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100 Jahre Orthopädieschuhtechniker Orthopädieschuhtechniker mit hervorragenden Prognosen

Die Spanne vom Dreißigjährigen Krieg bis zum 3-D-Druck von Einlagen ist groß. Der Verband der Orthopädieschuhtechniker schlägt aber derzeit diesen Bogen. Vor 100 Jahren , 1917, schlossen sich die orthopädischen Schuhmacher zu einem Verband zusammen. Im Jubiläumsjahr blicken sie nicht nur zurück auf ihre lange Tradition, sondern zeigen, wie Handwerk im digitalen Zeitalter funktioniert. Ein Interview mit ZVOS-Hauptgeschäftsführer Oliver Dieckmann.

DHZ: Herr Dieckmann, am 8. April 1917 trafen sich in Leipzig 42 Berufskollegen, um den Bund ortho­pädischer Schuhmachermeister Deutschlands zu gründen, dem Vorläufer des heutigen Zentralverband Orthopädieschuhtechnik (ZVOS). Was steckte dahinter?

Dieckmann: Dass 1917 ein Verband gegründet wurde, hängt mit dem 1. Weltkrieg zusammen. Zahllose Soldaten waren verletzt worden und mussten mit orthopädischen Schuhen oder auch Zehenprothesen versorgt werden. Viele Schuhmacher wechselten daher immer mehr in eine orthopädische Versorgung. Ein eigener Berufszweig nach der Handwerksordnung ist erst später entstanden. Das Handwerk des orthopädischen Schuhmachers gab es aber schon lange. Bereits aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges haben wir entsprechende Hinweise.

Oliver Dieckmann, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Orthopädieschuhtechnik.

DHZ: Wirken sich die Krisen in der Welt auch heute auf Ihre Arbeit aus?

Dieckmann: Erschreckenderweise ja! Viele Opfer von Krieg und Flucht werden nun in Deutschland von den Orthopädieschuhmachern versorgt. Unser Appell zu unserem Jubiläum deshalb: Haltet Menschen mobil. Lasst sie mobil und in Freiheit sein!

DHZ: Wie hat sich das Handwerk ansonsten in den vergangenen 100 Jahren entwickelt?

Dieckmann: Es hat sich sehr verändert. Die traditionellen Fertigungsweisen gibt es zwar noch und es ist wichtig, dass die Jungen diese kennen. Aber im Geschäftsalltag geht der Trend hin zu mehr Fremdfertigung und Digitalisierung. Leisten zum Beispiel werden schon lange nicht mehr aus einem Stück Holz herausgeschlagen, sie werden gegossen, gefräst und können auch schon gedruckt werden.

DHZ: Was bedeutet dieser Spagat zwischen Tradition und Moderne für die Branche?

Dieckmann: Nicht alle sind von 3-D-Fertigung und Digitalisierung angetan. Fakt ist aber, dass der Beruf gerade auch deswegen eine enorme Bandbreite an Möglichkeiten bietet: Vom Ungelernten bis hin zum studierenden und wissenschaftlich arbeitenden Meister kann hier jeder eine spannende Aufgabe finden. Die Zukunftsaussichten bei uns sind ­hervorragend, es herrscht Voll­beschäftigung.

DHZ: Wer sind heute Ihre wichtigsten Kunden?

Dieckmann: Die großen Volkskrankheiten wie Diabetes und das Anfertigen von orthopädischen Einlagen machen den größten Anteil der Arbeit aus. Die Zahl der Diabetiker in Deutschland liegt bei rund sechs Millionen, weitere geschätzte zwei Millionen wissen nichts von ihrer Krankheit. Viele haben Nerven- und Durchblutungsstörungen an den Füßen. Druckstellen oder kleine Verletzungen führen zu circa 40.000 Amputationen pro Jahr in Deutschland. Diese Zahl wollen wir senken. Deswegen ist der Bedarf an Orthopädieschuhmachern auch höher denn je.

DHZ: Heißt das, Sie könnten mehr Nachwuchs gebrauchen?

Dieckmann: Ganz klar: Ja. Wie bei allen Gesundheitshandwerken hatten wir in den vergangenen zehn Jahren sinkende Ausbildungszahlen. Ob der leichte Anstieg der vergangenen zwei, drei Jahre eine Trendwende einläutet, können wir noch nicht erkennen.

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