Die deutsche Wirtschaft kämpft mit dem Fachkräftemangel. Was fehlt, ist qualifizierter Nachwuchs. Damit auch Jugendliche, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz bekommen haben, keine Zeit in Überbrückungsmaßnahmen verlieren, fordert die Bertelsmann Stiftung eine staatliche Ausbildungsgarantie. Schulische Angebote sollen den Mangel ausgleichen. Doch nach Ansicht des Handwerks gehen diese am Bedarf der Wirtschaft und Interesse der Jugendlichen vorbei. - Von Jana Tashina Wörrle
Im deutschen Berufsbildungssystem klafft eine Lücke zwischen dem Angebot an qualifizierten Bewerbern und der steigenden Nachfrage der Betriebe. Aber nicht nur die sinkenden Schülerzahlen befeuern den Fachkräftemangel, sondern auch, dass zu viele im sogenannten Übergangssystem zwischen Schule und Beruf stecken bleiben. Die Bertelsmann Stiftung hat nun einen Vorschlag erarbeitet, wie dieser Übergangsbereich umgestaltet werden kann und verspricht dass sogar eine grundsätzliche Ausbildungsgarantie für alle Schulabgänger möglich wäre.
Allein im Handwerk blieben bundesweit in den vergangenen drei Jahren mehr als 30.000 Lehrstellen unbesetzt, da es an Bewerbern fehlte. Doch nicht die sinkende Zahl allein ist das Problem, sondern die "Passgenauigkeit", sagt auch der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Hubert Esser, zu den Problemen der Betriebe, geeignete Nachwuchskräfte zu finden. "Wir haben auf dem Ausbildungsstellenmarkt leider beides: Junge Menschen, die eine Lehrstelle suchen, aber nicht einmünden können, und gleichzeitig Betriebe, die ihre Plätze nicht besetzen können", so Esser im DHZ-Interview zum aktuellen Berufsbildungsbericht.
Die Bertelsmann Stiftung hat deshalb untersucht, wie sich die Chancen für die Jugendlichen verbessern lassen, die nicht sofort eine Lehrstelle finden. Viele von diesen Jugendlichen landen momentan im staatlich organisierten Übergangssystem zwischen Schule und Beruf und damit in einer Warteschleife aus Bewerbungstrainings, Wiederholungen von Schulstoff und einzelnen Praktika. Obwohl mit der sinkenden Gesamtzahl der Schulabgänger auch die Zahl der Jugendlichen in diesen Übergangsmaßnahmen sinkt, begannen im vergangenen Jahr rund 300.000 Jugendliche eine dieser zahlreichen berufsvorbereitenden Kurse.
Nach dem Vorschlag der Stiftung müsste dieser ineffektive Übergangsbereich zukünftig so umgestaltet werden, dass jeder Schulabgänger die Möglichkeit hat, eine Ausbildung zu absolvieren – ob im Rahmen der normalen dualen Berufsausbildung oder statt der klassischen Übergangsmaßnahme als schulische Berufsausbildung. Diese Ausbildungsgarantie würde den deutschen Staat laut der Studie jährlich 1,5 Milliarden Euro kosten.
Bislang verursacht dieser Übergangsbereich jährlich Kosten von etwa 4,3 Milliarden Euro, obwohl trotzdem jedes Jahr 150.000 Jugendliche dauerhaft ohne Berufsabschluss bleiben. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung kritisiert dieses Vorgehen als "teuren Maßnahmendschungel". "Das deutsche duale System gehört zu den besten Ausbildungssystemen der Welt, aber Bildungsverlierer haben davon wenig, weil sie kaum den Einstieg finden", sagt Dräger.
Doch im Handwerk wird der Vorschlag von mehr schulischen Angeboten für diese Zielgruppe kritisch gesehen. Jugendliche, die wegen schlechten schulischen Leistungen keine Lehrstelle finden, seien in der Regel schulmüde, erklärt ein Sprecher des Zentralverbands der Deutschen Handwerks (ZDH). Sie könnten nach den bisherigen Erfahrungen durch schulische Angebote nicht eingefangen werden. Zudem würden schulische Berufsausbildungen in der Regel am aktuellen und konkreten Bedarf der Wirtschaft vorbei ausbilden, weist der ZDH hin. "Auch eine sogenannte Ausbildungsgarantie mit schulischen Angeboten wird die Realität deshalb nicht ändern", sagt der ZDH-Sprecher.
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