Montréal zelebriert das Savoir-vivre – über und unter der Erde. Reisebericht und Bildergalerie von Ulrich Steudel, Montréal
Insel der Glückseligen
Vor dem Restaurant Rosalie klettern acht begeisterte Teenager aus einer Stretchlimousine. Die Kleidchen knapp bemessen, das Make-up umso üppiger. Doch in der benachbarten Discothek sind alle Mädchen so auffällig gestylt, dass sie gar nicht mehr auffallen. Dafür müssen sie schon mit dem Straßenkreuzer eine Runde um die Rue Saint-Catherine drehen, ehe sie sich ins Nachtleben von Montréal stürzen.
Gelegen auf einer Insel im Sankt-Lorenz-Strom strotzt Montreal vor Lebensfreude. Über das Jahr reiht sich Festival an Festival – gerade laufen die Vorbereitungen für das Internationale Jazz Festival, das größte seiner Art weltweit. Zum Auftakt wird Steve Wonder singen. Bis zu zwei Millionen Menschen zieht das Event alljährlich in seinen Bann, auch weil die Stadt mit einem Flair aus Toleranz und guter Laune ihre Besucher verzaubert.
Multikultureller Schmelztiegel
Obwohl mehr als 65 Prozent der gut drei Millionen Einwohner im Großraum Montreal französischsprachig sind, haben Einwanderer aus aller Herren Länder für einen multikulturellen Schmelztiegel gesorgt. Trotzdem prägt das Heimatland des Entdeckers Jaques Cartier, der als erster Europäer 1535 die 50 Kilometer lange Insel betrat und den Berg in deren Mitte Mont Royal taufte, das Lebensgefühl.
Schick gekleidet flanieren die Montréaler durch belebte Einkaufsstraßen, die wie die Rue Crescent auch erstklassige Restaurants bieten. Selbst im frostigen Winter muss niemand in der Kälte bibbern. Dann zieht sich das Leben in den Untergrund zurück. Auf 35 Kilometer ist die unterirdische Shoppingmeile inzwischen angewachsen. Knapp 2.000 Geschäfte, 200 Restaurants und 40 Kinos, dazu Theater und Konzertsäle beleben die "Ville Souterrain". 60 Gebäude, darunter sieben Hotels, bieten direkten Zugang zur Stadt unter der Stadt mit den darunter liegenden U-Bahn-Stationen.
Der tolerante Geist von Montréal findet sich auch in seiner Baukultur wieder. Historie spiegelt sich in den Glasfassaden der Hochhäuser, von denen keines den 233 m hohen Mont Royal überragen darf. Und so ist die Höhe der Wolkenkratzer beim 51-stöckigen "Le 1.000 de la Gauchetière" mit seinen 205 Metern nahezu ausgereizt. Immer wieder werden die Häuserzeilen der postmodernen Wolkenkratzer von historischen Gebäuden unterbrochen wie der Christ Church Cathedral. Die 1859 geweihte, anglikanische Kirche wurde für die unterirdischen Boutiquen und Schnellrestaurants des nahen Eaton Center aufwändig abgestützt und untertunnelt. Amüsement unter dem Gotteshaus – Savoir-vivre à la Montréal. Diese Fähigkeit, das Leben zu genießen, macht die Metropole am Sankt-Lorenz-Strom, die auf dem gleichen Breitengrad wie Mailand liegt, so anziehend.