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Bezahlautomaten Lebensmittelhygiene: Schmutziges Bargeld

Immer wieder erschüttern Hygieneskandale das Vertrauen der Verbraucher. Auch beim Bäcker oder Metzger liegt der Verdacht schnell nahe, dass unsauber gearbeitet wird, wenn Mitarbeiter mit den bloßen Händen Lebensmittel und Geld anfassen. Einige Betriebe setzen deshalb auf Bezahlautomaten. Berichte aus der Praxis.

Bezahlen beim Bäcker
Obwohl das Bezahlen mit Bargeld beim Bäcker nicht unbedingt so unhygienisch ist, setzen immer mehr Betriebe im Lebensmittelhandwerk auf Bezahlautomaten. -

Hinter der Verkaufstheke von Bäckermeister Anton Zoll in der Filiale direkt am Marktplatz in Biberach liegen weder Gummihandschuhe bereit noch müssen die Mitarbeiter sich ständig die Hände waschen, wenn sie Brot, Brötchen und süße Teilchen in Tüten packen. Sie könnten das mit bloßen Händen erledigen, denn diese haben weder Münzen noch Geldscheine berührt. Doch meist verwenden sie Zangen, wenn sie nach den Waren greifen.

Bargeld gilt als schmutzig, unzählige Keime können sich darauf ansiedeln und so auch Krankheiten übertragen. In Betrieben der Lebensmittelbranche gilt deshalb eine strikte Trennung zwischen dem Handtieren mit Gebäck und dem Bezahlvorgang, bei dem fast immer Bargeld angefasst werden muss. Meist organisieren die Betriebe das damit, dass Mitarbeiter Handschuhe tragen, wenn sie die Backwaren anfassen oder andere Hilfsmittel benutzen. Doch auch das hat Nachteile und verzögert den Vorgang.

Eine Variante, die immer mehr Betriebe aus dem Lebensmittehandwerk nutzen, sind Bezahlautomaten. So können sie ihren Kunden direkt beim Einkauf zeigen, wie wichtig Sauberkeit und Hygiene sind. Doch welche Vorteile bietet diese Trennung von Waren und Bargeld wirklich?

Bezahlautomat: kein Falschgeld und keine Kassendifferenz

Bezahlautomat

Beim oberschwäbischen Bäcker Zoll ist der Automat direkt in die Verkaufstheke integriert. Da im vergangenen Jahr sowieso ein kompletter Umbau des Ladens anstand, konnte der Handwerksmeister den Einbau mit einplanen und ein zusätzlicher Aufwand war nicht nötig. "Ich habe den Bezahlautomat auf der Iba in München gesehen und wollte ausprobieren, welche Vorteile er bietet", erzählt Anton Zoll, der nach einigen Startschwierigkeiten heute von dem Konzept überzeugt ist.

Startschwierigkeiten deshalb, weil sich alle Mitarbeiter erst einmal an den Umgang mit dem Automaten gewöhnen mussten. So kann es bei der Variante, für die sich Zoll entschieden hat, passieren, dass der nötige Vorrat an Kleingeld im Automat zu stark sinkt und der Automat plötzlich alles blockiert. Das geschieht beispielsweise, wenn viele Kunden mit großen Scheinen bezahlen und die Mitarbeiter kein Auge auf den Kleingeldbestand haben. Doch nach ein wenig Übung klappt das jetzt problemlos. Den Automaten hat Zoll seit Dezember 2015 im Einsatz.

Bei Bäcker Zoll funktioniert die Automatenlösung ganz einfach, indem der Kunde das Geld statt es der Verkäuferin zu geben in die Maschine steckt. Diese gibt dann das passende Rückgeld. Doch es gibt auch Lösungen, bei denen der Kunde einen Kassenbon erhält, den er dann am Automaten einscannen muss und dann erst die Bezahldaten bekommt. Gezahlt werden kann dann bar oder per Karte. Weitere Vorteile der Automaten: Sie wechseln passend, lehnen Falschgeld ab und schützen so zuverlässig vor Kassendifferenzen und Diebstahl. 

Zeitersparnis, die den Kunden zugute kommt

Bezahlautomat beim Metzger

"Wir sind von unserem Gerät überzeugt – und mittlerweile die meisten unserer Kunden auch", sagt Metzgermeister Thomas Jais, der vor rund vier Jahren seine Filiale in Olching mit einem Bezahlautomaten ausgestattet hat. Aus Jais Sicht das entscheidende Argument für diese Techniklösung: Bedienen und Kassieren ganz klar trennen zu können.

So argumentiert auch Bäckermeister Florian Fickenscher aus Münchberg. Seine Verkaufsstelle – in der Vorkassenzone einer Kaufland-Filiale – gleich mit einem Bezahlautomaten eröffnet worden. "Das Gerät nimmt unseren Verkäuferinnen nicht nur viel Arbeit ab und spart somit kostbare Zeit, die den Kunden zugutekommt. Es erleichtert und fördert auch die Lebensmittelhygiene", sagt der Juniorchef.

