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Lebenswege Der letzte Lehrling von August Horch

Edgar Friedrich hat nach dem Krieg vielen Spezialisten der Auto-Union zur Flucht in den Westen verholfen, darunter auch dem legendären Audi-Gründer August Horch.

Es klingt wie eine Mischung aus Agententhriller und historischem Drama. Eine Geschichte, die vom Drang nach Freiheit erzählt, von Mut und Beharrlichkeit, von Erfindergeist und Aufbauwillen und davon, wie eine erfolgreiche Automarke nach dem Zweiten Weltkrieg den Neustart schaffte.

Jahrzehntelang durfte Edgar Friedrich diese Geschichte nicht erzählen, heute sprudelt es nur so heraus aus dem mittlerweile 87-Jährigen. Rund 600 Spezialisten und Führungskräfte der Auto-Union hat Friedrich nach eigenen Angaben zwischen 1945 und 1947 aus der sowjetischen Besatzungszone in den Westen geschleust. Ohne ihn hätte in Ingolstadt womöglich nicht eines der deutschen Wirtschaftswunder geschehen können, aus dem sich mit Audi einer der weltweit führenden Automobilhersteller entwickelte.

Trotz seines Alters organisiert Edgar Friedrich mehrmals im Monat Busreisen, die von seiner Heimatstadt Hof aus an die Schauplätze deutscher Autogeschichte führen. Allein im Mai stehen Besuche der VW-Produktion im sächsischen Mosel, im August-Horch-Museum Zwickau sowie im Audi-Werk Ingolstadt auf dem Programm. Dann wird der langjährige Autohausbesitzer wieder seine Geschichte erzählen, die die Zuhörer in eine Zeit entführt, als an Servolenkung, Bremskraftverstärker oder Airbag noch nicht zu denken war.

Kriegsheimkehrer fügt sich dem Willen des Vaters

Damals ging es darum, das technische Know-how der vorwiegend in Sachsen beheimateten Autoindustrie für den Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft zu sichern. Denn als Siegermacht baute die Sowjetunion nicht nur Maschinen und ganze Fabriken in ihrer Besatzungszone ab, um sie nach Russland zu verfrachten, auch Fachpersonal wurde verschleppt. Und so blieb dem 22-jährigen Kriegsheimkehrer keine Zeit, sich von seinen schweren Verwundungen zu erholen. Auf ihn wartete bereits die nächste Entbehrung.

"Ich wollte nicht mehr Krieg spielen, aber mein Vater hatte von der Hauptverwaltung der Auto-Union den Auftrag, wichtige Fachleute in den Westen zu holen. Und ich sollte das erledigen“, erzählt Edgar Friedrich und deutet das gespannte Verhältnis zu seinem Vater Hans an.

Nacht für Nacht gefahrvolle Grenzgänge

Der Schmiede- und Kfz-Meister, dessen Werkstatt seit 1927 als DKW-Vertretung gelistet war, hatte von seinem Sohn erwartet, dass er ein Handwerk lernt. Stattdessen machte Edgar zunächst das Abitur und kehrte später als Soldat ohne Berufsausbildung heim. Aus Führungskreisen der Auto-Union hätten die Friedrichs eine Liste der Fahrzeugexperten und deren Verstecke bekommen. Denn die Spezialisten waren untergetaucht, viele davon im vogtländischen Auerbach, erinnert sich Edgar Friedrich an seine nächtlichen Ausflüge über die streng bewachte grüne Grenze.

Seit 1. Juli 1945 hätten russische Soldaten an der sächsisch-bayrischen Grenze patroulliert und ohne zu zögern auf jeden geschossen, der die sowjetische Besatzungszone verlassen wollte. "Zum Glück waren sie oft besoffen. Das haben wir ausgenutzt“, erzählt Friedrich, der zwei Tage später in Großzöbern den Mann traf, der in seinem Leben einen prägenden Eindruck hinterlassen sollte – Audi-Gründer August Horch. Der geniale Automobilkonstrukteur, der unter anderem die Linkslenkung in den Fahrzeugbau einführte, war als Geschäftsmann weniger erfolgreich. Als August Horch in den Westen kam, war er völlig mittellos. Sein Hab und Gut passte in den Koffer, den der damals 77-Jährige bei sich trug.

