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Schattenwirtschaft Mehr Schwarzarbeit durch hohe Abgaben

Rentenbeiträge, Pflegeversicherung und kalte Progression: Zeigen die Reformen der Großen Koalition Wirkung, wird voraussichtlich auch die Schwarzarbeit wieder zunehmen. Das zeigen Berechnungen von Wirtschaftsexperten. Das Baugewerbe sieht auch derzeit in der Schattenwirtschaft ein großes Problem.

Fliesenleger
Seitdem im Fliesenlegerhandwerk der Meisterbrief keine Voraussetzung mehr ist, um selbstständig in diesem Beruf zu arbeiten, gibt es Probleme. Viele arbeiten als Scheinselbstständige. -

Die absehbar gute konjunkturelle Entwicklung und der anhaltend stabile Arbeitsmarkt schaffen für Arbeitnehmer nur wenige Anreize einer illegalen Beschäftigung nachzugehen. Und so wird die Schwarzarbeit auch in diesem Jahr voraussichtlich weiter sinken.

Wirtschaftsexperten der Universität Linz und des Tübinger Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) haben berechnet, dass das Volumen der Schattenwirtschaft leicht auf 338,5 Milliarden Euro zurückgeht. Das entspräche 12,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 0,2 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr.

Allerdings wird das erneute Absinken nach den Berechnungen nicht lange anhalten. Sobald die geplanten Eingriffe von Union und SPD auf dem Arbeitsmarkt Wirkung zeigen, wird auch die Schattenwirtschaft wieder zunehmen, prognostiziert die Studie. "Steigende Sozialbeiträge und die nicht gebremste kalte Progression verstärken die Anreize, in der Schattenwirtschaft zu arbeiten", melden die Forscher.

Weniger Rentenbeiträge, weniger Schwarzarbeit

So würde die Schattenwirtschaft schon 2014 um eine weitere Milliarde Euro zurückgehen, wenn die Rentenbeiträge von 18,9 Prozent auf 18,6 Prozent gesenkt worden wären, wie ursprünglich von der Bundesregierung vorgesehen. Diese hatte kurz vor Jahresende 2013 ein Gesetz erlassen, um die Senkung zu stoppen und neue Einnahmen zu generieren. Für die Umsetzung aller geplanten Investitionen im Koalitionsvertrag benötigt sie 23 Milliarden Euro zusätzlich. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) hatte sich für die eigentlich fällige Absenkung der Rentenbeiträge ausgesprochen und gemahnt, dass Union und SPD nicht durch teure Rentengeschenke die Belastung der Beitragszahler weiter erhöhen sollte.

Steigende Sozialversicherungsbeiträge erhöhen nach IAW-Angaben den Anreiz zum Ausweichen in die Schattenwirtschaft, weil sich die Schere zwischen Brutto- und Nettoentlohnung weiter öffnet. Und so werde auch die geplante Erhöhung des Beitrages zur Pflegeversicherung um 0,5 Prozentpunkte zu einer Ausweitung der Schattenwirtschaft innerhalb der Legislaturperiode von Schwarz-Rot führen. Der Studie zufolge wird die Schwarzarbeit allein deshalb im Wert von 840 Millionen Euro zunehmen.

Verstärkend auf die Schattenwirtschaft wirken werden allerdings auch die Beschlüsse gegen ein Gesetz zur Bekämpfung der kalten Progression und zum flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn. Der Verzicht auf die Beseitigung der kalten Progression hat demnach Folgen im Wert von 5,3 Milliarden Euro, die in die Schattenwirtschaft und nicht in die reguläre Beschäftigung abwandert. Lohnsteigerungen zum Inflationsausgleich kommen nicht mehr in ausreichendem Maße bei den Arbeitnehmern an, sondern füllen die Staatskassen, kritisiert der ZDH.

Bei diesem Thema nehmen auch die Autoren der Studie direkten Bezug zum Handwerk, das es vor allem die Bezieher mittlerer Einkommen seien, die relativ am stärksten von der kalten Progression getroffen werden. "Dazu gehören Personen in Handwerksberufen oder andere gewerblich Tätige, deren Qualifikationen in der Schwarzarbeit eher verwertbar sind als die von akademisch Ausgebildeten", heißt es.

Schwarzarbeit: Grundübel auf dem Bau

Eine starke Belastung und damit einen Anreiz zu Schwarzarbeit durch die hohen Lohnzusatzkosten sieht auch das deutsche Baugewerbe. "Natürlich überlegen es sich manche Häuslebauer zwei Mal, ob sie nicht auf eine Rechnung verzichten wollen, wenn das die Preise derart stark senkt", sagt Ilona Klein, Sprecherin des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes (ZDB). Kritisch sieht sie auch die Rente mit 63, die für viele ein Anreiz sein könnte, trotz Ruhestand etwas dazuverdienen zu wollen.

Obwohl die Schwarzarbeit weiter zurückgeht, bleibe sie ein Grundübel auf dem Bau. Neben den Arbeiten, die am Wochenende oder nach Feierabend ohne Rechnung erledigt werden, stellt die organsierte illegale Beschäftigung, oft über mehrere Subunternehmer, aber die größere Belastung und Konkurrenz für die Baufirmen dar.

Umgangen würden geltende Regelungen auch durch den Wegfall der Meisterpflicht wie beispielsweise im Fliesenlegerhandwerk. "Oft kommen einzelne Selbstständige auf eine Baustelle, geben sich offiziell als Fliesenleger aus und machen dann alle anderen arbeiten mit", erklärt Ilona Klein. Da zu wenige Kontrollen stattfinden, handle es sich bei diesen Beschäftigten oft um Scheinselbstständige. "Jeder Schwarzarbeiter verhindert, dass auf dem Bau neue reguläre Arbeitsstellen geschaffen werden können."

Den geplanten flächendeckenden Mindestlohn sieht sie dagegen unkritisch, denn im Bauhauptgewerbe gibt es bereits einen Branchenmindestlohn, der weit über 8,50 Euro liegt.

Nach den Berechnungen des IAW wird der gesetzliche Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro die Schattenwirtschaft um 1,2 Milliarden Euro erhöhen. Mit diesen Prognosen schließen die IAW-Forscher an Ergebnisse einer Studie des IW-Köln an. Diese befürchtet, dass durch den Mindestlohn Beschäftigte in kleinen Betrieben entlassen und als Scheinselbstständige wieder angestellt werden könnten.

Der ZDH sieht einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn, der nach dem Gießkannenprinzip keine Differenzierungen nach Branchen, Regionen und Qualifikation der Arbeitnehmer enthält, kritisch. Er könne vor allem in personalkostenintensiven Handwerkszweigen zum Verlust von Arbeitsplätzen führen und den Zugang gerade für Geringqualifizierte und Wiedereinsteiger in den ersten Arbeitsmarkt erschweren. jtw

Auswirkungen der Koalitionsbeschlüsse  Zuwachs der Schattenwirtschaft
Keine Senkung der Rentenbeitragssätze von 18,9 Prozent auf 18,3 Prozent +960 Millionen Euro
Verzicht auf die Reform der kalten Progression +5.300 Millionen Euro
Geplante Erhöhung des Beitrages  um 0,5 Prozentpunkte bei der Pflegeversicherung +840 Millionen Euro
Bundesweiter Mindestlohn in allen Branchen von 8,50 € die Stunde +1.200 Millionen Euro
Jährlicher Gesamteffekt +8.300 Millionen Euro

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