Weiterhin einen guten Kundenkontakt zu pflegen – trotz Bezahlmaschine – war Anton Zoll immer wichtig, als er sich dafür entschied, in seiner Filiale mit der höchsten Kundenfrequenz das direkte Kassieren abzuschaffen. "Während der Kunde das Geld in den Automaten wirft, packen wir die Waren ein und versuchen dann immer noch ein abschließendes Wort zu wechseln", sagt der Bäckermeister und fügt hinzu: "Wir sind und bleiben ein Handwerksbäcker und als solcher wollen wir auch wahrgenommen werden."

Zoll war selbst ein wenig überrascht, dass der Bezahlautomat auch von älteren Kunden sehr gut und vor allem interessiert angenommen wurde. Mittlerweile haben sich die meisten Biberacher daran gewöhnt, dass beim Bäcker am Marktplatz kein Bargeld mehr direkt an die Verkäuferinnen geht. "Manche nutzen unseren Automat sogar zum Geldwechseln bzw. leeren das viele Kleingeld, das sich mit der Zeit in der Geldbörse ansammelt, gerne hinein, bekommen Backwaren und dann als Restgeld meist eine bessere Stückelung zurück", sagt Zoll lachend. Es gab allerdings auch den ein oder anderen kritischen Kunden. Anton Zoll sieht das locker: "Wer Pionierarbeit leistet, hat es nicht immer sofort leicht damit."

Einmalhandschuhe: nicht zwingend hygienisch

Der oberschwäbische Bäckermeister hatte bei der Installation des Bezahlautomaten aber nicht nur die Kunden im Sinn, sondern auch seine Mitarbeiter. Denn das ständige Tragen von Einmalhandschuhen ist nicht gerade angenehm und gesund für die Haut. Zudem ist es mitnichten grundsätzlich von hygienischem Vorteil. Eine Erkenntnis, die eine Studie des Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) belegt.

Es sei denn, die Handschuhe werden nur einmalig und weniger als fünf Minuten getragen oder einer frischen Packung entnommen. Das dürfte allerdings kaum praktikabel sein in einem Betrieb mit mehreren hundert Kunden täglich.

Bezahlautomat beim Bäcker

Ein weiteres Fazit der Untersuchung lautet übrigens, dass das Berühren von Geld "rein objektiv betrachtet, kein ganz großes Risiko darstellt", räumt Wolfgang Lutz vom Deutschen Fleischer-Verband ein. Was trotzdem für den Automateneinsatz spricht: "Rein subjektiv, vor allem aus Kundensicht, wirkt der gleichzeitige Umgang mit Lebensmitteln und Münzen oder Scheinen eben nicht sehr hygienisch", sagt Lutz. Überhaupt sei das Greifen nach Lebensmitteln mit der bloßen Hand schon lange nicht mehr zeitgemäß, ergänzt er.

Alternativ sollte ein Mitarbeiter zum Kassieren abgestellt oder Hilfsmittel wie Zangen, Gabeln, Papier und Folien verwendet werden, um den direkten Hautkontakt mit Waren zu vermeiden. Eine Strategie, die man am besten konsequent trainiert, empfiehlt die Berufsgenossenschaft Handel und Warendistribution (BGHW) gemeinsam mit der Fleischerei-Berufsgenossenschaft (FBG).

Hygiene muss trainiert werden 

Speziell bei den Fleischern ein wesentlicher Hygieneschutz: der Einsatz verschiedener (und unterscheidbarer!) Schneidebretter und Messer für Fleisch, Geflügel und Aufschnitt. Für Jais eine Selbstverständlichkeit. So werden in seinem Betrieb die Bretter mehrmals täglich im Geschirrspüler bei hoher Temperatur gereinigt und abends in einen speziellen Reiniger eingelegt. Ebenso selbstverständlich sind die Reinigungsberichte bzw. -checklisten, jeweils auf verschiedene Betriebsbereiche und Maschinen zugeschnitten, die von den Mitarbeitern nach getaner Arbeit quittiert werden müssen.

Diese Berichte definieren nicht nur, was wie gereinigt wird, sondern auch in welchen Intervallen. Die Staffelung reicht von täglich über wöchentlich und monatlich bis ’bei sichtbarer Verschmutzung’.

Ähnlich verfährt Fickenscher. Vertrauen ist gut, Kontrolle muss sein – zumindest in Stichproben. "Um Mitarbeiter für Hygienerichtlinien zu sensibilisieren, müssen sie nachvollzogen und verstanden werden, bevor sie trainiert und schließlich verinnerlicht werden können", ist der Bäckermeister überzeugt. Deshalb wird einmal jährlich eine Rundumschulung angesetzt.

