Tatort Baustelle Diebe klauen Kraftstoff und Baumaschinen

Handwerksbetriebe werden immer öfter von Dieben heimgesucht. Besonders auf Baustellen wird geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist. Buntmetalle verschwinden, Diesel wird abgezapft. Selbst komplette Baumaschinen sind nicht mehr sicher.

Ulrich Steudel

Der Tankinhalt von Baumaschinen wird bei Dieben immer öfter zum Objekt der Begierde. - © Andreas Wetzel

Die Mitarbeiter der Oberlausitzer Straßen-, Tief- und Erdbau GmbH, kurz Osteg, trauten ihren Augen nicht, als sie am Morgen auf die Baustelle im Dreiländereck bei Zittau kamen. Über Nacht war ihr Radlader verschwunden, der zum Glück mit GPS ausgestattet war. So konnte er von der Polizei in Polen geortet und beschlagnahmt werden. Aber solche Fahndungserfolge sind die Ausnahme, wie Osteg-Prokuristin Petra Lehmann zu berichten weiß. "Bei uns vergeht keine Woche ohne Diebstahl." Allein in diesem Jahr hat das Tiefbauunternehmen 26 Fälle zur Anzeige gebracht, den Schaden schätzt Lehmann auf rund 50.000 Euro.

Schäden pro Betrieb im fünfstelligen Bereich

Gerade im Grenzgebiet zu Polen und Tschechien werden die Klagen vieler Handwerker über die zunehmende Kriminalität lauter. Bei einer Umfrage der Handwerkskammer Dresden schätzten 24 Prozent der Betriebsinhaber die Sicherheitslage als schlecht ein. Im Landkreis Görlitz, wo auch die Zittauer Osteg ihren Sitz hat, war sogar jeder zweite Unternehmer dieser Meinung. Als größtes Problem sehen sie über alle Branchen hinweg den Diebstahl.

Die Schäden durch Diebstahl sind immens. Bei der Umfrage summierte sich der Gesamtschaden der 316 betroffenen Betriebe auf knapp 3,4 Millionen Euro – reichlich 10.700 Euro pro Handwerker. Das sächsische Landeskriminalamt beziffert den Schaden durch Diebstähle mit der "Tatörtlichkeit Baustelle/Rohbau" auf rund 3,39 Millionen Euro im Jahr 2011. Darin enthalten sind Diebstähle von Buntmetallen, Kraftstoffen und Baumaschinen. Hinzu kommen weitere 5,65 Millionen Euro Schaden durch Diebstähle aus "überwiegend unbezogenen Neu- und Rohbauten, Baubuden und Baustellen".

Tanks von Baumaschinen im Visier

Seit die Preisspirale bei den Kraftstoffen kräftig angezogen hat, geraten zunehmend die Tanks von Baumaschinen ins Visier der Diebesbanden. Und das nicht nur in Grenzgebieten. Bei der Straßen- und Tiefbaufirma PST in Wittenberg (Sachsen-Anhalt) werden Baumaschinen und Fahrzeuge übers Wochenende nur noch mit leerem Tank abgestellt. Aus gutem Grund: Bauleiter Dirk Packert weiß aus Erfahrung, dass der Schaden viel größer ist als die Rechnung für den gestohlenen Diesel.

Die 70 Liter, die kürzlich aus einem Lkw abgezapft wurden, haben drei seiner Leute blockiert. "Zwei mussten anderthalb Stunden warten, bis die Polizei den Diebstahl protokolliert hatte, ein Dritter musste Diesel holen", erzählt Packert. Am Ende komme dann ein Schreiben von der Staatsanwaltschaft, dass das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt worden sei, ärgert sich der Bauleiter. So war es auch, nachdem der Tank eines Baggers leergepumpt worden war.

Ein Bagger mit einem Einsatzgewicht von 14 bis 17 Tonnen verbraucht bis zu 100 Liter Diesel am Tag, ein Radlader rund 60 Liter. So kommt eine kleinere Tiefbaufirma wie PST mit sieben Beschäftigten auf Spritkosten zwischen 1.200 und 2.500 Euro pro Woche, je nach Auftragslage. Bei einer Firma wie der Osteg in Zittau mit 170 Beschäftigten, die auf 30 bis 40 Baustellen im Einsatz sind, geht es da noch um ganz andere Dimensionen. Deshalb versucht man  sich zu schützen – so gut es eben geht.

Finanzieller Kraftakt

Der Firmensitz, nur 50 Meter von der polnischen Grenze entfernt, gleicht einem Hochsicherheitstrakt: Das Gelände ist von Nato-Zaun umgeben, alle zehn Gebäuden mit Alarmanlagen ausgestattet. Auf den vielen Baustellen ist das schwieriger. Die mobilen Tankstellen werden höchstens zur Hälfte gefüllt, Baucontainer mit schwerem Gerät verbarrikadiert, Maschinen erst am Morgen umgesetzt. Das alles kostet wertvolle Arbeitszeit. "Es ist täglich ein finanzieller Kraftakt", sagt Prokuristin Petra Lehmann.

An die Kunden weitergeben könne das Unternehmen die Mehraufwendungen nicht. Die Osteg lebt fast ausschließlich von öffentlichen Aufträgen. Würden die Tiefbauer in ihren Angeboten die Mehrkosten aufschlagen, kämen sie bei der Vergabe kaum noch zum Zug. "Die Leidtragenden sind die Arbeitnehmer."