Von den Bergen ins Handwerk: Mit Schöffel Pro bietet der Outdoor-Spezialist jetzt auch Berufskleidung. Inhaber Peter Schöffel und Geschäftsführer Thomas Bräutigam erläutern, warum Wertschätzung für Mitarbeiter auch etwas mit Arbeitsbekleidung zu tun hat.

Schöffel Pro – die Berufskleidungssparte von Schöffel – hat vor Kurzem die White Line, eine Kollektion für das Maler- und Lackiererhandwerk, auf den Markt gebracht. Sieht super aus und ist doch viel zu schade zum Arbeiten.
Peter Schöffel: Eine hochqualitative Hose oder eine Jacke ist ja nicht kaputt, nur weil sie Farbspritzer abbekommen hat. Sie ist noch genauso intakt. Jeder sollte sich in seiner Bekleidung wohlfühlen. Schließlich verbringt man die meiste Zeit des Tages in der Arbeit.
Thomas Bräutigam: Optisch anspruchsvolle, hochwertige Bekleidung mit Funktion und Tragekomfort ist unser Anspruch. Selbstbewusst soll sie der Handwerker tragen können. Und der Arbeitgeber zeigt mit ihr seine Wertschätzung dem Mitarbeiter gegenüber.
Als Outdoor-Spezialist sind Sie mit Schöffel Pro – Pro für Professionell – vor knapp drei Jahren, also während der Corona-Pandemie – in den Markt für Berufskleidung eingestiegen.
Peter Schöffel: Die Entscheidung war unabhängig von Corona. Und obwohl die Pandemie für unsere Branche eine Zäsur war, haben wir den Markteintritt nie in Frage gestellt. Für mich war das ein unternehmerischer Charaktertest: Man hat eigentlich nichts zu verteilen und ist doch voll am Investieren. Ich weiß noch sehr genau, wie viele Gedanken und Diskussionen es gekostet hat. Da wachst du nachts schon mal auf und zweifelst an der eigenen Courage. Die Grundidee von Schöffel Pro war von Corona aber nicht beeinflusst.
Sie haben den Markteintritt während der Pandemie wirklich nie in Frage gestellt?
Peter Schöffel: Nein. Das macht ein Familienunternehmen doch so spannend. Man braucht Episoden, in denen nicht alles glatt oder wie geplant läuft. Rückblickend lässt sich dann sagen: Es war richtig und ich bin stolz, dass wir Kurs gehalten haben.
"Das Thema Nachhaltigkeit ist für uns seit über zehn Jahren von extremer Bedeutung – gerade in unserer Branche.“
Peter Schöffel
Warum ist der Markt für Berufskleidung für einen Outdoor-Spezialisten interessant?
Thomas Bräutigam: Schöffel hat jahrelange Erfahrung mit Bekleidung für Motorradfahrer und Polizisten – gerade was Materialien angeht. Diese Erfahrung lässt sich hervorragend in die Welt der Arbeitsbekleidung einbringen.
Peter Schöffel: Hinzu kommt, dass wir seit über 40 Jahren Arbeitsbekleidung im Extremeinsatz herstellen – für Skischulen und Skiklubs. Skibekleidung muss einiges aushalten, da sie an bis zu 150 Tagen im Winter bei Schnee, Regen und Sonne auf 2.000 bis 4.000 Metern Höhe im Einsatz ist.
Ist Berufskleidung heute ein Ausdruck von Lifestyle?
Peter Schöffel: Absolut. Wenn ein Handwerker gut aussieht und sich selbst auch so fühlt, dann strahlt er das aus und das strahlt wiederum positiv auf das Unternehmen ab.
Thomas Bräutigam: Lifestyle ist ja ein Lebensgefühl, das der Handwerker verkörpert. Er soll authentisch sein und sich wohlfühlen. Das ist wichtig bei der vielen Zeit, die in der Arbeit und im Kundenkontakt verbracht wird. Man ist ja das Aushängeschild seines Arbeitgebers.
Peter Schöffel: Ich mag in diesem Zusammenhang das Wort Work-Life-Balance eigentlich nicht. Es bedeutet, du lebst und musst dafür arbeiten. Meine Philosophie ist: Arbeit ist ein zentraler Teil deines Lebens. Finde Erfüllung darin, sei stolz darauf und sei stolz auf deinen Arbeitgeber.
Stichwort Stolz: Welchen Stellenwert sollte Berufskleidung in einem Unternehmen einnehmen?

Peter Schöffel: Das Thema Bekleidung – Image – Wertschätzung ist ein völlig unterschätzter Faktor. Genau wie der Kampf um Talente am Arbeitsmarkt. Wichtig ist, welches Paket man anbietet, wenn man gute und engagierte Mitarbeiter haben will. Wie lassen sie sich motivieren? Gerade in Branchen, die sich schwertun, ein gutes Image aufzubauen. Das läuft dann indirekt mit Dingen wie Bekleidung oder Fahrzeugen. Und Bekleidung ist immer sichtbar. Das war unsere Grundüberlegung.
