Zigtausend Lehrstellen bleiben unbesetzt, zugleich sind zahlreiche Jugendliche noch ohne Ausbildungsplatz. In Nachvermittlungsaktionen wird derzeit versucht, schwächere Jugendliche in eine Ausbildung zu holen.
Mirabell Schmidt

Wer suchet, der findet, heißt es. Doch dass diese Aussage nicht immer zutrifft, beweist ein Blick auf die Ausbildungsmarktbilanz, die die Partner des Ausbildungspaktes und die Bundesagentur für Arbeit Ende Oktober vorgestellt haben. Wieder bleiben tausende Lehrstellen unbesetzt – im Handwerk, aber auch in anderen Wirtschaftsbereichen. Ende September gab es ähnlich wie im Vorjahr 33.500 freie Ausbildungsplätze. Dennoch blieben erneut viele Jugendliche ohne Lehrstelle: Rund 21.000 Bewerber waren bei der Suche erfolglos – 5.400 mehr als 2012.
Wie in den vergangenen sechs Jahren gibt es also mehr freie Ausbildungsplätze als Suchende. "Es ist schwieriger geworden, Bewerber und Ausbildungsstellen zusammenzubringen", sagt Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit.
Weniger Ausbildungsplätze als 2012
Hauptgrund für diese Diskrepanz ist, "dass die Berufswünsche der Jugendlichen oder ihre Qualifikation nicht zu den angebotenen Lehrstellen passen", erläutert Becker. Dies würde verstärkt durch die zunehmende Neigung der Abiturienten zu studieren.
Insgesamt wurden der Arbeitsagentur 504.500 Ausbildungsstellen von Oktober 2012 bis Ende September 2013 gemeldet. Das sind 2,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Rückgang bei der betrieblichen Ausbildung (–1,3 Prozent) fiel dabei deutlich geringer aus als bei den meist staatlich geförderten außerbetrieblichen Ausbildungen (–16,1 Prozent). Die Zahl der Bewerber für eine Lehrstelle ist mit 561.200 unter anderem wegen doppelter Abitur-Jahrgänge in einigen Bundesländern nahezu konstant geblieben.
Im Handwerk fanden im laufenden Ausbildungsjahr 130.600 Betriebe und Lehrlinge zusammen – ein Minus von fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Doch zum 31. August waren im Handwerk noch 17.000 Lehrstellen zu besetzen – 2.000 mehr als 2012. In Industrie und Handel wurden ebenfalls weniger Ausbildungsverträge geschlossen als im vergangenen Jahr (minus 4,1 Prozent), genauso in den freien Berufen (minus 0,9 Prozent).
Chancen für schwächere Jugendliche steigen
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) führt den Rückgang der Bewerberzahlen im Handwerk vor allem auf die demografische Entwicklung zurück, die gerade kleine Betriebe treffe. Denn die Bereitschaft auszubilden sei trotz starker Konkurrenz nach wie vor hoch. "Die Betriebe nehmen den Wettbewerb mit bekannten und finanzstarken Großunternehmen an und werben gerade auch im ländlichen Raum engagiert um Nachwuchs", so ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke.
Für dieses Ausbildungsjahr laufen bis in den Spätherbst hinein Nachvermittlungsaktionen. Die Betriebe zeigen sich angesichts der vielen freien Lehrstellen jedoch zunehmend auch für schwächere Jugendliche offen. Obwohl die seit einigen Jahren bestehenden Angebote zur Einstiegsqualifizierung laut ZDH funktionieren, werden daher in diesem Rahmen immer weniger Verträge geschlossen.
Im vergangenen Jahr waren es im Handwerk 6.552 – ein Rückgang um 31 Prozent im Vergleich zu 2008. Nach Einschätzung des Handwerksverbands wird diese Zahl im aktuellen Ausbildungsjahr auf keinen Fall steigen.
Angesichts der demographischen Entwicklung werden künftig immer weniger Jugendliche als Lehrlinge zur Verfügung stehen. Betriebe müssen daher das vorhandene Potenzial ausschöpfen. "Ausbildungsbetriebe und Jugendliche werden ihre Kompromissbereitschaft weiter erhöhen müssen, damit sie zueinander finden", sagt BA-Vorstand Becker. Auch eine verstärkte Förderung von Jugendlichen aus Zuwandererfamilien sei wichtig. "Letztendlich müssen wir aber die Jugendlichen mehr und mehr dafür gewinnen, auch den Beruf neben dem Traumberuf in Erwägung zu ziehen."