Bei Familie Friedrich fand August Horch eine erste Anlaufstelle. Selbst als er später nach Helmbrechts und Münchberg zog, wo der Autopionier 1951 verstarb, sei August Horch noch oft in die Werkstatt in der Hofer Marienstraße gekommen. "Ich stand anfangs mit weichen Knien am Schraubstock neben August Horch, aber ich konnte viel von ihm lernen“, gesteht Edgar Friedrich, der sich gern als letzter Lehrling von August Horch bezeichnet. Doch als er nach der gelungenen Flucht auf Geheiß des Vaters sein Bett für den Flüchtling räumen sollte, da ballte sich seine Faust im Hosensack. "Jahrelang hatte ich an der Ostfront im Dreck gelegen und nun sollte ich schon wieder auf dem Boden schlafen“, konnte er damals die Welt nicht mehr verstehen.

Nachdem Edgar Friedrich nach nur sieben Jahren ein sogenanntes Notabitur abgeschlossen hatte, wurde er 1941 zur Infanterie eingezogen und erlebte die Grauen des Russlandfeldzuges mit. Zweimal erkrankte der junge Soldat an Gelbsucht, durch Granatsplitter verlor er ein Auge und verletzte sich Schulter und Bein. Aber das entzündete zweite Auge konnte im Lazarett in Würzburg gerettet werden. Nach dem schweren Luftangriff am 16. März 1945, bei dem 5.000 Menschen starben und die Altstadt fast vollständig zerstört wurde, irrte der Verwundete durch die brennende Stadt. Doch nur ein Vierteljahr später riskierte Edgar Friedrich erneut Nacht für Nacht sein Leben – reichlich zwei Jahre lang, bis die sowjetische Besatzungsmacht die Grenze mit einem Holzzaun und Stacheldraht gesichert hatte.

Zwischen Wiedersberg und Gumpertsreuth

Rund 600 hochqualifizierte Mitarbeiter der Auto-Union sowie 350 Familienangehörige schleusten Edgar Friedrich und ein Netzwerk von Helfern durch die nächtlichen Wiesen und Wälder zwischen Wiedersberg, heute Ortsteil von Triebel im Vogtland, und dem fränkischen Gumpertsreuth in die Freiheit. Weitere 150 Menschen wären aus Angst, auf der Flucht erschossen zu werden, nicht mitgegangen. "35 Leute haben wir nicht mehr gefunden. Wahrscheinlich waren sie schon verschleppt worden“, vermutet Edgar Friedrich, der über Jahrzehnte hinweg nie über die spektakulären Aktionen im vogtländischen Grenzland gesprochen hat. Aus Sicherheit, denn bekanntlich reichten die Arme des russischen Geheimdienstes KGB und der Staatssicherheit bis in die Bundesrepublik.

Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs offenbarte sich Edgar Friedrich und wird seither nicht müde, seine Geschichte zu erzählen. Doch nicht jeder glaubt sie ihm. Der Horch-Biograf Jürgen Pönisch gibt zu bedenken: "Ich kenne keine Quellen, die die Aussagen von Herrn Friedrich belegen“, so der Mitarbeiter des August-Horch-Museums, der unter anderem den Briefwechsel Horchs zwischen 1941 und 1949 mit einem Jugendfreund in seiner Heimatstadt Winningen an der Mosel ausgewertet hat.

Keine Zweifel am Verdienst Edgar Friedrichs für den Erfolg von Audi hegt dagegen der langjährige Chef des VW-Konzerns Carl H. Hahn. "Sein Vater und er waren Anlaufpunkt für alle Sachsen, die bei Hof über die Grenze in die amerikanische Zone kamen. Ohne die Sachsen wäre es hoffnungslos gewesen, in Ingolstadt Autos zu bauen“, meint der 84-Jährige, dessen Vater zu den Gründern der Auto-Union gehörte und der mit seiner Familie ebenfalls nach dem Krieg Chemnitz in Richtung Westen verließ. "Edgar Friedrich war ein Angelpunkt des Kommunikations- und Schleusersystems“, sagt Carl H. Hahn.

Sein Autohaus, das Edgar Friedrich nach Abschluss eines Volkswirtschaftsstudiums gegründet hatte, hat er inzwischen an die Autowelt König verkauft. Trotzdem spaziert der rüstige Rentner fast täglich noch durch den Schauraum, auf dem Weg in das eigens für ihn eingerichtete "Horch-Zimmer“. Hier huldigt der letzte Lehrling von "Papa Horch“, wie Edgar Friedrich in den reichlich fünf Jahren des Zusammenarbeitens seinen Lehrmeister nennen durfte, dem genialen Konstrukteur und Audi-Gründer. Doch ohne den mutigen Einsatz des jungen Schleusers Edgar Friedrich wäre die Audi-Geschichte vielleicht anders verlaufen.

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