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Digitalisierung in der Ausbildung Ausbildung 4.0: Motivierte Azubis per Knopfdruck

Digitale Medien gehören für Jugendliche zum Alltag. Smartphone und Tablet haben Fernseher und Radio abgelöst, Tageslichtprojektoren werden als Retrobeamer verlacht. Trotzdem wird der Großteil der Berufsausbildung mit alten Medien bestritten. Dadurch geht viel Potenzial verloren. Es gibt aber auch andere Beispiele.

Als Mike Hermsdorf vor zwölf Jahren die Geschäftsführung der Freitaler Modellwerkstätten übernahm, setzte er noch in seiner ersten Arbeitswoche einen technischen Umsturz in Gang. Er beschaffte Rechner mit CAD- und CAM-Programmen (computer-aided design und computer-aided manufacturing) und eine CNC-Maschine. "Ohne die digitale Technik würde der Betrieb so nicht mehr existieren“, ist der Meister im Modellbauerhandwerk und Betriebswirt heute überzeugt. Über 90 Prozent der Aufträge bewältigen die 23 Mitarbeiter der ehemaligen Produktionsgenossenschaft des Handwerks mittels digitaler Technik. Auch für die Azubis sind digitale Medien unverzichtbar.

Damit ist Hermsdorf ein Vorreiter. Die Bertelsmann Stiftung und das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) haben in unterschiedlichen Studien herausgefunden, dass die digitalen Möglichkeiten in der Ausbildung kaum genutzt werden – und wenn, dann inkonsequent. Pdf-Dateien zum Beispiel werden heruntergeladen, aber ausgedruckt und im Papierordner zur Einsicht abgeheftet.

Gruppenarbeit in der Ausbildung per Social Media

"Dabei könnten die Medien ganz anderes leisten“, sagt Lutz Goertz vom mmb Institut für Medien- und Kompetenzforschung, das die Studie für die Bertelsmann Stiftung erstellt hat. "Azubis könnten eine Arbeitsgruppe bilden und sich selbstständig per Social Media abstimmen.“ Selbst verschiedene Standorte wären kein Hindernis, auch nicht, wenn keine ganzen Berufsschulklassen mehr zustandekommen. "Dann bündelt man die Azubis einmal im Jahr für den Blockunterricht, der Rest findet virtuell statt.“

Auch in der Nachwuchswerbung wäre das Argument "bei uns lernt ihr mit digitalen Techniken“ ein starkes Zugpferd, glaubt Goertz. Webinare, Internetrecherchen oder Apps erweiterten die Möglichkeiten der Ausbildung und würden die Jugendlichen auf einer Ebene abholen, auf der sie sich in ihrem Privatleben ganz selbstverständlich bewegen. Gerade jüngere, männliche Auszubildende mit niedrigem Schulabschluss ließen sich durch digitales Lernen gut motivieren, zeigen Befragungen.

Bisher allerdings hakt die Digitalisierung in der Ausbildung aus verschiedenen Gründen:

  • Berufsschullehrer und Ausbilder in den Betrieben müssen sich das Wissen um digitale Medien selbst aneignen. Dazu fehlt ihnen regelmäßig die Zeit und oft genug auch die technische Ausstattung.
  • In vielen Handwerksunternehmen gibt es nur im Chefbüro einen Rechner, mobile Endgeräte, die die Azubis nutzen dürfen, fehlen.
  • Viele versuchen, dem durch BYOD zu begegnen. Das steht für „bring your own device“, also die Möglichkeit, private Geräte in der Schule oder im Betrieb zu nutzen. Dies birgt aber die Gefahr der Ablenkung, denn auf dem privaten Smartphone oder Tablet kommen auch private Nachrichten an.
  • Berufsschulen und Betriebe tauschen sich kaum aus, weder direkt noch digital. Dabei gäbe es ein Tool, um das Berichtsheft online zu führen, was gleichzeitig als Kommunikationsplattform zwischen Schule und Ausbildungsbetrieb dient.

Zu viele verschiedene Programme

Ein weiteres Hindernis liegt in der Vielzahl der branchenspezifischen Programme. Hermsdorfs Azubis nutzen in der Berufsschule ein anderes Programm als er in seinem Betrieb. Weil für die Prüfungen das Berufsschulprogramm zählt, wartet Hermsdorf die Gesellenprüfung und Übernahme seiner Azubis ab, bevor sie im Betrieb in größere Tiefen der virtuellen Konstruktion einsteigen. Hermsdorf bedauert das nur halb: "„Sie müssen ohnehin erst den Beruf erlernen. Für die Konstruktion braucht man viel Erfahrung. Man muss wissen, wie man Bauteile von Hand herausarbeitet, bevor man am Computer konstruiert.“

Das handwerkliche Wissen ist unverzichtbare Voraussetzung, um digitale Techniken sinnvoll nutzen zu können – und ihre Grenzen zu erkennen. In diesem Punkt habe die Jugend Älteren viel voraus, beobachtet Goertz. Sie erkenne blitzschnell, wann digitale und wann analoge Techniken von Vorteil sind. Allerdings müsse der Chef sehr genau darauf achten, dass die Azubis auch rechtliche und ethische Grundlagen berücksichtigen, beispielsweise nicht einfach Fotos von fremden Quellen nutzen. "Der Chef muss nicht selber alles können, aber er muss wissen und vermitteln, was im virtuellen Raum erlaubt ist und was nicht“, warnt Goertz.

Berufsbildung 4.0 umsetzen

"Digitale Medien in der beruflichen Bildung“ heißt ein Programm des Bundesinstituts für berufliche Bildung (BIBB), mit dem Ausbilder fit für die Berufsbildung 4.0 gemacht werden sollen. Infos und Termine für die Roadshow mit Anwenderworkshops hier.

Ein Webinar des BIBB zur Digitalisierung der Arbeitswelt ist bereits ausgebucht, umfangreiche Informationen finden sich aber hier.

Der Bundesverband Metallhandwerk schult unter dem Titel "Fit for Digital Media“ mit dem mmb Institut für Medien- und Kompetenzforschung (nicht nur) Metallhandwerker in medienpädagogischem und -technischem Fachwissen, um sie für die Ausbildung mit modernen Medien zu qualifizieren. Termine und Infos hier.

Das Bundeswirtschaftsministerum kündigt in seiner Broschüre "Digitale Bildung“ für Anfang 2017 ein Pilotprojekt mit dem Elektrohandwerk an. Digitale Ausbildungsinhalte bei "Smart Home“, "Smart Grid“ und "Möglichkeiten der Fernwartung“ sollen mit modernen Lernmethoden an Auszubildende im dritten Lehrjahr vermittelt werden. Nach der Probephase soll das Projekt auf andere Gewerke übertragen und Inhalte in die dualen Ausbildungsordnungen aufgenommen werden. bst

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