Die DAK schreibt seit Anfang des Jahres die Versorgung mit Rollstühlen aus. Orthopädietechniker beklagen Umsatz- und Qualitätsverluste.
Frank Muck

Gerhard Marx wehrt sich vehement gegen Ausschreibungen von Hilfsmitteln in der Orthopädietechnik. Der Orthopädietechnikermeister aus Hanau muss hohe Umsatzverluste verkraften, seit die Krankenkasse DAK die Versorgung mit Rollstühlen, Toilettenstühlen und Leichtgewichtsrollstühlen nur noch an einen einzigen Anbieter ausschreibt.
Die Krankenkasse orientiert sich am Preis
Zum 1. Januar 2015 ist diese neue Ausschreibungspraxis bei der Hilfsmittelversorgung in Kraft getreten. Die DAK orientiert sich dabei ganz unverhohlen an den niedrigsten Preisen – nicht an der Qualität. Der Vorstandsvorsitzende der DAK Gesundheit, Herbert Rebscher, sagt, die Krankenkasse könne angesichts sinkender Mitgliederzahlen und damit einer Überalterung der Mitgliederstruktur nicht mit Qualität punkten, sondern nur noch über den Preis.
Für Marx heißt das, dass er Patienten von der DAK ablehnen muss, zumindest wenn es um die Versorgung mit Rollstühlen geht. Doch gerade diese so genannten Frequenzartikel hätten den größten Umsatz-Anteil mit der DAK ausgemacht. Rund 80 Prozent des DAK-Umsatzes seien somit weggefallen.
Vom Markt bleibt nichts
Und der kommt so schnell nicht wieder. Denn während Bauunternehmen sich fortlaufend neu auf die Umsetzung von Bauvorhaben bewerben könnten, werde die Versorgung mit Hilfsmitteln natürlich längerfristig festgeschrieben. "Als kleine Firma bleibt uns gar nichts von dem Markt, wenn ich die Ausschreibung nicht gewinne", sagt Marx.
Nebenbei wird der Patient natürlich auch seiner Wahlfreiheit beraubt. DAK-Patienten können ihre teils jahrzehntelange vertrauensvolle Versorgung durch Gerhard Marx nicht fortführen. Sie müssen sich vom Ausschreibungsgewinner versorgen lassen, egal ob die Qalität passt.
Der Ausschreibungsgewinner ist dann nämlich für das ganze Bundesland, in diesem Fall Hessen, zuständig. Was wiederum einer ortsnahen Versorgung der Patienten zuwiderläuft. Darin liegt laut Marx das zweite große Problem. Die Versorgung leidet nach Erkenntnissen des Bundesinnungsverbands der Orthopädie-Technik (BIV-OT) darunter, dass sie zum Beispiel länger auf sich warten lasse, etwa bei der Nachsorge nach der Entlassung aus dem Krankenhaus.
Studie zeigt Qualitätsverluste
Dass die Qualität leidet, ist durch eine Studie der AOK Hessen belegt. Die Studie zur Versorgung von Inkontinenz-Patienten hatte ergeben, dass über 80 Prozent der Versicherten nicht rechtzeitig und damit nicht vertragskonform versorgt wurden. Ebenso berichtet der BIV-OT von offensichtlich fehlerhafter Versorgung mit beispielsweise falschen oder falsch eingestellten Hilfsmitteln.
Bei 75 Prozent der untersuchten Fälle wurde laut der Studie nicht von qualifiziertem Fachpersonal ermittelt, was die Patienten wirklich brauchen.
Den Patienten kommen die geringeren Preise bei der Versorgung übrigens nicht zugute. Im Gegenteil: Laut Gerhard Marx müssten sie jetzt Zuzahlungen übernehmen, damit der Lieferant überhaupt auf seine Kosten kommt.
Die Branche hofft auf Intervention der Politik
Andere Krankenkassen sind derzeit noch sehr zurückhaltend bei Ausschreibungen. Gerhard Marx hofft jetzt auf eine Intervention der Politik. Die Bundesinnung ist im Moment im Gespräch mit dem Bundesgesundheitsministerium. "Die Gesetzgebung muss hier den Krankenkassen klare Grenzen setzen. Es kann nicht sein, dass allein der Preis bestimmt", sagt Klaus-Jürgen Lotz, Präsident des BIV-OT.
Eine von Marx initiierte Online-Petition mit mehr als 57.000 Unterschriften soll die Politik zum Handeln ermutigen. Nach der Sommerpause im August wird die Petition dem Gesundheitsministerium übergeben.