"My World of Hearing" Zurücklehnen und die Ohren spitzen

Heinz Spitzmüller kennt die Sorgen schwerhöriger Führungskräfte. Als Handwerksunternehmer will der Exmanager speziell dieser Personengruppe helfen.

Uli Steudel

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    Heinz Spitzmüller mit Ehefrau Nicole (stehend/re.) mit Kunden bei der Simulation einer akustischen Herausforderung. Bei der technischen Einrichtung ihres Hörstudios hat ihnen ein Akustikingenieur geholfen. Foto: Böttcher
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    Bei der Anpassung des Hörgerätes setzt Hörgeräteakustikermeister Markus Andrae (li.) modernste Technik ein. Foto: Böttcher

Zurücklehnen und die Ohren spitzen

Heinz Spitzmüller war bei seinem beruflichen Aufstieg schon weit vorangekommen. Der Informatiker leitete während der größten Wachstumsphase von SAP den Vertriebs- und Marketingbereich in der Schweiz und war maßgeblich am reibungslosen Produktwechsel von R/2 auf R/3 beteiligt – ein Meilenstein in der Geschichte des Walldorfer Softwarekonzerns. Doch sein zunehmender Hörverlust stoppte die Managerkarriere. Heute führt Heinz Spitzmüller einen Handwerksbetrieb für Hörgeräteakustik mit dem Namen „My World of Hearing“ in Wiesenbach, unweit von Heidelberg. Zielgruppe: Menschen in gehobener beruflicher oder gesellschaftlicher Stellung.

Simulierter Lärm

Betont gemütlich setzt sich der Lift in Bewegung. Es ist, als solle alle Hektik des Alltags hinter der gläsernen Tür im Parterre zurückbleiben. Nur eine Etage höher betreten die Gäste die Welt des Hörens. Heinz Spitzmüller empfängt in einem Ambiente, das nicht im entferntesten an die Atmosphäre eines medizinischen Behandlungszimmers erinnert. Selbst die Technik bleibt im Verborgenen. Und doch wird sich der von exklusivem Design geprägte Raum schon bald in eine lärmende Metallbauwerkstatt verwandeln oder in ein Großraumbüro, in dem alle durcheinanderreden, während mehrere Telefone klingeln – Situationen, die Schwerhörigen Schwierigkeiten bereiten, weil im Wirrwarr der Geräusche wichtige Informationen verloren gehen. Um die optimale Alltagstauglichkeit der Einstellung der Hörsysteme zu überprüfen, werden solche Facetten der individuellen Hörwelt des Kunden bei "My World of Hearing" mit einem ausgeklügelten audiovisuellen Simulationssystem lebensecht nachempfunden.

"Hören ist eine Schlüsselqualifikation für beruflichen Erfolg", weiß Heinz Spitzmüller aus eigener Erfahrung. Obwohl schon bei der Musterung der Bundeswehr ein leichter Hörverlust diagnostiziert wurde, gestand sich der junge Informatiker wie viele Schwerhörige sein Handicap lange Zeit nicht ein. Unbewusst kompensierte er sein Defizit durch hörtaktisches Verhalten. Erst ab Mitte 30 benutzte der heute 46-Jährige konsequent Hörgeräte, die ihm jedoch oft nicht ausreichend weiterhalfen. Bei wichtigen Konferenzen kam der SAP-Manager immer seltener zu Wort. "Ich brachte meinen Standpunkt nicht mehr durch, weil es bei mir viel länger dauerte, die akustischen Signale des Redners zu decodieren. Da hatten die anderen schon geantwortet", erinnert sich Spitzmüller. Und obwohl er sich von verschiedenen Hörakustikern intensiv beraten ließ, fand er trotz moderner Hörsysteme keine geeignete Lösung für sein Problem. Anfang 2006 – damals schon hochgradig schwerhörig und im Wissen um die ärztliche Prognose einer weiteren Verschlechterung – einigte er sich mit SAP auf eine Aufhebungsvereinbarung.

Wenn der Bildschirm, der eben noch die Metallwerkstatt in das Akustikstudio projiziert hatte, verlischt, verwandelt sich die Fläche in eine transparente Wand. Sie gibt den Blick frei in das Labor von Markus Andrae. Der Hörgeräteakustikermeister findet in der Welt des Hörens in Wiesenbach die Bedingungen, die er sich immer schon gewünscht hatte. Dafür nimmt er auch gern einige Besonderheiten in Kauf, die bei seinem vorigen Arbeitgeber undenkbar gewesen wären. Mit den klassischen Ladenöffnungszeiten fände "My World of Hearing" bei ihrer speziellen Zielgruppe keinen Anklang. Oft finden die Erstgespräche sogar beim Kunden statt, ehe nach einer ausführlichen Bedarfsanalyse das richtige Hörsystem und das maßgeschneiderte Vorgehen für dessen Anpassung gefunden ist. Um dabei höchste Ansprüche an Komfort und Ästhetik erfüllen zu können, müssen Spitzmüller und Andrae stets mit dem modernsten Stand der Technik vertraut sein.

Denn viele Situationen wie etwa im Flugzeug oder bei gesellschaftlichen Anlässen lassen sich mit Standardlösungen von der Stange nicht zur vollen Zufriedenheit des Hörgeschädigten lösen, wie Heinz Spitzmüller selbst erleben musste. Er hat deshalb nach technischen Möglichkeiten geforscht, Schallmessungen vorgenommen und die Daten zur individuellen Einstellung seiner Hörgeräte genutzt. Dieses Know-how gibt er jetzt seinen Kunden weiter. Und wer etwa in seinem Job in einer Fremdsprache kommunizieren muss, ist auf ein optimales Hörvermögen besonders stark angewiesen. Speziell solche Personen möchte "My World of Hearing" ansprechen.

Zwei Seiten im Businessplan

Seinen Wechsel vom SAP-Manager zum Gründer eines Handwerksunternehmens hat Heinz Spitzmüller gewissenhaft, aber auch mit einer Portion Chuzpe vorbereitet. „Kein Kundenstamm“ taucht im Businessplan nicht nur auf der Seite der Schwachstellen auf, sondern gleichzeitig als Stärke. Es kommt eben immer auf die Sichtweise an. "Wir zielen auf ein Kundensegment, das am stärksten wächst. Schon in der Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen braucht jeder Vierte ein Hörgerät. Gleichzeitig werden sich die Lebensarbeitszeiten verlängern und Fremdsprachen immer wichtiger", blickt Heinz Spitzmüller in die Zukunft.

Nach den hohen Anlaufkosten seit der Gründung 2007 möchte der Jungunternehmer im nächsten Jahr Gewinn erwirtschaften und für den Drei-Jahres-Zeitraum von 2007 bis 2009 ein schwarze Null schreiben. Um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, hat er kürzlich eine weitere Meisterin eingestellt. Für das nächste Lehrjahr sucht er einen Auszubildenden.

Das Qualitätsmanagement wurde bereits zertifiziert. "Ziel ist es, in der Metropolregion Rhein-Neckar die erste Adresse für Hörgeschädigte mit gehobenen Ansprüchen zu werden", formuliert Heinz Spitzmüller seinen eigenen Anspruch.

Seit der Eröffnung im April 2008 hat der Kundenstamm erste Wurzeln geschlagen. Sogar sechs Ärzte gehören dazu. Und wenn der Kundenstamm weiter wie bisher wächst, wird der Businessplan bald eine Schwachstelle weniger haben.