Meinung -

Lehrlinge dringend gesucht!

Die Bilanz bei den Ausbildungsverträgen zum 30. Juni dieses Jahres klingt zunächst sehr positiv. Doch es bleibt zu hoffen, dass jeder potenzielle Auszubildende zum Beginn des Ausbildungsjahres tatsächlich antritt.

Dr. Lothar Semper
© Kasia Sander

Zu diesem Stichtag waren mit über 61.000 Ausbildungsverträgen sechs Prozent mehr in die Lehrlingsrollen der Handwerkskammern eingetragen als zum gleichen Vorjahreszeitraum. In Westdeutschland konnte sogar eine Zunahme um 6,8 Prozent registriert werden, während in Ostdeutschland die Zahl nahezu stagnierte. Insgesamt dürften damit rund 35 Prozent der für dieses Jahr zu erwartenden Ausbildungsverhältnisse bereits abgeschlossen sein.

Dabei bleibt zu hoffen, dass jeder potenzielle Auszubildende zum Beginn des Ausbildungsjahres tatsächlich antritt. Denn schon in der Vergangenheit mussten immer mehr Betriebe die Erfahrung machen, dass trotz bestehenden Vertrages die Jugendlichen nicht antraten, weil sie sich für einen anderen Beruf oder Betrieb beziehungsweise dafür entschieden hatten, weiter auf die Schule zu gehen. Wenn am Ende dann Bilanz gezogen wird, dann wird man froh sein, die Entwicklung der Neuabschlüsse im positiven Bereich halten zu können.

Früher unter Dach und Fach

Die erfreuliche Zahl zur Jahresmitte zeigt wohl, dass Handwerksbetriebe ebenfalls dazu übergehen, die Lehrverträge immer früher unter Dach und Fach zu bringen. Das ist auch gut so; denn nur dann haben die Betriebe im Wettbewerb um die besten Köpfe auch die besten Chancen. Die jungen Leute für eine Ausbildung im Betrieb zu haben, ist allerdings nur die erste Etappe, um damit auch gleichzeitig die Fachkräfte der Zukunft zu haben. Zwei entscheidende Hürden gibt es dabei.

Hürde Nummer eins: Bei fast einem Viertel der Lehrverhältnisse im Handwerk kommt es zu einem Abbruch. Das ist die höchste Quote aller Ausbildungsbereiche. Die Ursachen dafür sind sehr vielschichtig; eine liegt im Vorbildungsniveau der Auszubildenden. Aber auch die Betriebe sind gefordert. Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat dafür schon vor Jahren Empfehlungen herausgegeben. Dazu zählen die verstärkte Berücksichtigung dieser Problematik bei der Ausbilderqualifizierung, die Intensivierung der Gesprächsbereitschaft bei der Entstehung und Bewältigung von Konflikten, die verstärkte Nutzung ausbildungsbegleitender Hilfen und die rechtzeitige Einschaltung von Ausbildungsberatern der Handwerkskammern sowie Lehrlingswarten der Innungen.

Hürde Nummer zwei ist, dass zu viele Gesellen nach erfolgreicher Prüfung ihren Ausbildungsbetrieb und das Handwerk insgesamt verlassen. Über viele Jahre hinweg galt das stabile Muster, dass etwa jede zweite im Handwerk ausgebildete Fachkraft auch in diesem Wirtschaftsbereich verbleibt. Mittlerweile sind es nicht einmal mehr 40
Prozent.

Zu wenig Informationen

Dabei liegt dies – wie eine Studie des Ludwig-Fröhler-Instituts zeigt nicht in erster Linie am Geld. Die viel wichtigeren Entscheidungsfaktoren für die jungen Leute sind vielmehr frühzeitige Übernahmeangebote, ein gutes Arbeitsklima und Weiterbildungsmöglichkeiten. Gerade in den beiden letztgenannten Bereichen aber könnte das Handwerk eigentlich besonders gut punkten. Es scheint allerdings dazu für die jungen Gesellinnen und Gesellen nicht genügend Informationen zu geben. Hier müssen sowohl die Betriebe wie auch die Handwerksorganisationen noch Hausaufgaben machen.

Eine Geste müssen sich wohl die Ausbildenden zu eigen machen: Den Lehrlingen nicht erst kurz vor oder sogar nach der Gesellenprüfung, sondern schon viel früher ein Signal geben, dass man an ihrer Übernahme höchst interessiert ist. Denn in diese Lücke stoßen sonst sehr schnell zahlreiche Betriebe anderer Branchen, die ja derzeit ebenfalls händeringend Fachkräfte suchen. An diesem Trend wird sich auf Jahre hinaus nichts mehr ändern. Es ist also Zeit, die Konsequenzen daraus zu ziehen und zu handeln.

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