Das Handwerk gewinnt in diesen Zeiten durchaus an Selbstbewusstsein als Gestalter der Klima- und Energiewende.
Peter Schöffel: Ich sehe es auch so: Die Wertschätzung von Handwerk hat zugenommen. Das ist nicht nur ein ökologischer Faktor, sondern ein Faktor der zunehmenden De-Globalisierung, die meines Erachtens nicht aufzuhalten ist. Da ist ein Umbruch im Gange.
Wertschätzung und Vertrauen sind Eigenschaften, die man der deutschen Wirtschaft gerade ein bisschen absprechen möchte.
Peter Schöffel: Absolut. Dabei ist das eine große Chance – gerade für Handwerker als Familienunternehmer. Schöffel ist auch ein gesundes Familienunternehmen. Familienunternehmen haben meist begrenzte finanzielle Mittel. Dort geht es immer zuerst um Kunden und Werte, Zahlen sind "nur" ein Ergebnis daraus. Da wir als Familienunternehmen nie die Größten sein werden, streben wir an, die besten bei der Qualität zu sein. Und Qualität kommt aus Leidenschaft. Wenn es dir gelingt, über Jahrzehnte diese leidenschaftliche Kultur gerade in einer so schnelllebigen Branche aufzubauen, dann bekommst du über die Jahre den Typus Mitarbeiter, der genau das lebt. Die Freiheit, Dinge zu gestalten, positiven Stress zu erleben, weil man nicht nur ein kleines Zahnrad ist, sondern etwas bewegen kann. Da kann eine Dynamik drinstecken, die würde ich mir für Deutschland auch wieder wünschen. Wir reden uns selber tot und kommen nicht aus dem Quark.
Was sollte jetzt passieren?
Peter Schöffel: Ich würde mir für Deutschland wünschen, dass wir sagen: Wir packen es jetzt wieder an. Ich glaube, da schauen viele aufs Handwerk. Am Ende sind es die vielen kleinen, gesunden Familienunternehmen, die ihr Schicksal seit jeher selbst in die Hand nehmen, anpacken und gestalten. Anders kommen wir aus der Krise nicht raus.
Färbt ein Premium-Kleidungsstück positiv auf das Image eines Betriebes ab?
Thomas Bräutigam: Natürlich, das ist ein klares Differenzierungsmerkmal, klassisches Employer Branding. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der textilen Visitenkarte.
Binden Sie bei der Entwicklung ihrer Produkte Handwerker ein?
Thomas Bräutigam: Ja, im Rahmen der Entwicklung der Malerkollektion haben wir zum Beispiel drei Betriebe ausgestattet. Sie haben in voller Montur mehrere Wochen gearbeitet, alles auf Herz und Nieren getestet und Feedback gegeben. So hatten wir zwei Korrekturschleifen. Wir statten mit der White Line übrigens auch den Malerweltmeister Christoph Pessl aus Österreich und die deutsche Maler-Nationalmannschaft aus.
Peter Schöffel: Der Teufel steckt immer im Detail. Benni Raich (ehemaliger österreichischer Skirennläufer, Weltmeister und Olympiasieger, Anm. d. Red.) ruft mich manchmal an und sagt dann so Sachen wie, die Skihose ist unten einen Zentimeter zu weit. Genau darum geht es in der Entwicklung. Es geht um Millimeter und Details. Für mich ist das Endkundenorientierung. Es geht darum, von den Problemen der Kunden zu erfahren und einen Lösungsansatz zu finden.
Trennen Sie die Marken Schöffel und Schöffel Pro?
Peter Schöffel: Wir haben uns für eine radikale Trennung entschieden. Eigene Firma, eigene Geschäftsführung, auch eine räumliche Trennung.
Warum?
Peter Schöffel: Wir wollten mit Schöffel Pro vom ersten Tag an mit voller Kraft starten. Wir wollten von Anfang an groß und konsequent denken. Natürlich nutzen wir Synergien, was Transport, Qualitätskontrolle oder Nachhaltigkeit angeht. Aber Marktentwicklung, Vertrieb und Marketing haben wir abgekoppelt.
Welche Rolle spielt der Standort Deutschland im Vergleich zu Asien?
Peter Schöffel: Wir sind international aufgestellt mit dem Schwerpunkt Asien. Von dort kommen seit 50 Jahren nahezu alle funktionalen Stoffe. In Schwabmünchen entwickeln wir sämtliche Grundschnitte. Ausgewählte Projekte nähen wir auch hier vor Ort. Beispielsweise die Rennanzüge des österreichischen Skiverbandes, dessen langjähriger Ausstatter wir sind. Da geht es um Schnelligkeit und das vergibt man nicht nach extern. Ansonsten arbeiten wir mit 20 bis 25 langjährigen Partnerbetrieben weltweit zusammen. Wichtig war mir, nie eigene Produktionsbetriebe zu haben, weil ich davon überzeugt bin, dass es nicht mehr darum geht, die Nähmaschine zu besitzen, um Qualität zu produzieren.
Ist das Lieferkettengesetz für Sie lästig?