Ähnlich bei den anderen Betrieben: Die wesentlichen Handlungsanleitungen für einen möglichst hohen Hygienestandard können jederzeit nachgelesen werden – auf dem Aushang. Unter anderem festgehalten ist die Handhygiene, zum Beispiel wann waschen reicht und wann desinfiziert werden muss. Zudem wird darauf hingewiesen, dass kein Fingerschmuck getragen werden darf, nicht einmal Eheringe. Außerdem sollen Hände nach dem Waschen bzw. Desinfizieren – "Letzteres ganz klar nach jedem WC-Gang oder nach dem Leeren von Mülleimern" – nur mit Einmaltüchern abgetrocknet werden.

Krankheitserreger sind überall 

In der Tat sollte das gründliche Händewaschen nicht unterschätzt werden, führen Hygieneexperten immer wieder ins Feld. Immerhin werden rund 80 Prozent der Infektionskrankheiten über die Hände übertragen. Gründliches Waschen entfernt neben grobem Schmutz auch die zahlreichen Mikroorganismen auf der Hautoberfläche – sogar Krankheitserreger wie Grippe- oder Durchfallviren.

Bezahlautomat beim Metzger

Obwohl eine sehr einfache Maßnahme, werde das Waschen oft vernachlässigt. Außerdem sei es weitaus hautschonender, als Einmalhandschuhe zu tragen. Denn abgesehen davon, dass Handschuhe nicht vor Kontaminationen schützen, kann langes Benutzen zu Hautkrankheiten führen, warnen Dermatologen: Feuchtigkeit staut sich, weil die Haut schwitzt. Das lässt sie austrocknen und greift ihre natürliche Schutzschicht an; Bakterien und andere Erreger können eindringen.

"Wir haben nur relativ kurz mit Handschuhen experimentiert, nicht zuletzt weil sie bei unseren Kunden gar nicht gut ankamen", berichtet Fickenscher. Ganz im Gegenteil zum Bezahlautomaten. Auch bei ihm waren es erstaunlicherweise vor allem ältere Menschen, speziell solche mit Sehproblemen, die ihre Berührungsängste schnell abgelegt haben. Diese Klientel empfindet es als sehr komfortabel, ohne umständliches Suchen und Abzählen Münzen einwerfen zu können und verlässlich das passende Wechselgeld zu erhalten.

Anton Zoll hat sich mittlerweile wieder auf einer Bäckermesse über die neueste Bezahlautomatentechnik informiert und seinem Exemplar ein Software-Update verpasst. Nun laufe alles noch schneller und auch ein sogenannter Nullbon sei möglich, wenn wirklich mal jemand nur Geld für die Parkuhr wechseln will – auch das ist Service. Obwohl Zoll so gute Erfahrungen mit dem Automaten gemacht hat, bleibt er allerdings erst einmal bei dem einen und rüstet nicht in seinen anderen Filialen nach. Der Grund: der doch relativ hohe Preis. "Das lohnt sich nur dort, wo sehr viele Kunden am Tag einkaufen und dann, wenn man den Verkaufsbereich sowieso neu gestaltet", sagt der Bäckermeister.

Hygieneleitfaden: Was im Betriebsalltag zu beachten ist

  • Achtung: 80 Prozent aller Infektionen werden über die Hände übertragen; deshalb Hände immer gründlich waschen, abtrocknen mit Einmaltüchern
  • Handdesinfektion: Auf jeden Fall nach jedem WC-Gang und nach dem Leeren von Abfalleimern
  • Ablegen von Fingerschmuck
  • Möglichst nicht mit bloßen oder behandschuhten Händen, sondern mit Hilfsmitteln wie Zangen, Gabeln, Papier und Folien nach Waren greifen
  • Separate und unterscheidbare Schneidebretter und Messer für Fleisch, Wurst und Geflügel
  • Mehrmals täglich Schneidebretter und Messer reinigen, die Bretter am besten maschinell bei ausreichend hoher Temperatur
  • Aushang von Handlungsanleitungen
  • Erarbeitung von Reinigungschecklisten, die sämtliche Betriebsbereiche – sinnvoll unterteilt – abdecken
  • Genaue Definition von Intervallen
  • Klare Zuständigkeiten, Reinigung nach getaner Arbeit mit Unterschrift quittieren lassen
  • Regelmäßige Hygieneschulungen und Trainings: Um Mitarbeiter für Hygienerichtlinien zu sensibilisieren, müssen sie nachvollzogen und verstanden werden

Bei Fragen rund um das Thema Lebensmittelhygiene helfen gern die Berufsgenossenschaften weiter. Zum Beispiel hat die Fleischerei-Berufsgenossenschaft (FBG) in Abstimmung mit der BGE ein Empfehlungspapier für ihre Mitgliedsbetriebe erarbeitet. Als weiterer Ansprechpartner empfiehlt sich das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

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