Lebensmittel Maximal jeder zweite Betrieb wird richtig kontrolliert

Deutschlands oberster Lebensmittelkontrolleur Martin Müller sieht die deutschen Aufsichtsbehörden überfordert. Um weitere Lebensmittelskandale zu verhindern, sei eine massive Aufstockung der Kontrolleure nötig. Auch die Sanktionen müssten verschärft werden. Als Vorbild nannte der Dänemark.

Ob ein Produkt mangelhaft ist, kann der Verbraucher nicht immer beim Einkauf feststellen. - © Foto: contrastwerkstatt/Fotolia

Nach Aussage des Vorsitzenden des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure könnten die Aufsichtsbehörden maximal die Hälfte aller 1,2 Millionen Lebensmittelbetriebe richtig kontrollieren. Deshalb forderte er am Wochenende in der "Süddeutschen Zeitung", die Zahl der Prüfer massiv aufzustocken und das Kontrollsystem gründlich zu reformieren.

Als Konsequenz aus den jüngsten Lebensmittelskandalen verlangte Müller, die Zahl der Kontrolleure von derzeit rund 2.400 auf bis zu 3.900 zu erhöhen. "Mit mehr Personal könnten wir einen größeren Druck auf die Betriebe aufbauen, damit die merken, dass wir es ernst meinen." Seit zehn Jahren habe sich am Personalstand nichts geändert.

Entmündigung der Bürger

Müller sagte, die Kontrolle werde schwieriger: "Wir müssten eigentlich dafür sorgen, dass schlechte Ware erst gar nicht hereingelassen wird. Doch dafür müssten wir unsere präventive Arbeit verstärken, Frühwarnsysteme entwickeln, für die aber das Geld fehlt." Aus seiner Sicht würden Bürger entmündigt, wenn ihnen erst im Nachhinein "die ekligen Tatsachen" präsentiert würden. Was nütze es dem Verbraucher, "wenn er erfährt, dass die Erdbeeren, die er vor einer Woche gegessen hat, hochgradig mit Pestiziden belastet waren", fragte Müller.

Er forderte zudem, die Lebensmittelkontrolle in Deutschland bundesweit aufzustellen. "Derzeit sind die Kontrolleure den Landesbehörden oder Kommunen unterstellt. Vor allem in den Kommunen wird Lebensmittelüberwachung nach Kassenlage gemacht und vor allem dort wird kein neues Personal eingestellt", kritisierte der Verbandschef.

Vorbild Dänemark

Müller machte sich außerdem für "abschreckende Sanktionen" nach dem Vorbild Dänemarks stark. Dort gebe es seit zehn Jahren ein öffentliches Bewertungssystem für Lebensmittelbetriebe. "Gute Betriebe werden mit einem Smiley gewürdigt, schlechte mit einem Schmollgesicht bestraft." Das Verhalten der Unternehmen habe sich entscheidend verändert, die Zahl der Beanstandungen sei um fast 30 Prozent gesunken.

Auch Grünen-Fraktionschefin Renate Künast dringt auf weitergehende Maßnahmen gegen Fleischskandale. "Nötig sind Schwerpunktstaatsanwaltschaften, um Betrügern bei der Futtermittelproduktion auf die Spur zu kommen", sagte Künast der Zeitung "Die Welt". Erforderlich sei zudem eine "bessere Kontrolle der Futtermittelproduktion und des Umgangs mit Schlachttieren". Deutschland brauche eine "Bund-Länder-Koordination und Verpflichtungen zu regelmäßigen Untersuchungen". Diese müssten in einem nationalen Register erfasst werden.

Eine Übersicht der Lebensmittelskandale seit 1985 finden Sie hier . sg/dapd