Peter Schöffel: Im Gegenteil. Das Thema Nachhaltigkeit ist für uns seit über zehn Jahren von extremer Bedeutung – gerade in unserer Branche. Wenn ein T-Shirt einen Euro kostet, darf ich nicht fragen, wie es zustande kommt. Wie soll es denn gehen? Wir als Premium-Marke wollen da immer ruhig schlafen können. Deshalb sind wir seit 13 Jahren Mitglied der Fair Wear Foundation.
Sie legen also Wert auf Langlebigkeit und Nachhaltigkeit?
Peter Schöffel: Ja, das ist genau unser Thema. Unsere Bekleidung ist etwas teurer, dafür aber langlebiger. Wir haben im Hauptwerk eine Service-Factory, eine große Näherei, wo wir rund 8.000 Teile im Jahr reparieren. Vor 20 Jahren bin ich von der Branche dafür belächelt worden. Aber es ist wichtig, dieses Handwerk nicht zu verlernen und nicht alles in Asien machen zu lassen.
Warum ist Ihnen das wichtig?
Peter Schöffel: Nachhaltigkeit und Langlebigkeit passen gut in die Zeit, vor allem aber passen sie zu unseren persönlichen Werten. Ich glaube, von diesem qualitativen Ansatz – lieber etwas teurer, aber langlebiger – haben wir letztendlich alle mehr. Aber dieser Ansatz ist noch immer unterbeleuchtet.
Das Feedback der Handwerker haben wir innerhalb von Tagen einfließen lassen und ihnen die neue Hose sofort wieder zur Verfügung stellen können."
Thomas Bräutigam
Ist die Service-Factory also sozusagen die Schlüsselabteilung in Ihrem Unternehmen?
Peter Schöffel: "Meine" Näherinnen sind sehr wichtige Mitarbeiterinnen für mich, weil es dieses Berufsbild heute in Deutschland gar nicht mehr gibt. Wir können mit der Service-Factory aber genau diese qualitative Strategie erfüllen, die uns auch bei Schöffel Pro hilft. Wir können direkt vor Ort reparieren oder veredeln und müssen die Teile nicht ans andere Ende von Deutschland schicken.
Thomas Bräutigam: Wir haben zum Beispiel in einem achtmonatigen Projekt mit vielen Produktionsschleifen eine neuartige Tasche für eine Hose entwickelt, die wir auch zum Patent angemeldet haben. Nur dank der vielen Näherinnen konnten wir alle Varianten testen. Das Feedback der Handwerker haben wir innerhalb von Tagen einfließen lassen und ihnen die neue Hose sofort wieder zur Verfügung stellen können: Probiert mal, so ist es besser.
Herr Schöffel, Sie leiten ein Familienunternehmen in der siebten Generation. Was sind Ihre Wurzeln?
Peter Schöffel: Mein Vater hat immer gesagt, die Schöffels sind für die Firma da und nicht die Firma für die Schöffels. Das habe ich lange nicht verstanden. Aber beispielsweise während Corona, wo es wirtschaftlich extrem schwierig wurde, da ist mir klar geworden, was in diesem Satz steckt. Wenn du die Freiheit hast, dem Generationenauftrag statt dem Quartalsbericht zu folgen, weil du als Inhaber in dein Unternehmen gegen den Strom investierst, tun sich dadurch enorme Chancen am Markt auf. Geht aber nur, wenn die Inhaber zusammenstehen.
Nämlich?
Peter Schöffel: Familienunternehmen scheitern in der Regel nicht am Kapital, sondern an Streitigkeiten der Gesellschafter. Doch für mich ist entscheidend, dass man sich selbst nicht so wichtig nimmt und wenn es darauf ankommt, sich als Erster die Finger schmutzig macht. Mitarbeiter sind keine Untertanen, sondern Kollegen auf Augenhöhe. Diesen, ich sag mal, schwäbisch-demütigen Ansatz haben wir versucht, unseren Kindern beizubringen.
Wenn Sie zurückblicken: Was war Ihre wichtigste unternehmerische Entscheidung?
Peter Schöffel: Meine wichtigste unternehmerische Entscheidung war es, den konsequenten Schritt mit Schöffel Pro zu gehen. Das bedurfte großer Veränderungen in unserer Struktur. Wir mussten sicherstellen, dass die Gruppe mit ihren unterschiedlichen Sparten funktioniert, sich gegenseitig ergänzt und nicht anfängt, gegeneinander zu arbeiten. Das war ein wichtiger Schritt, weil er in einer wirtschaftlich herausfordernden Zeit erfolgte. Ich bin davon überzeugt, dass wir in zehn oder 15 Jahren mit Schöffel Pro wahrscheinlich ähnlich groß sind wie mit Schöffel Sport. Das ist zumindest unser Anspruch.
Was können wir in Zukunft von Schöffel Pro erwarten?
Thomas Bräutigam: Schöffel hat viel Erfahrung und Expertise durch die Arbeit für Behörden und Polizei, beispielsweise in der Entwicklung von High-Vis-Bekleidung. Da steckt Schöffel DNA drin und das ist sicherlich ein interessantes Feld für uns.