Ihre Heimat hat sie vor sechseinhalb Jahrzehnten verloren, ihr Lebenswerk aber scheint nun doch gerettet: Trotz vehementen Widerstands aus Tschechien darf die Familie der Sudetendeutschen Marlene Wetzel-Hackspacher wohl auch weiterhin ihre Waffelspezialität unter den Namen "Karlsbader Oblaten" verkaufen.
"Zweite Vertreibung" abgewendet
München/Prag (dapd). Ihre Heimat hat sie vor sechseinhalb Jahrzehnten verloren, ihr Lebenswerk aber scheint nun doch gerettet: Trotz vehementen Widerstands aus Tschechien darf die Familie der Sudetendeutschen Marlene Wetzel-Hackspacher wohl auch weiterhin ihre Waffelspezialität unter den Namen "Karlsbader Oblaten" verkaufen. Nach jahrelangem deutsch-tschechischem Streit über einen EU-Schutz für die Bezeichnung zeichnet sich in Brüssel ein Teilerfolg für die Bundesrepublik ab - in einem Konflikt, in dem es nicht nur um Geld und Marktanteile, sondern in hohem Maße auch um Politik geht.
Seit Marlene Wetzel-Hackspacher denken kann, backt und verkauft ihre Familie "Karlsbader Oblaten" - einst im Kurort Marienbad, seit mehreren Jahrzehnten im schwäbischen Dillingen. Bei ihrer Vertreibung hatte sie in einem Kinderwagen heimlich ein Original-Waffeleisen nach Deutschland geschmuggelt. Die Geschäfte führt mittlerweile ihr Sohn Hans Hackspacher, doch die bald 89-Jährige mischt immer noch mit.
Als tschechische Hersteller kurz nach dem EU-Beitritt ihres Landes 2004 beantragten, dass nur noch Waffeln aus Karlsbad (Karlovy Vary) den Namen "Karlsbader Oblaten" tragen dürfen, fürchteten Wetzel-Hackspacher und ihr Sohn um die Zukunft ihrer Firma. "Man hat mir schon die Heimat weggenommen, wenn man mir auch das Lebenswerk genommen hätte, hätte es mir das Herz gebrochen", sagt sie. Und ihr Sohn fügt hinzu, für seine Mutter wäre dies eine "zweite Vertreibung" gewesen.
Vergangene Woche befasste sich in Brüssel der Ständige Ausschuss für geschützte geografische Angaben mit der Bezeichnung. Gegen die Stimmen Deutschlands und Österreichs votierten die meisten EU-Mitgliedsstaaten für einen Kompromiss, der zwar den Schutz der tschechischen Bezeichnung "Karlovarské oplatky" als geografische Angabe vorsieht, für die Wetzel Oblaten- und Waffelfabrik aber mehr als nur ein Teilerfolg ist.
Wie eine Sprecherin der Regionalvertretung der EU-Kommission in München erläutert, wird in der noch ausstehenden Entscheidung den deutschen und österreichischen Herstellern eine fünfjährige Frist eingeräumt, in der sie die deutsche Bezeichnung "Karlsbader Oblaten" weiter verwenden dürfen. Darüber hinaus könnten Hersteller, die die deutsche Bezeichnung markenrechtlich geschützt haben, diese unabhängig von der Übergangsfrist weiter auf ihre Oblaten-Packungen drucken. Und die Firma Wetzel verfügt über diesen Markenschutz.
Zudem können die Hersteller der Sprecherin zufolge auch noch prüfen lassen, ob es sich bei "Karlsbader Oblaten" um eine Gattungsbezeichnung handelt. Diese dürfte ebenfalls weiter verwendet werden.
Wetzel-Hackspacher ist erleichtert: "Das ist für mich der glücklichste Tag seit langem." Mehrfach greift sie am Montagvormittag zum Telefon, um Bekannten die freudige Nachricht zu verkünden.
Jubel kommt aber auch aus Prag: Das tschechische Agrarministerium schwärmte von einem "Erfolg" für die Republik. Der EU-Schutz der Karlsbader Oblaten werde vor "Missbrauch" schützen und auch bei der Eroberung ausländischer Märkte helfen.
Der Europaabgeordnete Jan Brezina frohlockte, die EU-Entscheidung sei eine "Ode auf die tschechische Lebensmitteltradition". Der Verbraucher werde künftig Gewissheit haben, dass sich hinter der Bezeichnung "Karlsbader Oblaten" keine Nachahmung verberge. Auch die Medien stimmten mit ein - mit Schlagzeilen wie: "Karlsbader Oblaten gehören Tschechien, nicht Deutschland oder Österreich" oder "Die Karlsbader Oblaten nehmen sie uns nicht!"
Der oberste Repräsentant der Sudetendeutschen, der CSU-Europapolitiker Bernd Posselt, beklagt, dieses "Triumphgeheul" in Prag sei "wirklich erschütternd": "Da versuchen schon gewisse Kreise, das Thema nationalistisch zu missbrauchen." Er habe in der Auseinandersetzung vergeblich dafür plädiert, den Fall für ein "gemeinsames Friedenszeichen" zu nutzen.
Hackspacher versichert, er könne nur milde lächeln. "Unsere Firma macht schon seit 1921 Oblaten." Die tschechischen Antragsteller gebe es erst seit Mitte der 90er Jahre. "Wer ist da der Nachahmer?"
Die Verpackungen der Wetzel-Oblaten werden sich nun jedenfalls verändern. Angesichts der unklaren Lage ließ Hackspacher den Schriftzug "Karlsbader Oblaten" zuletzt immer kleiner auf die Pappe drucken. "Jetzt drucken wir das auch wieder ganz groß drauf."
dapd
