Vierschanzentournee: Mit Wadenspoiler auf Weitenjagd - Meisterstücke - deutsche handwerks zeitung

Meisterstücke - 28.12.2011

Die Firma Rass baut Schuhe für die weltbesten Skispringer

Vierschanzentournee: Mit Wadenspoiler auf Weitenjagd

Über den Jahreswechsel treffen sich alljährlich die besten Skispringer der Welt zu ihrem ersten Saisonhöhepunkt. Wer bei der 60. Vierschanzentournee den Gesamtsieg holt, darüber können selbst Experten nur spekulieren. Welche Schuhe der nächste Champion tragen wird, steht indes so gut wie fest: Es werden Skisprungstiefel des Handwerksbetriebs Rass sein. - Von Ulrich Steudel

Steudel
Drei Generationen Orthopädieschuhmacher: Volkmar Rass (li.) mit seinem Sohn Tom (re.) und Enkel Steve (22, gelernter Schuhmacher/Mitte).

In der vergangenen Saison haben bis auf eine Ausnahme alle Weltcup-Springer die Schuhe aus dem gleichnamigen Handwerksbetrieb im erzgebirgischen Schönheide getragen. "Mehr als 95 Prozent der Spitzensportler im Skispringen und in der Nordischen Kombination vertrauen auf unser Know-how", schätzt Firmeninhaber Tom Rass. Kein Wunder, denn die Sportschuhe aus Schönheide haben das Skispringen revolutioniert. Dank ihrer speziellen Konstruktion hat sich die Flugbahn der Springer grundlegend verändert. Seither gibt es deutlich weniger Unfälle. Zusammen mit der Einführung des V-Stils hat vor allem das Material die Entwicklung des Skispringens in den letzten Jahrzehnten geprägt, so Volkmar Rass.

Nordisch Kombinierter springt Spezialisten davon

Der Seniorchef war es, der 1975 mit der Erfindung des Wadenspoilers den Grundstein für den heutigen Erfolg des Familienunternehmens legte. Der neue Schuh sollte den Athleten nach besonders weiten Sprüngen helfen, bei der Landung nicht nach hinten zu fallen. Als ehemaliger Alpinskifahrer kannte Volkmar Rass das Problem und als Orthopädieschuhmachermeister wusste er, wie man mit den Schuhen den Unterschenkeln mehr Standfestigkeit geben kann. Aber der neue Schuh zeigte schon beim Absprung ganz neue Qualitäten, wie sich bei ersten Tests schnell herausstellte.

ste Rass
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André Bauer war 2005 Bundessieger im Praktischen Leistungswettbewerb.

Dafür hatte Volkmar Rass zwei Weltklasseathleten an die kleine Schanze von Oberhof eingeladen: Hans-Georg Aschenbach, damals amtierender Doppelweltmeister auf Groß- und Normalschanze, und Ulrich Wehling, der dreimal in Folge Olympiasieger in der Nordischen Kombination werden sollte. Schon im ersten Versuch sprang der nordisch Kombinierte in den neuen Skisprungstiefeln mit Wadenspoiler genauso weit wie der Spezialist, der die damals üblichen Knöchelschuhe trug. Im zweiten Versuch flog Wehling weiter als Aschenbach, später konnte er trotz verkürztem Anlauf mit den Spezialisten mithalten.

"Das war ein Quantensprung. Der neue Schuh verbesserte die Aerodynamik und erhöhte die Sicherheit", erklärt Volkmar Rass. Durch den Wadenspoiler wird der Ski angerissen, wie der Fachmann sagt, und förmlich automatisch in den richtigen Stellwinkel gebracht. Die Gefahr von hängenden Skiern, die der Gegenwind nach unten drückt und damit den Sportler zum Absturz bringt, ist weitgehend gebannt. Sogar die Schanzentische wurden im Laufe der Zeit an die veränderte Flugkurve der Springer angepasst, ihre Neigung hat sich von rund sieben Grad auf elf Grad erhöht.

Bis 1989 belieferte Rass die Spitzenspringer der DDR mit Schuhen, viermal war die kleine Privatfirma aus dem Erzgebirge offizieller Olympiaausstatter. Auch nach der Wende sorgte das Handwerksunternehmen weiter für Furore, als es zum Beispiel 1992 zusammen mit einem Partner ein Schuhbindungssystem vorstellte und damit einen weiteren Meilenstein im Skispringen setzte.

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Jörg Ziemer verbindet den Schaft mit der Sohle.

Die Entwicklung der Skisprungstiefel ist nie stehen geblieben. "Man muss sich das wie bei der Formel 1 vorstellen. Jedes Jahr gibt es kleine bauliche Veränderungen", sagt Tom Rass, der früher selbst Skispringer war und natürlich immer die neuesten Prototypen aus des Vaters Werkstatt ausprobieren musste. Eine Karriere als Leistungssportler, wie sie etwa Jens Weißflog aus dem nahen Pöhla einschlug, blieb ihm allerdings verwehrt. Tom Rass sollte lieber in die Fußstapfen des Vaters treten und in die heimische Firma einsteigen.

Gäbe es freilich für die Ausrüster der weltbesten Skispringer ebenfalls Medaillen, wären Volkmar und Tom Rass vielfach mit Gold dekoriert. Ob Jens Weißflog, Kazuyoshi Funaki, Simon Ammann oder Thomas Morgenstern – alle Olympiasieger auf der Großschanze seit 1994 flogen mit Rass-Stiefeln an den Füßen zu ihren größten Erfolgen.

Mit neuen Schuhen vom Außenseiter zum Siegspringer

Besonders auffällig war der Leistungssprung bei Simon Ammann, als er bei den Olympischen Winterspielen von Lake Placid 2002 mit seinem Doppelsieg die Fachwelt überraschte. Bis dato im Weltcup kaum in Erscheinung getreten, gewann der Außenseiter sowohl das Springen von der Normalschanze als auch von der Großschanze. "Mit dem neuen Schuh kam die Wende", diktierte der strahlende Olympiasieger damals einem Journalisten in den Block. Als Ammann acht Jahre später in Vancouver das Husarenstück eines doppelten Olympiasieges wiederholte, trug er erneut andere Schuhe als seine Kontrahenten. "Simi hat bei der Entwicklung des Schuhs selbst mitgewirkt. Das hat sich ausgezahlt", sagt Tom Rass.

Fast alle der internationalen Spitzenathleten bekommen Maßanfertigungen. Wenn die Nationalmannschaften ihre Sommertrainingslager abhalten, ist Tom Rass ein gern gesehener Stammgast. Schließlich schwören Springer aller Teams auf Schuhe, made in Schönheide. Und wer so nah dran ist am Skispringen, hat sicher schon seine Favoriten für die 60. Auflage der legendären Vierschanzentournee vom 30. Dezember bis 6. Januar ausgemacht. Schlier­enz­auer, Kofler, Morgenstern – im Erzgebirge glaubt man an die Vormachtstellung der Österreicher. "Aber man sollte auch unsere deutschen Talente Richard Freitag und Severin Freund nicht unterschätzen. Zusammen mit Kamil Stoch aus Polen könnten sie den österreichischen Favoriten ein Schnippchen schlagen", gibt Tom Rass noch einen Tipp.

 
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