwege sind hierzulande viel zu schmal. Wenn der Radverkehr weiter zunimmt und noch mehr E-Bikes dazukommen, wird es eng. Dazu kommt, dass Fahrräder griffbereit sein müssen, damit sie genutzt werden und sie müssen sicher untergebracht werden können – Fahrräder sind heute viel teurer als noch vor ein paar Jahrzehnten. Hierbei kommen neue Aufgaben auf das Handwerk zu, denn schon beim Hausbau und in den Garagen muss Platz für Fahrräder eingeplant werden oder wir brauchen überdachte Lösungen – am besten mit Steckdosen für die E-Bikes.

DHZ:  London, Stockholm und Mailand haben eine City-Maut eingeführt und so die Zahl der Radfahrer in der Stadt gesteigert. Ist das ein Weg, den Radverkehr zu fördern, indem man das Autofahren unattraktiver macht?

Feldkämper: Deutschland ist nun einmal ein Autoland, denn die Automobilindustrie ist ein wichtiger Industriezweig. Das Auto werden wir nicht komplett durch Fahrräder ersetzen können, aber man müsste beides – bzw. alle Fortbewegungsmittel wie auch den öffentlichen Nahverkehr – mehr vernetzen.

DHZ:  Können Sie dafür Beispiele nennen?

Feldkämper: Wenn es vernünftige Carsharing-Angebote gibt, brauche ich das Auto nur in Einzelfällen und nutze dann auch mal das Rad. Wenn es gute Unterstellmöglichkeiten gibt, kombiniere ich Bahn und Fahrrad häufiger. Gleichzeitig muss die Infrastruktur, also die schon angesprochenen Radwege und alles was dazu gehört, stimmen. Die Klimaziele wird Deutschland nicht erreichen, wenn es nur auf spritsparende Autos und E-Autos setzt.

DHZ:  E-Bikes scheinen eine immer größere Rolle zu spielen. Wie stellt sich das Zweiradmechaniker-Handwerk darauf ein?

Feldkämper: Wir haben im vergangenen Jahr unsere Ausbildungsverordnung geändert. Aus dem Zweiradmechaniker ist jetzt offiziell ein Zweiradmechatroniker geworden. Die Ausbildung umfasst nun auch die Inhalte, die nötig sind, um die komplexere Technik der E-Bikes zu verstehen und zu bearbeiten. Das ist ein viel höherer Anspruch an die Werkstätten.

DHZ:  Profitiert das Zweiradmechaniker-Handwerk davon?

Feldkämper: Ja, E-Bikes haben eine hohe Kilometerleistung und sind deshalb auch sehr wartungsintensiv. Insgesamt ist ein leichter Anstieg im Fahrradabsatz zu spüren und das bringt auch den Werkstätten mehr Arbeit.

Zahlen zum Radverkehr

Einer Eurobarometer-Umfrage der EU-Kommission von 2014 zufolge nutzten in Deutschland immerhin 12 Prozent der Menschen mit Vorliebe das Rad um von A nach B zu kommen. Das ist zwar mehr als im relativ niedrigen EU-Schnitt von acht Prozent. Doch andere Länder sind weiter. Besonders gerne fahren bekanntermaßen die Niederländer Fahrrad. 36 Prozent von ihnen sagten vor allem per Rad zu fahren. Damit hat Holland die höchste Radfahrer-Quote aller EU-Staaten, und eine höhere als noch vier Jahre zuvor (31 Prozent). In Dänemark nutzte fast jeder Fünfte hauptsächlich das Fahrrad. Malta war Schlusslicht: Dort gab gar niemand an, in erster Linie zu radeln.

Fahrräder werden fast überall in Europa beliebter: das Retro-Rennrad für Hipster, das E-Bike für Rentner oder Leistungssportler und das Lastenrad für den Pizzaboten. Rund 11,7 Millionen Fahrräder im Wert von etwa 2,3 Milliarden Euro wurden 2013 in der EU verkauft, wie die aktuellsten Zahlen des europäischen Statistikamts Eurostat zeigen. Das sind rund 150.000 mehr als im Jahr zuvor. Dazu kommt der noch recht junge Trend der E-Bikes, 2013 kauften die Europäer laut Küster rund 480.000 davon. dpa