DIW-Chef Klaus F. Zimmermann sieht eine Lösung für den drohenden Fachkräftemangel in der Zuwanderung. Im DHZ-Interview fordert Zimmermann die Politik aber auch auf, das deutsche Bildungssystem zu reformieren.
Patrick Choinowski und Jana Tashina Wörrle

"Zuwanderung ist kein Allheilmittel"
DHZ: Wir haben in Deutschland ca. drei Millionen Arbeitslose und Sie forderten zuletzt 500.000 neue Zuwanderer, um offene Stellen zu besetzen. Wie passt das zusammen?
Prof. Zimmermann: Das passt insofern zusammen, als dass die deutsche Wirtschaft bereits in naher Zukunft mit dem seit Jahrzehnten diskutierten Fachkräftemangel sehr konkret konfrontiert sein wird. Die demografische Entwicklung und der fortwährende strukturelle Wandel führen vor allem zu mehr Nachfrage nach Fachkräften. Dies wird mittelfristig übrigens auch zu höheren Löhnen führen. Eine Arbeitslosenquote von null wird jedoch niemals erreicht werden. Wenn die Arbeitslosenquote bei vier Prozent liegt, spricht man heute von Vollbeschäftigung. Für Deutschland bedeutet dies, dass auch in Zukunft bis zu zwei Millionen arbeitslos sein werden. Es wird immer Menschen geben, die keine Arbeit finden. Qualifizierte Zuwanderer können aber umgekehrt zusätzliche Arbeitsplätze schaffen – ohne sie droht der Wirtschaft jedoch der Atem auszugehen.
DHZ: Laut Ihrer Berechnung wird Deutschland ab dem Jahr 2015 in einen Mangel an Fachkräften geraten. Worin liegen die Ursachen, was lief bisher falsch?
Zimmermann: Die Ursachen dafür sind vielfältig und die Fehler der Vergangenheit manifestieren sich heute in einer Vielzahl von Symptomen. So setzt sich der Alterungsprozess der deutschen Bevölkerung beschleunigt fort, der Rückgang der Geburtenraten ist nachhaltig und gleichzeitig sorgt eine erhebliche deutsche Binnenwanderung von Ost nach West dafür, dass Szenarien entvölkerter, infrastrukturell abgehängter Regionen keineswegs mehr utopisch sind. Obendrein verlassen immer mehr Deutsche ihre Heimat, sei es wegen empfundener Perspektivlosigkeit als Einfachqualifizierte oder sei es – und dies zuletzt verstärkt – als Hochqualifizierte, denen neben den klassischen Einwanderungsländern heute auch andere europäische Staaten bessere Erfolgsaussichten versprechen. Um diesen Herausforderungen wirksam begegnen zu können, ist Deutschland nicht nur auf Bildungs- und Sozialstaatsreformen angewiesen. Daneben bedarf es einer Zuwanderungspolitik, die die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands offen in den Mittelpunkt rückt.
DHZ: Welche Branchen werden von dem Fachkräftemangel besonders betroffen sein? Kann Zuwanderung ein Allheilmittel sein?
Zimmermann: Bereits heute zeichnen sich Mangelberufe im technischen Bereich, im Gesundheitswesen sowie in wichtigen Dienstleistungsfeldern ab. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Deshalb ist ein glaubwürdiges und ganzheitliches Konzept zum Thema Zuwanderung überfällig, jedoch keineswegs ein Allheilmittel. Es bedarf daneben weiterer Reformen. So bleiben etwa im Bildungswesen auch weiterhin zu viele Menschen auf der Strecke. Wir brauchen eine bessere Abstimmung von Ausbildungs- und Beschäftigungssystem. Außerdem ist es ebenfalls erforderlich, Frauen und ältere Menschen stärker in den Arbeitsmarkt zu integrieren, als dies bislang der Fall ist. Ansatzpunkte bieten sich etwa im Steuersystem, denn durch eine Abschaffung des Ehegattensplittings kann die weibliche Erwerbsbeteiligung erhöht werden.
DHZ: Deutschland steckt zudem in einem Lehrlingsproblem. Um die noch offenen Ausbildungsplätze zu besetzen, schlug Handwerkspräsident Otto Kentzler zuletzt vor, Lehrlinge aus Polen und Tschechien nach Deutschland zu locken. Ist das ein sinnvoller Weg? Sollten nicht bereits vorhandene Ressourcen besser genutzt werden?
Zimmermann: Auch hier bedarf es einer vielschichtigen Strategie. Eine Zuwanderung von Lehrlingen aus dem Ausland ist grundsätzlich sinnvoll, wenn es darum geht, kurzfristige Engpässe auf diesem Markt zu beseitigen. Mittel- bis langfristig bedarf es jedoch eines durchdachten Gesamtkonzeptes, in dem Zuwanderung ein wichtiger, aber nicht der alleinige Bestandteil ist. Darüber hinaus sind zum Beispiel Reformen im Bildungssystem dringend notwendig, etwa um zu gewährleisten, dass künftig mehr junge Menschen die Schulen mit ausreichender Ausbildungsreife verlassen.
DHZ: Was können Handwerksbetriebe tun, um junge Menschen zu einer Ausbildung im Handwerk zu begeistern? Und, welche Möglichkeiten haben die Betriebe, qualifiziertes Personal zu halten bzw. zu engagieren?
Zimmermann: Handwerksbetrieben, wie auch mittelständischen Unternehmen, bieten sich durchaus Chancen, denn es hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen. Während für frühere Generationen Aspekte wie etwa Einkommen, Internationalität und Karriere von entscheidender Bedeutung waren, so spielen heute für Berufseinsteiger neben der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor allem die Themen Unternehmenskultur und Werte eine immer gewichtigere Rolle. Genau hier können jedoch Handwerksbetriebe punkten. Sie haben deshalb eine gute Chance, im Wettbewerb mit den großen Konzernen in den nächsten Jahren konkurrenzfähig zu sein, wenn sie ihre spezifischen Vorteile offensiv herausstellen und auch ausspielen.
DHZ: Viele Betriebe haben Probleme, qualifizierte Zuwanderer zu engagieren, weil der Standort Deutschland von qualifizierten Fachkräften als nicht attraktiv erachtet wird. Was muss Deutschland tun, damit mehr Fachkräfte zu-, anstatt abwandern?
Zimmermann: Deutschland muss viel stärker als bislang im Ausland als attraktives Zuwanderungsland wahrgenommen werden. Der weltweite Kampf um die besten Köpfe hat längst begonnen. Deutschland muss hier dringend verlorenen Boden gutmachen. Es sollte endlich ein umfassendes, glaubwürdiges Gesamtkonzept vorgelegt und offensiv vertreten werden. Dies beinhaltet erstens klare Regeln zur Steuerung von Quantität und Qualität der dauerhaften Zuwanderung. Zweitens brauchen wir ein Verfahren für befristete Arbeitsmigration. Drittens ist Deutschland gut beraten, die Potenziale ausländischer Studienabsolventen gezielt auszuschöpfen. Und viertens sollte Deutschland zur treibenden Kraft werden, wenn es um die Formulierung einer EU-weiten Migrationspolitik geht.